Die Bibliothek von Bukarest. Das Gift der Securitate-Archive wirkt noch immer. Foto: Laif Foto: LAIFp

Dichtung und VerratDas Gleiche ist nicht Dasselbe

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Der Dichter Oskar Pastior, die Securitate und die anderen. Versuch, in einen Abgrund zu blicken / Von Ernest Wichner

Seit im September 2010 bekannt wurde, dass der Dichter Oskar Pastior, Büchner-Preisträger des Jahres 2006, vom Juni 1961 bis zu seiner Ausreise aus Rumänien im April 1968 unter dem Decknamen „Stein Otto“ als Informant des rumänischen Geheimdienstes Securitate geführt wurde, ist die Frage nach dem Grad der Verstrickung rumäniendeutscher Schriftsteller und Intellektueller in den Repressionsapparat des kommunistischen Regimes in Rumänien auch in Deutschland zu einem Thema geworden. Ja, gerade hier, denn in Rumänien selbst genießen die Fragen, die schon Czeslaw Milosz in seinem 1953 erschienenen Buch „Verführtes Denken“ stellte, nach wie vor keine besondere Aufmerksamkeit.

Dies mag auch daran liegen, dass jedem rumänischen Intellektuellen, der die Akten des ehemaligen Geheimdienstes ernsthaft studieren wollte, klar sein dürfte, wie einsam er anschließend dasteht. Man würde zu vielen Freunden, Bekannten, Lehrern und Professoren, Weggefährten oder sogar Familienmitgliedern als Agenten des Geheimdienstes wiederbegegnen. Da fragen sich viele, ob man nicht besser alles auf sich beruhen lassen sollte. Und so bestaunt, bemitleidet und beschimpft man uns, die paar Deutschen, die immer wieder das Archiv der CNSAS aufsuchen, wie die Bukarester Akteneinsichtsbehörde abgekürzt heißt, und der Vorstellung anhängen, man könne aufklären, was in den Jahrzehnten der Diktatur in aller Heimlichkeit geschehen ist.

Ob wir alles aufklären können, wissen allerdings auch wir nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Wir wissen nur, dass wir uns darum bemühen wollen und müssen. Wir suchen nach Informationen in einem Material, dessen Bestimmung es war, das Regime mit Informationen über uns zu versorgen. Damit es weiß, was wir denken und zu tun beabsichtigen, damit es dieses Denken beeinflussen und uns von unseren staats- und sozialismusfeindlichen Handlungsabsichten abbringen kann. Positive Beeinflussung war der erste Schritt ihres Handelns. Wenn dieser scheiterte, ging es um Einschüchterung, um die Zersetzung des Umfelds, Isolation des einzelnen Tatverdächtigen, mitunter um die Eröffnung eines Strafverfahrens. Mit Glück und Ausdauer finden wir diese oder jene entlastende oder ungeheuerliche Information, zumeist aber Unerfreuliches.

Beiläufig etwa in der 48 dicke Bände umfassenden Sammelakte mit dem sprechenden Titel „Deutsche Nationalisten und Faschisten“ die Tabelle mit den evangelischen Pfarrern im Kreis Kronstadt, aus der wir erfahren, dass von den 34 Pfarrern des Kreises im Jahre 1978 zehn für den Geheimdienst gespitzelt haben. Sie werden mit Pfarrei, Namen, Geburtsdatum aufgelistet. Ebenso dürfte es sich mit den Gymnasial- und Hochschullehrern verhalten, mit den ehemaligen Redakteuren und Lektoren der deutschsprachigen Zeitungen, Zeitschriften, Verlage und Rundfunksendungen, mit den Schriftstellern und Künstlern. Man darf annehmen, dass bis zu fünfzig Prozent der Hochschullehrer und Mitarbeiter des Kulturbetriebs Informanten des Geheimdienstes waren. Fast alle diese Personen leben heute in Deutschland. Sie sind die netten Rentner von nebenan. Keine Institution hierzulande fühlt sich aufgerufen, genauer hinzusehen.

Für Dieter Schlesak aber ist Oskar Pastior der wichtigste Spitzel. Jedenfalls meint er dies nach einem flüchtigen Blick in seine eigene Akte behaupten zu können. Dabei gibt es zwei eher nichtssagende Berichte von „Stein Otto“ in dieser Akte, während IM „Ludwig Leopold“, das ist der Dichter Alfred Kittner, mit über einem Dutzend zumeist gewichtigeren Berichten darin vertreten ist, ebenso die Informantin „Tatiana“, deren bürgerlicher Name noch nicht bekannt ist.

