Der Schriftsteller Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg am Bodensee. Foto: Karin Rocholl / Rowohlt Verlag
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Jakob Augstein im Gespräch mit Martin Walser Enthüllendes Verbergen

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Jakob Augstein unterhält sich in „Das Leben wortwörtlich“ mit seinem Vater Martin Walser über dessen Leben und Werk. Und ein klein wenig auch über ihre familiäre Beziehung.

Wer das Cover dieses neuen Buches aus der Produktion des unermüdlich veröffentlichenden Martin Walser betrachtet, sieht dort zunächst nur die Porträts von zwei Männern: eben das des 90 Jahre alten Schriftstellers und eines des 1967 geborenen Journalisten und Herausgebers der Berliner Wochenzeitung „Freitag“, Jakob Augstein. „Das Leben wortwörtlich“ lautet der schlichte Titel, es ist ein Gesprächsband, und warum soll ein bekannter Journalist nicht einen der berühmtesten Schriftsteller des Landes zu dessen Leben befragen?

Wer aber um die Vater-Sohn-Beziehung beider weiß, die Jakob Augstein 2009 öffentlich gemacht hat, dürfte ein privates Gespräch erwarten, eines mit gleichen Gesprächsanteilen, womöglich Reflexionen über komplexe Beziehungsgemengelagen, Schuld, späte Traumata, Schuldabtragungen. Zumal der Verlag solche Erwartungen auf dem Buchrücken mit einem Zitat aus dem Gespräch schließlich doch zu schüren versucht:  „Du bist mein Vater.“ – „Ein Umstand, der mich mit Freude erfüllt.“ – „Als ich ein Kind war, wusste ich das nicht. Und du vielleicht auch nicht. Ich war beinahe vierzig, als wir uns das erste Mal begegnet sind, du beinahe achtzig Jahre alt.“ – „Ja, Jakob, wir waren beide zu alt.“

Dementsprechend unterhalten sich Vater und Sohn zunächst kurz „über dieses Buch“. Darüber, warum es die Leute lesen sollten. Sie fragen sich, ob sie beide tratschen werden (aber ja, „auf hohem Niveau“), sie sagen, dass auch ihr Verhältnis eine Rolle spielen wird. Und Walser deutet an: „Wir werden uns natürlich immer an der Grenze zur Indiskretion bewegen.“ Doch schon bei diesen Gesprächseinstieg wird deutlich, wie die Rollen verteilt sind. Walser bleibt diskret, antwortet ausweichend, gibt zu verstehen, dass es hier bevorzugt um seine Person, sein Lebenswerk gehen wird – und Augstein geht seinem Beruf nach, stellt die Fragen.

"Ich schreibe nicht über mich selber", sagt Walser

Es folgt: Eine Unterhaltung über eine Kindheit in Wasserburg am Bodensee, über Martin Walsers Aufwachsen in den dreißiger Jahren und der Zeit des Krieges, über seine Eltern und Großeltern, deren Leben, deren Verstrickungen in den Nationalsozialismus. Insbesondere die Mutter steht im Fokus. Sie führt das Gasthaus der Walsers in Wasserburg, sorgt für das finanzielle Auskommen ihres Mannes und der beiden Söhne (Walsers älterer Bruder kehrt 1944 nicht mehr aus dem Krieg zurück), unterstützt von ihrem jüngeren Sohn. Auch von Walsers Mitgliedschaft im Jungvolk und in der Hitler-Jugend ist die Rede, „ohne eingetreten zu sein, ohne das beantragt zu haben“, und schließlich in der NSDAP, in die er aufgenommen wurde „ohne mein Wissen“, von einem Mann aus dem Ort, dem sogenannten Standortältesten.

„Ich schreibe nicht über mich selber“, sagt Walser einmal, ein anderes Mal, „ich würde nie eine Autobiografie schreiben“, weil ihn das „zu einer unangenehmen Art von Lüge zwingen“ würde, „die Lüge in den Memoiren, die möchte ich nicht“.

Walser hat zwar inzwischen zahlreiche seiner Tagebücher veröffentlicht, dazu mehrere autobiografisch zu verstehende, aus Aphorismen, Sentenzen und kurzen Einträgen bestehenden Bände mit einem gewissen Meßmer als Figur. Auch in vielen seiner Romane lassen sich autobiografische Spuren finden, gemäß der Walser-Devise, sich selbst am liebsten mithilfe von Figuren auszudrücken. So in seinem 1998 veröffentlichten Kindheitsroman „Ein springender Brunnen“ oder wie in seinem Anfang dieses Jahres erschienenen Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“, der weniger ein Roman als ein notdürftig fiktiv verhülltes aktuelles Gedanken- und Befindlichkeitssammelsurium darstellt. Aber eine stringente Autobiografie über sein ganzes Leben oder Ausschnitte davon? So wie Marcel Reich-Ranicki mit „Mein Leben“ oder Günter Grass mit „Beim Häuten der Zwiebel“? Die hat Walser nie geschrieben, weshalb sich nun „Das Leben wortwörtlich“ tatsächlich als solche verstehen lässt.

