Eine deutsche, keine DDR-Geschichte. Hans Joachim Schädlich Foto: Isolde Ohlbaum
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Hans Joachim Schädlich Reise durch ein totalitäres Jahrhundert

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Von der Literaturkritik und Kollegen sehr geschätzt, von einem größeren Publikum aber unbeachtet: Eine Begegnung mit dem Berliner Schriftsteller Hans Joachim Schädlich.

Es ist schwer, einen Gesprächstermin mit Hans Joachim Schädlich zu bekommen. Er will nicht, heißt es beim Rowohlt Verlag, man versuche ihn zu überreden. Ausgeschlossen sei jedoch, dass Schädlich irgendetwas zu der Sache mit seinem Bruder Karlheinz sage, der ihn zu DDR-Zeiten als IM Schäfer für die Stasi bespitzelt hatte und sich 2007 auf einer Parkbank in Prenzlauer Berg erschoss. Am besten sei es, mit ihm über seinen jüngsten Roman „Kokoschkins Reise“ zu reden.

Das erinnert daran, dass Schädlich einmal ein Interview 1998 mit Herlinde Koelbl begonnen hatte mit den Worten: „Ich muss Ihnen gleich sagen, ich habe nichts zu sagen. Es ist an sich uninteressant, mit mir zu reden“. Auf Koelbls Nachfrage erwiderte er: „Weil ich ja das, was ich zu wissen glaube, schriftlich auszudrücken versuche. Und was soll man sonst sagen.“ Allerdings führte Schädlich dann mit Koelbl ein manierliches Gespräch, in dem er interessante Dinge sagte, über seine Literatur, sein Leben und auch den Verrat durch den Bruder, von dem er 1992 bei der Durchsicht seiner Stasi-Akte erfuhr.

Schließlich verweigert er sich auch in diesem schlimmen Winter des Jahres 2010 nicht. Pünktlich um zehn Uhr sitzt er an einem Freitagmorgen im Literaturcafé in der Fasanenstraße: schwer erkältet, die beschwerliche Reise mit der Deutschen Bahn nach einer Lesung in Basel in den Knochen, aber gut gelaunt und bereit, Rede und Antwort zu stehen. Die Lesung sei sehr gut gewesen, aber auf der Rückreise habe er kurz gedacht: „Das ist nicht wahr, das steht nicht dafür, es ist zu anstrengend.“ Er sei keine siebzig mehr, sagt er lachend. Beklagen wolle er sich jedoch nicht. Das Jahr sei toll gelaufen, mit sehr positiver Resonanz auf seinen Roman, vielen Lesungen, der Buchpreis-Nominierung und dem Corine-Preis im November.

Trotz dieser Erfolge gehört Hans Joachim Schädlich, der 1935 in Reichenbach im sächsischen Vogtland geboren wurde, zu den zwar von der Literaturkritik und Kollegen sehr geschätzten, von einem größeren Publikum aber unbeachteten Schriftstellern. Viel mehr von sich reden machten letztes Jahr wieder einmal Günter Grass mit seinem angeblich letzten Buch „Grimms Wörter“ sowie seiner Stasi-Akte (Kai Schlüters „Günter Grass im Visier“) oder Martin Walser mit seinen Tagebüchern der Jahre 1974 bis 1978.

Schädlich, wenngleich fast zehn Jahre jünger, muss aber in einem Atemzug mit Grass oder Walser genannt werden. Sein Werk hat etwas Solitäres. Es ist politisch, ohne explizit politisch sein zu wollen, geprägt von einem hohen moralischen Anspruch, einem außerordentlichen Stilwillen, nie von Literaturmoden bestimmt. „Kokoschkins Reise“ macht da keine Ausnahme. Darin erzählt Schädlich in einer knappen, fast kargen, aber anschaulichen Sprache die Geschichte eines 95-jährigen Exilrussen. Fjodor Kokoschkin befindet sich auf einer Schiffsreise von Europa nach New York, wo er wohnt. Und er erinnert sich der Stationen seines Lebens: der Kindheit in St. Petersburg, der Flucht vor den Bolschewisten nach Odessa, an das Berlin der zwanziger Jahre, seine Emigration 1933 in die USA und einen Prag-Besuch 1968. „Kokoschkins Reise“ ist ein Jahrhundertroman, in dem auch die Globalisierung und der 11. September 2001 reflektiert werden.

