Immer unterwegs: Die Pendlerin und der Pendler. Und der Rollkoffer auch. Foto: Siri Matthey/Promo
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„Bis nächste Woche dann...“ In der Einsamkeit des Pendlerstroms

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Die Illustratorin Siri Matthey teilt in einem Skizzenbuch ihre Erfahrungen als Pendlerin. Sie zeigt gehetzte, rat- und rastlose Menschen auf ihrem Weg.

 

 

Sie sehen sich jeden Tag, teilen enge und engste Räume miteinander, Düfte, Stimmen und Töne aller Art, haben gemeinsame Sorgen, Hoffnungen und Erfahrungen: Schlüssel, Handy, Ladeteil, Bahncard, bisschen Geld, drei Aspirin – das ist so etwa die notwendigste Grundausstattung vieler mobiler Arbeitnehmer und digitalen Nomaden, je nach Ziel und Dauer der Reise zwischen Arbeitsplatz und Zuhause oder zwischen Arbeitsplatz und anderem Arbeitsplatz kommen noch ein bisschen Wäsche, ein bisschen Wasser und ein Stapel Papier oder ein Laptop dazu.

Wem diese Welt fremd ist, der kann alles aus dem geheimen Leben der Pendler jetzt nachschlagen: Die Illustratorin Siri Matthey – zwischen Arbeiten und Aufträgen selbst offenbar so lustvolle wie leidgeprüfte Pendlerin Richtung Berlin und Hamburg – hat viele szenetypische Erlebnisse in einem privaten Skizzenbuch festgehalten:

Was alles nicht funktionieren kann und wie man das dem Kunden verständlich mitteilt, wie erleichternd die Zugverspätung sein kann – wenn man selbst nicht pünktlich losgekommen ist. Wie groß manchmal die Lust ist, hinter der Smartphone-Rückseite in reale Augen blicken zu können ... oder eben gerade nicht. Der Schöne-Bücher-Verlag Hermann Schmidt in Mainz hat diese Skizzen mit Matthey zu einem kleinen, fein gedruckten Memorial für die namenlose Pendlerin und den unbekannten Pendler gemacht („Bis nächste Woche dann...“, 156 Seiten, 20 Euro).

In piktogrammartigen Zeichnungen sind alle Möglichkeiten festgehalten, einen Tisch- oder Wandabfalleimer der Deutschen Bahn zu überfüllen, acht Beine und Füße unter einen Tisch zu sortieren oder sich heißen Kaffee durch variierende Öffnungen in unterschiedlichen Bechermodellen irgendwohin zu kippen – und die Warnung vor ständig und überall rollenden Rollkoffern.

 

Immer unterwegs. Pendler am Bahnhof Potsdamer Platz in Berlin. Foto: Kay Nietfeld/dpa-pa
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Ungezählt die Stunden in Bahnen, Bussen und Fliegern, die gezückten Tickets und Cards, die verpassten Anschlüsse und mehr oder weniger wohlformulierten Erklärungen dafür, die Funklöcher und To-Go-Becher, die hastig verschlungenen Kohlehydrate per Snickers und die gesundgeredeten Reispfannengerichte aus Pappeimerchen. Pendeln – das ist längst nicht mehr eine Angelegenheit von Pkw und Steuerpauschale, sondern in mobilen und digitalen Zeiten Arbeits(zeit)modell und Lebenskonzept, in jedem Fall eine Wissenschaft für sich. Matthey dokumentiert das in meist farbigen einseitigen Cartoon-Schnappschüssen. Klingt lustig. Ist es aber überhaupt nicht: Sie skizziert treffend die Nervigkeit jeder Planabweichung und Fehlfunktion als Katastrophe. Und das Funktionsprinzip von Sitzplatzreservierungen erklärt sie auch nicht.

Man blickt in diesem Büchlein in viele, viele einsame, gehetzte, grundstürzend ratlose Gesichter: Wir sind nämlich ganz schön alleine da draußen, wir Pendler. Das Leben auf der Strecke ist bloß ein besonders langer Arbeitsweg. Wer da von wilder Spontaneität und Weltläufigkeit träumt, wird auf die Zugbindung seines Sparpreistickets verwiesen.

Durchgangsverkehr. Viele Menschen Pendeln vom Land in die Städte - oder über Land von Stadt zu Stadt. Foto: Bernd Leitner/imago/blickwinkel
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