Die Freundinnen Jameelah (Emily Kusche, l.) und Nini (Flora Li Thiemann) sind zusammen unschlagbar. Foto: Constantin Film
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Interview mit Ute Wieland und Uli Edel Heldinnen der Großstadt

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Teenager in Berlin, damals und heute: Filmemacherin Ute Wieland ließ sich für "Tigermilch" von Uli Edels "Christiane F." inspirieren. Ein Doppel-Interview.

Sommerferien in Berlin. Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche), beide 14, haben große Pläne: Das „Projekt Defloration“ soll in die Tat umgesetzt werden; Tigermilch, ein Mix aus Milch, Maracujasaft und Mariacron, ist ihr ständiger Begleiter. Doch der letzte Sommer der Kindheit steht unter keinem guten Stern: Jameelah und ihrer Familie droht die Abschiebung. Jugendfilmspezialistin Ute Wieland ("Freche Mädchen". "VC Venus") hat Stefanie de Velascos Coming-of Age-Roman „Tigermilch“ als wildes Großstadtmärchen adaptiert, eine Hommage auch an den Berlin-Film schlechthin, an „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Uli Edel aus dem Jahr 1981. Wieland hat u.a. bei Edel in der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studiert, seitdem kennen und schätzen die beiden sich.

Frau Wieland, Herr Edel, was haben Ihre Heldinnen von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und von „Tigermilch“ gemeinsam – und was trennt sie?
ULI EDEL: Bei mir ging es um ein zurückgenommenes, stilles Mädchen, das die ersten Schritte ins Leben macht und ratlos ist, wie es sich verhalten soll. In „Tigermilch“ dagegen sieht man Mädchen, die offen, kämpferisch und experimentierfreudig sind. Die das Leben nicht wegdrücken, sich nicht selbst Gewalt zufügen.

UTE WIELAND: Meine Protagonistinnen sind neugierig. Für die Mitte der Gesellschaft sind diese Mädchen Randfiguren. Aber ich wollte nicht von außen draufgucken, sondern mich hineinversetzen. Sie leben in einer Trabantenstadt am Rande Berlins – als Reminiszenz an Christiane F. haben wir in Gropiusstadt gedreht. Aber sie haben gar nicht das Bewusstsein, dass es ein sozialer Brennpunkt ist. Sie gehen mit einer unbändigen Energie durchs Leben.

EDEL: „Tigermilch“ thematisiert Weiblichkeit. Bei „Christiane F.“ dagegen sieht sich ein Mädchen mit einer Männerwelt konfrontiert, die es nicht verstehen kann. Es lernt sie eigentlich nur als Kunden kennen und empfindet das als absolut abstoßend, es sind ja die fehlenden Väter …

Ist das generationsbedingt, dass die Mädchen in „Tigermilch“ selbstbewusster sind als Christiane F.?
WIELAND: Ich würde sagen, es ist zeittypisch. Es sind normale Teenager in einer polarisierten, gespaltenen Gesellschaft. Jameelah, die vermeintliche Ausländerin, hat das größere Selbstbewusstsein, während Nini, die Deutsche, eher hinter ihr herwackelt. Sie trauen sich mehr, weil sie zu zweit sind, bewegen sich zwischen mitteleuropäischem teeniemäßigen Partymachen und muslimisch geprägtem Ehrenkodex.

EDEL: Die Filme enden ja sehr unterschiedlich: Christiane versucht am Ende verzweifelt, sich eine Überdosis zu geben, und überlebt nur zufällig. Bei Ute steht am Schluss zwar auch eine Enttäuschung, aber dann passiert etwas: Mit einem rebellischen, selbstbewussten Ausdruck hebt Jameelah die Faust, das ist für mich das Gegenteil von Selbstaufgabe.

Sind Mädchen heute generell mutiger?
WIELAND: Sie kommunizieren mehr, sie stellen sich mehr dar. Trotzdem glaube ich, ist das immer noch ein sehr anstrengendes Alter, in dem man zwischen Depression und dem Gefühl, unsterblich zu sein, gefährdet ist abzurutschen.

