H heißt was? Szene mit Bettina Grahs, Lajos Talamonti und Niels Heuser (v. r.) am Berliner HAU. Foto: HAU/David Baltzerp

HAU Berlin: Heimat reloaded Heino, Hegel, Himmler

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Zwischen Tracht und Terror: Das Berliner HAU erkundet in „Heimat reloaded“ deutsche Verlustängste.

Ist sie ein Gefühl? Ein Stück Land? Ein Geburtsrecht? Oder doch nur der Ort, an dem noch niemand war? Schwer zu sagen. Heimat zählt definitiv zu den schwer fassbaren Begriffen. Und zu den ideologisch geladenen, politisch umkämpften. Weswegen sich die Performer auf der Bühne des HAU zu Beginn erst mal annäherungsweise durch ein Deutschland-Alphabet mit nur einem Buchstaben hangeln: H wie Heimat. Wie Hoyerswerda, Heino, halber Hahn, Hundekotbeseitungsbeutelspender, Herdprämie, Helmut und Hannelore, Heino, Hegel, Himmler. Man könnte noch lange so weitermachen. Eine kurze Geschichte der H.

Die jüngste Inszenierung der Dokumentartheater- und Recherche-Spezialisten Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura nennt sich „Heimat reloaded“. Sie betreiben Feldforschung auf einer Scholle, die dem einen alles, dem anderen gar nichts bedeutet. Ein Abend zwischen Tracht und Terror. Neben Labortischen, die mit Erde bedeckt sind, auf denen ein Tannenbaum oder ein Landschaftsidyll in Miniatur steht (Bühne: Doreen Back und Dominik von Stillfried), wird mit gewohnter Akribie ein Thema seziert, das spätestens seit der nationalsozialistischen Diktatur und heute mehr denn je kontaminiert ist.

In den Fünfzigern gab es noch Heimatfilme, die „Schwarzwaldmädel“ hießen, oder „Grün ist die Heide“: eine Försterliebe in Technicolor, Balsam fürs Vertriebenen-Gemüt. Ein folkloristischer Eskapismus, der sich geradezu niedlich ausnimmt gegen die nationalistischen Strömungen, die gegenwärtig in Europa und in Deutschland unter der neuen Heimatfahne erstarken. Die Hetze gegen Geflüchtete, gegen Muslime, gegen alles Fremde lässt sich ja bestens mit der Sorge ums Ureigene bemänteln, was auch immer die Rechten und die Völkischen damit verbinden. Religion, Tradition, Haarfarbe der Mehrheit?

Kroesinger und Dura ziehen durch die Begriffshistorie

Wie man es von Kroesinger und Dura gewohnt ist, unternehmen sie einen vielfach verlinkten Zug durch die Historie. Bettina Grahs, Niels Heuser, Lajos Talamonti und Sven Walser präsentieren im Wechselspiel das Recherchematerial, das bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht, als es noch ein sogenanntes Heimatrecht gab – es sicherte Aufenthaltsrecht, Armenversorgung durch die Gemeinde und die letzte Ruhestätte zu. Auch nicht unwichtig. Ein paar Jahrhunderte später, bei Willy Brandt, war Heimat dann zur Idee einer Solidargemeinschaft gewachsen, die soziale Geborgenheit garantiert. Wohingegen aus marxistischer Perspektive, ebenfalls nicht zu vernachlässigen, Heimat als Kampfplatz für die Eigentumslosen begriffen wird, die darum ringen, sich auch ein Stück Welt anzueignen.

Für andere bilden Heimat und Patriotismus ein belebendes Zwillingspaar. Wozu notwendigerweise die schöne deutsche Sprache gehöre. „Ohne gemeinsame Landessprache in Öffentlichkeit und Alltag ist gedeihliches Zusammenleben nicht möglich“, so heißt es im „Aufruf zu einer Leit- und Rahmenkultur“ der CSU Bayern und CDU Sachsen von 2016. Wo kämen wir sonst hin? Schon der „Lebensphilosoph“ Ludwig Klages (1872–1956) warnte und barmte: „Die Heimat ist von der modernen Gleichschaltung bedroht. Was haben die letzten Jahrzehnte aus der Welt und insbesondere aus Deutschland gemacht? Was ist aus unserer schönen herrlichen Heimat mit ihren malerischen Bergen, Strömen, Burgen und alten Städten geworden?“ Ja, was?

Mit dem Versprechen vom Schutz der Heimat lässt sich Erfolgspolitik machen

Heimat, das vermittelt dieser Abend, ist ein Thema, mit dem sich verhängnisvoll wirksam an Verlustängste rühren lässt. Was AfD und Pegida genauso in Hände spielt wie den Rechtsideologen der „Identitären Bewegung“. Die wirbt mit dem Bild von Menschen mit Federkopfschmuck, über denen steht: „Die Indianer konnten die Einwanderung nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten.“ Ob die muslimischen Horden „uns“ Deutsche bald auch dort halten wollen? Wäre das Ganze nicht so traurig, man könnte darüber nur lachen.

Kroesinger und Dura, die sich in der Vergangenheit viel mit Genoziden befasst haben (an den Armeniern oder in Ruanda), die Weltkriege und ihre Vorbedingungen oder das Wirken der Grenzschutzagentur Frontex durchleuchtet haben, legen hier einen notwendigen Zwischenruf vor.

Mit dem diffusen Versprechen vom Schutze der Heimat lässt sich ja heute auf globaler Ebene Erfolgspolitik betreiben. Da kann es nicht schaden, mal einen genauen Blick darauf zu werfen, wovon da eigentlich die Rede ist. Wobei im Falle der Heimat mehr denn je gilt: Je näher man einen Begriff betrachtet, desto fremder schaut er zurück.

HAU 3, wieder vom 14. bis 17. Dezember.

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