Der Journalist und Verleger Jakob Augstein. Er machte im Jahr 2009 öffentlich, dass er der Sohn von Martin Walser ist. Foto: Franziska Sinn / Rowohlt Verlag
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Chronologisch führt dieses Gespräch durch das Leben von Martin Walser - auch später, als es zu den entscheidenden Punkten in dessen Schriftsteller- und Reizfigurkarriere kommt. Da geht es um sein politisches Engagement als Schriftsteller, erst als explizit Linker, dann als einer, der die deutsche Teilung nicht akzeptiert; um sein Verhältnis zur Kritik im Allgemeinen und zu Marcel Reich-Ranicki im Besonderen, der ihn angeblich aus der Literatur vertreiben wollte mit dem harschen Verriss des Romans „Jenseits der Liebe“; um die Auschwitz-Essays in den sechziger Jahren, die umstrittene Paulskirchenrede 1998, den Roman „Tod eines Kritikers“, der 2002 erschien und Walser den bis heute immer wieder geäußerten Vorwurf eintrug, ein schlimmer Antisemit zu sein.

Das liest sich alles manierlich, mit Augstein als durchaus mal kritischen, nicht immer einverstandenen, mal bohrenden Stichwortgeber und Nachfrager. Im Kapitel über die deutsche Vergangenheit, den Streit über die „Instrumentalisierung“ von Auschwitz, ist der Sohn gar auf Debattenaugenhöhe und ergreift länger das Wort. Wer Jörg Magenaus Walser-Biografie nicht kennt, nicht den Roman „Ein springender Brunnen“, dürfte trotzdem die Wasserburg-Passagen am interessantesten, aufschlussreichsten finden, weil sie zusammenhängend erzählt sind und Walser differenziert-nachvollziehbar schildert, wie Deutschland sich dem Nationalsozialismus hingegeben hat.

Im Großen und Ganzen jedoch ist diesem Buch nichts wesentlich Neues, zusätzlich Erhellendes über Walsers Leben, Wirken und Denken zu entnehmen; nichts, was Walser nicht in anderen Zusammenhängen, in Interviews, Tagebüchern und Essays auch schon gesagt hat. Zum Beispiel von der Liebe, die er unweigerlich für seine Figuren empfindet, wenn er sich so lange mit ihnen beschäftigt. Also auch für André Ehrl-König, für den in „Tod eines Kritikers“ Reich-Ranicki das Vorbild war. Zum Beispiel über Deutschland und Auschwitz, „das wurde mit der Teilung weder gesühnt, noch ist mit der Aufhebung der Teilung die deutsche Schande ausgelöscht“. Oder über seinen Ausstieg aus dem Klima des Rechthabenmüssens. Dass er der „Selbstverteidigungspflicht müde“ sei, es trotz allem noch nicht „in aller Ruhe“ aushalten könne, missverstanden zu werden.

Walser sagt, er sei nicht verbittert, sondern "erfahrungsgesättigt"

Walser zeigt sich hier ganz in seinem reflektiert-unbeugsamen, vermeintlichen Wahrheiten stets misstrauenden Element, anders als in seinen Romanen versucht er nicht, „etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist“. Trotzdem fragt sich natürlich, jenseits des verkaufsfördernden, nicht unspektakulären familiären Verhältnisses, warum es nun ausgerechnet Jakob Augstein sein muss, der dieses resümierende, autobiografisch rückblickende Gespräch führen muss. Augstein ist bislang nicht als der Walser-Werkkenner hervorgetreten, als der er sich hier zeigt. Und als Walser-Sohn mag er zwar eine Vergangenheitsdebatte mit seinem Vater führen können, intensiver womöglich als andere, mag er fragen dürfen, ob Walser wegen der Paulskirchen-und-Tod-eines-Kritikers-Debatten „verbittert“ sei. Doch Walser lobt ihn dann einfach oder weicht aus („erfahrungsgesättigt“ sei er, nicht verbittert). So wie er vielsagend-verschwiegen bleibt, als Jakob ihn nach dem Namen seiner Mutter fragt, der, nur mit einem Datum versehen, einmal in den Tagebüchern auftaucht: „Ah, wenn da nicht mehr dort steht, dann heißt das etwas.“ Augsteins Mutter ist die Übersetzerin Maria Carlsson. Sie war bis 1970 die Ehefrau von Rudolf Augstein.

Am Ende reden Vater und Sohn doch noch „über uns“: über Augsteins Ahnungen in seinen Zwanzigern, über Carlsson, das Verhältnis Walsers zu ihr nach der Affäre, ihre Telefonate. Bemerkenswert ist der Satz von Augstein, warum immer die Kinder hinter den Eltern aufräumen müssten, auf Walsers Frage, weshalb er das Ganze öffentlich gemacht habe.

Und doch bleibt auch der Sohn dezent, diskret, geht es ihm nicht weniger um „das Gelingen des Ausdrucks“, wie es der Vater in der ihm eigenen Diktion nennt. So muss man wohl psychoanalytisch Walsers überraschende Schlusssätze dieses Kapitels als eine Art Schuldeingeständnis, als das eines Versäumnisses verstehen. All diese Gespräche hätten sie „wortwörtlich“ so geführt (was sicher nicht der Fall war, sondern viel schriftlicher Nachbearbeitung bedurfte), nur eben bis auf das „über uns“. Das habe sich Augstein laut Walser „beinahe ganz ausgedacht“. Warum bloß, fragt der Vater noch, ohne eine Antwort zu bekommen. Doch letztendlich ist das ganz in seinem Sinn, wirkt es wie das enthüllende Verbergen, das Martin Walser seit jeher bevorzugt.

Martin Walser/Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 352 Seiten, 20 €

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