Alfred Kittner, der 1906 in Czernowitz geborene und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Bukarest lebende Dichter und Herausgeber, kannte sich in der literarischen Szene Bukarests bestens aus. Vielfach hatte er die jüngeren Dichter gefördert, die er anschließend bei der Securitate anschwärzte. Am 18. Juni 1968, zwei Monate nachdem Oskar Pastior sich entschieden hatte, in Deutschland zu bleiben, teilte Kittner seinem Führungsoffizier mit, Schlesak habe ihn am 10. Juni besucht „und bei dieser Gelegenheit auch über Pastiors Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, gesprochen. Schlesak nannte dies eine ,Schweinerei’, nicht nur gegenüber den Behörden, die ihm vertraut hatten, sondern auch seinen Schriftstellerkollegen gegenüber, die nun wahrscheinlich nicht mehr das gleiche Vertrauen genießen wie bisher. Seiner Meinung nach hört Oskar Pastior durch sein Wegbleiben auf, ein wertvoller Dichter zu sein, denn nur die enge Bindung an sein Land, an die spezifische Welt Siebenbürgens hat seiner Dichtung Authentizität und Wert verliehen.“

Warum war und ist für Dieter Schlesak Oskar Pastior der wichtigste Informant? Weil er ein bedeutender Dichter deutscher Sprache war. Und weil man mit drastischen Vorwürfen an diesen Dichter ein Echo in den Medien findet. Etwa mit dem Vorwurf, Oskar Pastior träfe eine Mitschuld am Selbstmord des Dichters Georg Hoprich, der von 1961 bis 1964 wegen ein paar „staatsfeindlichen“ Gedichten im Gefängnis saß. Nichts davon ist durch die Akten im Archiv der Securitate belegbar. Pastior taucht in Hoprichs Akte weder vor seiner Verhaftung noch nach seiner Freilassung und bis zu seinem Selbstmord im April 1969 auf – in all diesen Jahren wurde Hoprich intensiv weiter bespitzelt.

Oskar Pastior und seine damalige Frau Roswith Capesius waren mit der Familie Hoprich eng befreundet. Man besuchte sich gegenseitig und stand in regelmäßiger Korrespondenz. Hier Oskar Pastior einen Freundesverrat mit Todesfolge anzuhängen, ohne auch nur einen Anhaltspunkt für eine solche Behauptung zu haben, ist Denunziation. Und solches setzt einer in die Welt, der selber unter dem Decknamen „Ehrlich“ am 8. September 1961 eine handschriftlich verfasste Verpflichtungserklärung bei der Securitate unterschrieben hat. Der dieser eine ebenfalls handschriftlich abgefasste Autobiografie beifügt, in der er die kleinbürgerliche Haltung seiner Familie kritisiert und die er mit dem Slogan „Wir kämpfen für den Frieden“ nebst Unterschrift signiert. Der sich fragt, warum Oskar Pastior ihm im Westen immer ausgewichen ist: „Hatte er Angst, dass ich seine Karriere mit der Aufdeckung der IM-Wahrheit ,Stein Otto’ durchkreuzen konnte?“

Vielleicht wich Oskar Pastior ihm aus, weil er sich nicht für seine Texte interessierte und ihm seine Umtriebigkeit lästig war. Jedenfalls findet sich in Schlesaks Opferakte ein Gutachten, das Oskar Pastior im Auftrag des Bukarester Jugendverlags über ein Gedichtbandmanuskript von Dieter Schlesak verfasst hat. Es ist einlässlich und genau, jedes Gedicht wird betrachtet und ohne jede ideologische Bemerkung nach strikt literarischen Gesichtspunkten bewertet, aber es fällt nicht eben günstig aus. Wie dieses Gutachten vom Verlag in Dieter Schlesaks Securitate-Akte gelangt ist, erklärt die Notiz eines Offiziers vom 30. Mai 1966, in der es heißt, die Quelle „Walter“ sei Lektor im Jugendverlag. Auch Spitzelberichten dieses IM „Walter“, der ebenfalls schon lange in Deutschland lebt, begegnet man häufiger in den Akten aus den sechziger Jahren als jenen des „Stein Otto“. Vielleicht fasst auch IM „Walter“ im Windschatten des ungleich berühmteren Informanten irgendwann mal Mut und erzählt uns seine Legende.