„Das sieht nach Absicht aus“, sagt Schädlich, „war es aber nicht: Ich wollte wirklich nur eine Geschichte erzählen, in deren Mittelpunkt die Konfrontation eines Einzelnen mit den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts steht.“ Bevor er jedoch auf seinen neuen Roman zu sprechen kommt, thematisiert Schädlich aus eigenem Antrieb seine familiären Umstände. Was daran liegt, dass in Basel das Buch seiner 1965 geborenen Tochter Susanne mit dem Titel „Immer wieder Dezember. Die Stasi, der Westen, der Onkel und ich“ wieder neben seinen Büchern lag: „Ich war froh, dass sie sich die Mühe gemacht hat, die Sache mit ihrem Onkel zu behandeln, alle Akten noch einmal zu lesen und darüber zu schreiben. Ich bin dessen überdrüssig. Mich ekelt das an.“

Und: „Susanne musste damit fertig werden. Er war wie ein Ersatzvater für sie, ihr Lieblingsonkel, weltläufig, gutaussehend. Ich habe ihr Manuskript gelesen, sie hat mich befragt, und es ist eine Menge hochgekommen. Trotzdem bin ich fertig damit, ich konnte darüber nichts mehr schreiben.“ Getan hat er das gleich nach der Akteneinsicht 1992. Er schrieb „Die Sache mit B.“, nachdem er sich mit Karlheinz ergebnislos und ohne dass jener Reue oder Einsicht zeigte, unterhalten hatte: „Nach dem Gespräch habe ich ihn nie wieder gesehen. Auch er machte keine Anstalten, und keiner von uns war bei seiner Beerdigung.“

Wie stark Schädlich die Geschichte noch belastet, ist schwer zu beurteilen. Vielleicht ist er darüber hinweg, so distanziert-nüchtern wie er von seinem „Ekel“ spricht. Vielleicht hat er es tief in seinem Innern gut vergraben. Freimütig aber spricht er ansonsten über Familiäres. Über die wenigen Treffen, die er mit seinem Sohn aus erster Ehe hatte nach seiner Ausreise 1977, in Prag, Warschau und Budapest, und wie wichtig die gewesen seien, „sie bewahrten uns das Gefühl der Verbundenheit“. Oder dass er nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Krista-Maria weiter ein gutes Verhältnis zu ihr hat. Oder er es bedauere, kein sehr fürsorglicher Vater gewesen zu sein.

Schädlich strahlt eine vermeintlich gelassene Bedächtigkeit aus, wie er da in einer braun-schwarzen Anzugskombination am Cafétisch sitzt. Er spricht langsam, ist um präzise Aussagen bemüht. Und fast einer Explosion kommt es gleich, als er unvermittelt das Thema wechselt: „Jetzt haben wir schon so viel Zeit verloren, ohne über ’Kokoschkins Reise’ zu sprechen!“

Das tut er dann ausgiebig. Er erklärt, wie es zu den zwei Erzählebenen kam und er für die Rückblenden Kokoschkins einen Dialogpartner brauchte; dass da zuerst die reale historische Figur Kokoschkin gewesen sei. Der war nach dem Sturz des Zaren 1917 Minister in einer demokratisch gesinnten Übergangsregierung und wurde wie viele seiner Mitstreiter liquidiert. „Der Sohn Fjodor ist natürlich fiktiv, dessen Leben sollte durch die Jahrhundertereignisse bestimmt werden.“