"Tigermilch"-Regisseurin Ute Wieland (r.) mit ihren Darstellerinnen Flora Li Thiemann (l.) und Emily Kusche. Foto: Constantin Film
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Haben Drogen noch den gleichen Einfluss wie damals?
EDEL: Man kennt sich mit Drogen heute besser aus. Als ich meinen Film machte, wussten viele nicht, dass es so eine Szene überhaupt gibt, obwohl jeden Tag Menschen am Bahnhof Zoo aus der U-Bahn stiegen und bis zu 150 Kinder sahen, die sich dort prostituierten. Man hat das nicht wahrhaben wollen. Die staatlichen Institutionen, die helfen wollten, haben alles falsch gemacht, die Erfolge waren teilweise erlogen, um weiterhin Subventionen zu bekommen. Als der Film rauskam, hat Frau Weizsäcker sich vor die Kamera gestellt und die Eltern gewarnt, ihre Kinder in diesen Film zu lassen. Am nächsten Tag waren die Schlangen doppelt so lang.

Es gibt ikonische Bilder: das Dach des Europacenters bei „Christiane F.“, die Bänke vor der Matschinsky-Denninghoff-Skulptur am Ku’damm in „Tigermilch“.
WIELAND: Ich wollte weg von den typischen Mitte- und Friedrichshain-Bildern, weg von Orten der Subkultur, der Hipster, des Bürgertums. Stattdessen wollte ich die Mädchen in einer Siedlung verwurzeln, die ein Brennpunkt verschiedener Kulturen ist. Sie fahren dann mit der Clique zum Schmelztiegel Bahnhof Zoo.

EDEL: Die Szene in „Christiane F.“, in der sie unter dem Symbol des Kapitalismus, dem Mercedesstern, auf dem Europacenter stehen, war natürlich ein zentrales Bild: dass diese Gruppe von Fixern und Strichern sich da trifft wie an einem Leuchtturm. Die Stadt liegt im Nebel, sie sind auf sich gestellt. Es sollte Isolation ausdrücken; über dem eingeschlossenen Berlin lag damals genau diese Stimmung.

„Christiane F.“ ist ein düsterer Film, „Tigermilch“ ist viel heller.
WIELAND: Mein Ansatz war, dass die Welt der Erwachsenen grau und schlammig ist. Die Kostüme der Eltern sind beige und sandfarben, aber wenn die Mädchen losziehen, dann wird es bunt.

Regisseur Uli Edel, der 1981 "Christiane F." drehte, später auch Filme wie "Der Baader-Meinhof-Komplex". Foto:dpa/ picture alliance / Ursula Düren
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Wie haben Sie denn das Thema Drogen recherchiert und umgesetzt?
EDEL: Ein paar Sozialarbeiter haben mir geholfen, und als die Drogenabhängigen mitbekamen, dass ich das Buch über Christiane F. verfilmen will, haben sie mitgemacht. Die Schauspieler hatten bis auf einen Ex-User aber alle absolut nichts mit Drogen zu tun. Ich habe versucht, beim Drehen nicht über Drogen zu sprechen, habe der Nadja also zum Beispiel nicht erzählt, wie Heroin wirkt, sondern gesagt: Stell dir vor, an deinen Augenlidern hängen kleine Gewichte.

WIELAND: Natürlich gab es keine Drogen für die Jugendlichen. Und ich habe von Anfang gesagt: Ich will nicht, dass ihr betrunken am Set seid. Die Handlungen, die Grenzüberschreitungen der Mädchen sprechen für sich.

Denken Sie eigentlich an Zielgruppen bei der Arbeit?
WIELAND: Ich war einfach von dem Roman gepackt und fing an, am Drehbuch zu arbeiten. Als dann irgendwann jemand nach der Zielgruppe fragte, konnte ich nur sagen: Mein Ansatz ist der, aus der Perspektive der Mädchen zu erzählen, genau wie der Roman. Der Film ist jedoch komplexer als ein reiner Jugendfilm. Er hat auch Erwachsenen etwas zu erzählen über unser Land.

EDEL: Wir haben uns damals auch nie über Zielgruppen Gedanken gemacht. Dass ich den Film machen wollte, hatte mit der Hauptdarstellerin, mit dem Buch zu tun. Es gab keine Filme über die Drogenabhängigkeit von Jugendlichen oder Kindern, „Trainspotting“ kam ja erst später. Und „Der Mann mit dem goldenen Arm“ mit Frank Sinatra handelte von einem Erwachsenen. Bei der ersten Vorführung vor der alten Verleiher-Garde der Constantin kamen die älteren Herren enttäuscht aus dem Kino, sie hatten etwas anderes erwartet. Ein bisschen mehr Sex hätte doch drin sein können, es gab ja damals den „Schulmädchenreport“. Die schätzten damals, dass der Film höchstens 500 000 Zuschauer bekäme. Es waren dann an die fünf Millionen.

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