Der Schriftsteller Claus Stephani, geboren 1938, wollte offenbar durch die öffentliche Darstellung seiner studentischen IM-Tätigkeit von 1961 bis 1964, als er seine Entlassung aus diesem Dienst erzwungen hatte, von der sehr viel umfassenderen in den späten Jahren der rumänischen Diktatur ablenken. Er war 1969 in die Kommunistische Partei Rumäniens aufgenommen worden. Weil sich die Securitate als Schutzmacht der Partei sah, wurden Parteimitgliedern keine Verpflichtungserklärungen abgenommen. Auch mussten diese keine handschriftlichen Berichte abliefern. Aber Parteimitglieder, die für die Securitate gespitzelt haben, trugen ebenso Decknamen wie alle anderen Informanten auch.

Mithin finden sich in vielen Opferakten aus den siebziger und achtziger Jahren Berichte von IM „Moga“ und IM „Marin“, die von den Opfern eindeutig Claus Stephani zugeordnet werden. Doch bei fehlender Verpflichtungserklärung ist es schwer, gerichtsfest die Identität eines IM nachzuweisen. Vor wenigen Wochen noch drohte Stephani Richard Wagner mit einem Prozess für den Fall, dass dieser bei seiner Behauptung bleibe, Stephani sei bis zum Sturz des Regimes als IM tätig gewesen. Mittlerweile hat die Akteneinsichtsbehörde in Bukarest jedoch amtlich mitgeteilt, dass IM „Marin“ Claus Stephani gewesen ist. Als IM „Mircea Moga“ war Stephani in den sechziger Jahren geführt worden; es ist nur eine Frage der Zeit, und IM „Moga“ wird ihm ebenfalls offiziell zugeordnet werden.

In Deutschland leben mittlerweile fast alle ehemaligen IMs und fast alle Opfer dieser IMs, darauf hat Herta Müller mehrfach hingewiesen. Die deutschen Behörden und Institutionen aber sehen keine Veranlassung, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen.

Als ich vor etwa einem Jahr bei der Universität Tübingen nachfragte, was das dortige Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (IdGL) zur Aufklärung des Vorwurfs unternehmen wolle, dessen früherer Leiter Horst Fassel sei Informant des rumänischen Geheimdienstes gewesen, antwortete mir der amtierende Leiter Reinhard Johler: „Ja, der wissenschaftliche Charakter des Instituts hindert uns daran, Klarheit zu verschaffen, ob ein früherer Leiter Spitzel, Mitarbeiter oder gar Agent des rumänischen Geheimdienstes gewesen ist.“ Aber er teilte im gleichen Schreiben auch mit: „Der wissenschaftliche Charakter meines Instituts begründet, dass das IdGL zur wissenschaftlichen Klärung der Fragen der wesentlichen Prägung des kulturellen Lebens in Rumänien durch den Geheimdienst beizutragen hat. Darüber muss Klarheit in hoher Differenzierung hergestellt werden.“

Also klären die wissenschaftlichen Institute die wesentlichen Prägungen des kulturellen Lebens in Rumänien durch den Geheimdienst auf, aber wenn einer, der im Verdacht steht, Spitzel dieses Dienstes gewesen zu sein, ein solches Institut geleitet hat, ist die Wissenschaft an ihrem Endpunkt angelangt. In den Akten des rumänischen Auslandsgeheimdienstes steht jedoch, dass genau dieser Horst Fassel als IM „Filip“ mit dem Auftrag ausgereist sei, die Institutionen der donauschwäbischen Landsmannschaft in Deutschland zu unterwandern; er hat es bis zum Leiter jenes IdGL gebracht. Eine kleine Guillaume-Affäre.

Oskar Pastior aber, der sich verraten musste, um er selbst bleiben zu können, wird aufgebürdet, was gesellschaftsweit an Doppelzüngigkeit, Gemeinheit und Verrat stattgefunden hat. Die vier Berichte von seiner Hand, die bislang vorliegen, erfüllen nicht das Klischee von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Es gibt nicht den bösen und den guten Oskar Pastior, den Verräter und den großen Dichter, es bleibt die eine Person, die sich auch unter Zwang ein Minimum an Anständigkeit bewahrt hat. In den Berichten des IM „Stein Otto“ gibt es keinen Denunziationseifer, kein Engagement für die Sache des Dienstes, der ihn in seine Abhängigkeit gebracht hatte.

