Joachim Lottmann, 1956 in Hamburg geboren. Foto: Haffmans & Tolkemitt/pap

"Hotel Sylvia" von Joachim Lottmann Verlieren wäre besser gewesen

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Endlich da - aber leider nur ein geheimnisloses Zwischenwerk: Joachim Lottmanns Novelle „Hotel Sylvia“.

Nein, so eine Insolvenz, die kann Joachim Lottmann wirklich so gar nichts anhaben. Lang erwartet war seine Novelle „Hotel Sylvia“, der Beginn seines Alterswerkes, wie Lottmann im Verlagsprogramm verlautbarte, ein Buch aus dem Nachlass, wie er bei Facebook schrieb. So lang erwartet, dass sie fast in Vergessenheit geriet, darüber sein Verlag Haffmans & Tolkemitt erst insolvent ging, dann von Till Tolkemitt wieder zurückgekauft und zumindest halbwegs und im Kleinen gerettet wurde.

Lottmann verweist auf "Homo Faber" und "Ein fliehendes Pferd"

Nun ist „Hotel Sylvia“ doch erschienen, und leider muss man sagen: Ein Meisterwerk ist das Büchlein nicht, kein zweites „Ein fliehendes Pferd“, kein zweites „Das Register“, kein „Homo Faber“, kein Nichts, auch kein Garnichts. Halt eine Lottmann-Erzählung. Nur dass diese mal nicht die reine Gegenwart beschreibt, die reine Lottmann-Gegenwart, wie sonst. Seine Protagonisten, die Brüder Wolfgang und Manfred, fahren nämlich in einen italienischen Urlaubsort, in dem sie schon die Sommer ihrer Kindheit verbrachten. Erinnerung sprich, also. Manfred ist krank, aber nur irgendwie, und Wolfgang will ihn auf andere Gedanken bringen im „Hotel Sylvia“, „dem Haus unserer Jugenderinnerungen“. Auch mit dabei: die um mindestens drei Jahrzehnte jüngere Agnes, die sich weder als die Tochter von Wolfgang noch von Manfred entpuppt („Homo Faber“ ist ihr Lieblingsbuch!), sondern einfach als Bekannte von Wolfgang: „Jedenfalls schien Agnes ein Herzchen zu sein, ein echter Darling, wie man vor Jahrzehnten gesagt hätte. So schön das für mich war, machte ich mir jetzt Sorgen um sie. In was hatte ich sie da hineingezogen!“

Viel besser sind Lottmanns "Hotel-Sylvia"-Werbetexte

Ja, in was bloß? Viel passiert nicht, weder inhaltlich noch literarisch – Wolfgang ist ein ganz schöner Ätzmeister, so wie er die Macken seines Bruder schildert, und trotz aller gebotenen Ironie ein lüstern-onkeliger Frauenversteher, wie Onkel JoLo selbst. So schnurrt und stolpert diese sogenannte Novelle voran: ein bisschen leichtes Händchen, ein bisschen Geplapper, ein bisschen Geplätscher.

Das ist insofern schade, als dass gerade Lottmanns „Hotel Sylvia“-Werbetexte viel, viel besser sind. Das Interview, das er mit sich selbst in seinem Blog geführt hat und in dem er etwa sagt: „Gegenüber Marco Verhülsdonk habe ich sinngemäß geäußert, dass ich nicht mehr an ‚Hotel Sylvia‘ glaube.“ Und die lustige „Geschichte hinter ,Hotel Sylvia’“, die neulich in der „FAS“ stand. Darin überlegt er: „Nie wieder Alterswerk. Was die Welt wohl noch alles von mir gewollt hätte, wenn das Ding wirklich eingeschlagen und gängige Schullektüre geworden wäre. (...) Jede Woche hätte ich irgendwo auf der Welt im Goethe-Institut lesen müssen.“

Ach, das wäre es gewesen: ein „lost album“, ein verschollenes Buch, ein geheimnisumwittertes, unveröffentlichtes Meisterwerk aus dem Alterswerk von Lottmann. Nun ist es bestenfalls: ein geheimnisloses Zwischenwerk.

Joachim Lottmann: Hotel Sylvia. Novelle. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2016. 125 Seiten, 14,95 €.

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