Stehen in den Sternen. Anna Mateur und Tobias Bonn. Foto: Barbara Braun
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"Frau Luna" im Tipi Äther der Klamotte

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Windschnittig: Die Wiederaufnahme des Operetten-Überraschungserfolgs "Frau Luna" im Tipi am Kanzleramt.

Jetzt ist die Geschlechterverwirrung komplett: Schon in der Originalbesetzung von Bernd Mottls „Frau Luna“-Inszenierung gab es zwei männliche Damendarsteller, nämlich Christoph Marti von den Geschwistern Pfister, der mit kodderschnauziger Verve und wilhelminischer Beton-Hochsteckfrisur die Witwe Pusebach spielt. Und Ades Zabel, der als Fräulein Groom haargenau so agiert, wie man das von seiner Kunstfigur Edith Schröder kennt. Beide sind nun auch in der Wiederaufnahme des Operetten-Überraschungserfolgs im Tipi am Kanzleramt dabei, hinzu kommen Katharina Thalbach als Prinz Sternschnuppe und Fausto Israel als Göttin Venus.

Was nur konsequent ist. Denn das nonchalante Spiel mit den sexuellen Identitäten ist genau der Kick, der diese Produktion unverwechselbar berlinerisch macht. Musikalisch versucht Arrangeur und Dirigent Johannes Roloff, mit seinen Berliner Mondharmonikern dem Geist von Paul Linckes 1899 komponierter Musik ganz nahe zu kommen, Dialoge und Handlung sind weitgehend librettogetreu, die Ausstattung von Friedrich Eggert und Heike Seidler mixt lustvoll Jahrhundertwende-Optik mit der Fernsehoperetten- Ästhetik der sechziger Jahre. Um da nicht in die Nostalgiefalle zu tappen, bedarf es einer Atmosphäre der konsequenten Selbstironie bei allen Beteiligten. Und die funktioniert gerade in den Männlein- Weiblein-Wechseleien sehr gut.

Katharina Thalbach enttäuscht die Erwartungen nicht

Katharina Thalbach wird bei der Wiederaufnahme-Premiere mit prasselndem Auftrittsapplaus empfangen – und enttäuscht die Erwartungen nicht. Zurechtgemacht als eine Art Professor Unrat im Rokokokostüm, liefert sie eine virtuose, charmant-schrullige Charakterstudie des Sternschnuppen-Prinzen ab. Und Paul Linckes größter Hit, der seinerzeit selbst in Amerika Karriere gemacht hat und zum Jazz-Standard wurde, das „Glühwürmchen-Idyll“ nämlich, klang wohl noch nie so lasziv wie bei Fausto Israels langbeiniger Liebesgöttin.

Windschnittig schnurrt die galaktische Klamotte jetzt wieder acht Wochen lang im Tipi ab. Da profitieren die Besucher der Wiederaufnahme von den Praxiserfahrungen des ersten Durchgangs. Die Pointen kommen auf den Punkt, die Gaga- Tänze der acht Mond-Elfen (Choregrafie: Christopher Tölle) sind eine Wucht, Andreja Schneider präsidiert als Frau Luna dem tollen Treiben mit divenhafter Grandezza. Und Tobias Bonn wird immer peteralexandrischer: Der beste Sänger auf der Bühne war er schon im vergangenen Jahr, in puncto szenischer Geschmeidigkeit hat er jetzt noch einmal zugelegt. Dieser Theophil ist ein echter Crooner. Himmlisch.

Tipi am Kanzleramt, bis 11. März

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