In der drei Bände umfassenden Akte des Philosophen Walter Biemel, der 1918 in Siebenbürgen geboren ist, seit Anfang der vierziger Jahre in Deutschland lebt und seit 1963 regelmäßig Rumänien besucht hat, gibt es einen Bericht von Oskar Pastior vom 18. Mai 1967. Darin findet sich keine Bemerkung, die in irgendeiner Weise gegen Biemel hätte verwendet werden können. Mitgeteilt wird lediglich, dass sie sich getroffen haben, dass Biemel sich für die neuere Literatur in Rumänien interessiert und er, Pastior, den Studenten, die mit Biemel nach Rumänien gekommen waren, ein Exemplar der von ihm übersetzten rumänischen Autoren Tudor Arghezi und Panait Istrati sowie eine Anthologie rumäniendeutscher Gegenwartsdichtung geschenkt hat.

In derselben Akte fand die Übersetzerin und Autorin Corina Bernic jedoch zwei Dutzend Berichte eines IM „Gert Grundich“ aus Kronstadt (rumänisch Brasov), der ab Mitte der sechziger Jahre nach Deutschland reisen darf, Maler ist, hier Aufträge bekommt und ausführt und schier hemmungslos über seinen Gastgeber Walter Biemel, dessen familiäre Verhältnisse, das Umfeld sowie der geheimdienstlichen Tätigkeiten verdächtige Personen aus diesem Umfeld für die Securitate berichtet.

Dieser Mann, Friedrich Ritter Bömches von Boor, geboren 1916, war mit der rumänischen Armee bis Stalingrad marschiert. 1945, nach seiner Heimkehr, wurde er wie der damals 17-jährige Oskar Pastior in die Ukraine deportiert, wo er fünf Jahre in den Steinbrüchen des Donez-Beckens gearbeitet hat. 1950 zurückgekehrt nach Kronstadt, begann er zu zeichnen und zu malen. Er wurde zum bedeutendsten Maler der Siebenbürger Sachsen, reiste nach Deutschland, porträtierte Berthold Beitz, Martin Heidegger, Hans-Dietrich Genscher, Peter Ludwig, Herbert Quandt, Philipp Jenninger und zahlreiche weitere Prominente und ließ sich 1978 endgültig in Deutschland nieder.

Seine Berichte an den rumänischen Geheimdienst sind gemein - skrupelloser Freundesverrat. Wir wissen bisher nur, was er über seinen Freund und Förderer Walter Biemel berichtet hat, der als Bürger der Bundesrepublik Deutschland vor den Nachstellungen des rumänischen Geheimdienstes einigermaßen geschützt war. Bei dem Ansehen und den Privilegien, die IM „Gert Grundich“ beim rumänischen Geheimdienst genoss, dürfte eine Recherche bezüglich seiner IM-Tätigkeit in Rumänien selbst zu weiteren bestürzenden Erkenntnissen führen.

Noch wissen wir nicht, ob dieser Maler sich in einer ähnlich bedrohlichen Situation wie Oskar Pastior befunden hat, als er seine Verpflichtungserklärung bei der Securitate unterschrieb. Aber wir können den Inhalt und den Ton seiner Berichte mit jenen von Oskar Pastior vergleichen. Und lernen dabei den IM als Profiteur des Regimes von jenem zu unterscheiden, der auch als IM der Zwangsarbeiter geblieben ist, der er mit 17 Jahren schon war.

Ernest Wichner, 1952 im rumänischen Zabrani (Guttenbrunn) geboren, gehört zusammen mit Herta Müller, Richard Wagner und Rolf Bossert zu den Gründungsmitgliedern der Aktionsgruppe Banat. 1975 siedelte er in die Bundesrepublik über. Seit 2003 leitet er das Literaturhaus Berlin. Er ist stellvertretender Vorsitzender der 2008 gegründeten Oskar-Pastior-Stiftung. Im Heidelberger Wunderhorn Verlag hat er zuletzt den Gedichtband „bin ganz wie aufgesperrt’“ veröffentlicht.