Der britische Bestseller-Autor Ken Follett mit seiner Ehefrau und Managerin Barbara Follett Foto: dpa/Arne Dedertp

Frankfurter Buchmesse Der Weltstar und der Newcomer

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Lesungen sind Inszenierungen: Wie der Bestsellerautor Ken Follett sich auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert - und der junge Franzose Edouard Louis.

Da kommt er, der erfolgreichste Schriftsteller der Welt. Ein soignierter Herr im blauen Blazer mit Weste und Krawatte, bewacht und vorgestellt von seiner zweiten Frau und Managerin Barbara Follett. Das heißt: Da kommt das Bild, das Ken Follett von Ken Follett präsentiert. Eine Inszenierung seiner selbst, die sich vor Überraschungen schon dadurch schützt, dass die eigene Anwesenheit in der Messehalle 4 allenfalls die Draufgabe zur Vorführung eines viertelstündigen Imagefilms ist.

„On the Trail of History“ (auch auf Youtube) erzählt so ziemlich alles, was man über Entstehung und Inhalt seines gerade bei Bastei Lübbe erschienenen Romans „Das Fundament der Ewigkeit“ wissen kann und soll. Was danach noch offenbleibt, steht in einer 32-seitigen Autorenbroschüre, die vom Porträt über das Interview bis zur Rezension alle Aspekte seines Schaffens bis zum nunmehr dritten, diesmal im 16. Jahrhundert angesiedelten Roman über das fiktive englische Kingsbridge abdeckt.

Der dreidimensionale Follett fasst noch einmal zusammen, wie er seinen über tausendseitigen Spionageroman zu Zeiten Elisabeths I. über eine Frühform des britischen Secret Service verstanden wissen will. Und im Gespräch mit Journalisten und Lesern fällt dann auch keine Frage, die der 68-jährige Autor nicht schon gehört hätte, keine Antwort, über die dieses walisische Selbsterklärungsgenie nachdenken müsste. Beredt entfaltet er seine Ansichten über eine Welt, in der die Tyrannei das Gewöhnliche und die Freiheit die Ausnahme sei.

Ken Follett soll allein in Deutschland 30 Millionen Bücher verkauft haben

Mit dem Thema Religionsfreiheit ergänzt „Das Fundament der Ewigkeit“ die Reihe von Folletts Kämpferinnen und Kämpfern für die Ebenbürtigkeit der Geschlechter und der Hautfarben, die in seiner dreiteiligen Saga über das 20. Jahrhundert auftreten. Auch an die jüngste Gegenwart knüpft er an: Die Bewohner von Kingsbridge seien im Zweifel europatreue „remainers“, nicht „Brexiteers“.

Rivalen? Die beiden Bestseller-Autoren Ken Follett (l) aus Großbritannien und Dan Brown aus den USA bei der 69. Frankfurter Buchmesse. Foto: Arne Dedert/ dpap

Der Erfolgsautor, der allein in Deutschland 30 Millionen Exemplare seiner Werke verkauft haben soll, hat höchstens das Problem, dass ihm am Sonntag ein anderer Welterfolgsautor auf der Buchmesse den Einsatz für das Gute streitig macht. Was den Briten in Frankfurt nicht davon abhält, gemeinsam mit seinem amerikanischen Erzrivalen Dan Brown in die Kameras zu lachen. Brown stellt in zwei Tagen vor 1800 geladenen Gästen „Origin“ vor, seinen jüngsten, gleichfalls bei Bastei Lübbe erschienenen Thriller um den Symbolforscher Robert Langdon.

Wie weit ist es mit der liberaldemokratischen Gegenwärtigkeit eines Schriftstellers eigentlich her, der von seinen Lesern nichts weiter fordert, als die Bereitschaft, sich verzaubern zu lassen? Sie sollen sich in meine Welten hineinziehen lassen und darüber die wirkliche vergessen, sagt Follett. Offener – und feindseliger gegenüber jeder Kritik an der reinen Erfüllung von Lesererwartungen – kann man sich zur Trivialität des eigenen Schreibens nicht bekennen. Und fremder könnte man einer solchen Haltung nicht gegenüberstehen als etwa der 25-jährige französische Schriftsteller Edouard Louis.

Der junge französische Autor Edouard Louis bei einer Lesung in Frankfurt. Foto: AFP/Daniel Rolandp

Bei seinem ersten Buch „Das Ende von Eddy“ musste sich Edouard Louis von Verlagen noch anhören, dass die beschriebenen Gewalterfahrungen, die er als Kind selbst machte, in ein France profonde des 19. Jahrhunderts gehörten. Es kostete ihn viel Mühe, sie als Teil einer Gegenwart zu verteidigen, die gern übersieht, dass es nach wie vor ein Proletariat gibt, zu dem auch seine Front National wählende Mutter gehört. Ein Milieu, das weder medial noch literarisch repräsentiert werde – wie er im Gespräch mit Alex Rühle erklärt. Weshalb er sein zweites Buch „Im Herzen der Gewalt“, die autobiografische Geschichte einer schwulen Vergewaltigung, zum großen Teil seine Schwester erzählen lässt.

Didier Eribon, ein enger Freund von Louis, konnte sich in der „Süddeutschen Zeitung“ noch zugutehalten, die Einladung zur Eröffnung der Buchmesse mit Emmanuel Macron ausgeschlagen zu haben. Sein Artikel ist eine einzige Philippika wider den französischen Staatspräsidenten, der die Spaltung der Gesellschaft nicht aufhalte, sondern im Gegenteil vorantreibe. Edouard Louis blieb solch eine Entscheidung erspart: Linke wie er seien gar nicht erst gefragt worden. Dafür ist er nun auf der Messe umso präsenter – mit einer Idee von Literatur, die der Wirklichkeit mit anderen erzählerischen Mitteln nachspürt als denen der Follettschen Behäbigkeit.

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