Dafür, dass er später noch sagen wird, wie wenig Lust er habe, über seine Bücher zu sprechen, dass er überhaupt dagegen sei, sich selbst zu interpretieren, erklärt er die Entstehungsweise seines Romans sehr detailliert. Unter anderem auch, was für ein „Glücksfall“ es war, dass ihm Kokoschkins Stationen in Bad Saarow und Templin vertraut waren, ging er hier doch in den fünfziger Jahren zur Schule. Darüberhinaus streut er immer wieder poetologische Hinweise ein. Dass ihm wenig an einem autobiografischen Ausdruck liege, er genau trenne zwischen seiner Autobiografie und dem Material, das diese ihm für seine Bücher liefere. Oder dass sein Stilprinzip sei, „etwas zu sagen, ohne es direkt zu sagen. Das war seit meinem Debüt ’Versuchte Nähe’ so, mit der Zensur in der DDR hatte das nichts zu tun.“ Auch die Bezeichnung „DDR-Schriftsteller“ fand er stets störend und irreführend. Erschien doch nur „Versuchte Nähe“ zu einer Zeit, da er noch in der DDR lebte, 1977. Kurz vorher hatte er seine Stelle an der Akademie der Wissenschaften verloren, nach der Unterschrift unter eine Petition für Wolf Biermann. Ende 1977 reiste Schädlich aus, und erst 1986 erschien sein zweites Buch „Tallhover“. Darin schildert Schädlich die weit über hundert Jahre währende Lebensgeschichte des politischen Polizisten Tallhover, der Mitte des 19. Jahrhundert dem preußischen König genauso ergeben dient wie später dem deutschen Kaiser, den Nazis und den Kommunisten. „Gerade der Tallhover ist eine gesamtdeutsche Figur, der hat doch eine deutsche, keine DDR-Geschichte“, sagt Schädlich heute.

Tallhover war so gesamtdeutsch, dass ihn sein Freund und Förderer Günter Grass als Figur in „Ein weites Feld“ übernahm, zunächst mit seinem Einverständnis. Doch kam es über die Tallhover-Rolle bei Grass („Bei mir ist das ein knallharter Spitzel, bei ihm ein Freund des Bespitzelten!“) und wie die Figur urheberrechtlich in dem Roman gekennzeichnet wird, zu einem folgenreichen Streit. Schädlich erinnert sich an ein Essen mit Grass, bei dem der ihm anbot, sich auf der Frankfurter Buchmesse 1995 an „Ein weites Feld“ anzuhängen. Was Schädlich zu der Frage veranlasste: „Wer hängt sich hier an wen?“ Grass sei sauer geworden: „Ich sehe, du bist eben geschäftsuntüchtig“. Dann aber, so Schädlich weiter, habe Grass einen „viel schwerwiegenderen“ Satz gesagt: „Du bist eben immer noch derselbe blöde Ossi wie die anderen Ossis auch.“

Seitdem herrscht Funkstille. Wiewohl Schädlich heute einräumt, dass an seiner Geschäftsuntüchtigkeit vielleicht etwas Wahres dran sei. Es falle ihm schwer, sich etwa bei Preisverleihungen zu inszenieren, und auch das ganz Talkshow-Wesen finde er höchst merkwürdig. „Ich nenne die Talgshows!“ Als er das alles sagt, lächelt er geheimnisvoll, um dann, schon vor dem Literaturhauscafé stehend, zu berichten, wie er bei den Recherchen für „Kokoschkins Reise“ herausfand, dass die in seinem Buch eine Rolle spielende Berliner Pension Crampe sich mit C und nicht mit K schreibe. Und er erzählt auf dem Weg zum Kurfürstendamm die Geschichte seiner ehemaligen, mit der Drogenwelt in Verbindung stehenden libanesischen Nachbarn. Und ihm fällt vor dem Eingang zum U-Bahnhof Uhlandstraße ein, dass ihn neulich bei einer Lesung jemand gefragt habe, ob Schädlich ein Pseudonym sei. Seine Antwort: Würden Sie sich so ein Pseudonym ausdenken?

Diese Anekdote führt ihn zu dem Namen „Schädling“, den die Stasi ihm gegeben hatte, und zu weiteren Mitteilungen, die es ihm wert erscheinen. So muss beim Abschied die Frage unbeantwortet bleiben, warum er mit der Interviewzusage so lange gezögert hat. Denn zu erzählen hat der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich eine Menge.

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