Die kanadische Sängerin Tanya Tagaq. Foto: CTM
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Club Transmediale Schimpfkanone trifft Kehlkopfvulkan

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Zum Start des Berliner CTM-Festivals traten im HAU 1 die Performance-Künstlerin Nora Turato und die Kehlkopfsängerin Tanya Tagaq auf.

In den USA regiert ein Hassprediger, Rechtsnationalismus greift weltweit um sich. Da wollen die Macher des jährlich stattfindenden Berliner Festivals Club Transmediale nicht einfach nur ihren Betrieb fortführen, als sei nichts geschehen.

„Fear Anger Love“ – „Furcht, Wut, Angst“, lautet ihr diesjähriges Motto, das ziemlich genau das Gefühlsgemisch beschreiben dürfte, das sich auch bei den meisten der geladenen Avantgarde-Musiker angesichts der Weltlage eingestellt hat.

Wie ernst das CTM sein Motto nimmt, wird beim Eröffnungskonzert im HAU 1 deutlich. Die Performance-Künstlerin Nora Turato betritt mit goldenen Stöckelschuhen die Bühne und legt sofort los mit Schimpftiraden und endlosen Selbstbespiegelungen. Sie tritt zwischen die Zuschauerreihen, begibt sich auf die Empore, verlässt den Raum, und immer weiter bricht es aus ihr heraus. Slogans wie „You want simplicity? Jog to Denmark!“ oder „Smart houses for stupid people“ haut sie dem Publikum in endlosen Wortkaskaden um die Ohren. Nur selten wird sie dabei musikalisch, lässt ihre Stimme in einen Singsang abdriften oder arbeitet mit Rhythmisierungen. „Auskotzen“ nennt sie das Programm, was es ganz gut trifft.

Tanya Tagaq tritt mit einem Drummer und einem Violinisten auf

Die Performance geht nicht allzu lange, und dennoch hängen danach erst einmal alle leicht konsterniert in den Sesseln. Überforderung sind Besucher des CTM gewohnt, schließlich treten hier hauptsächlich Krachmacher und transgressive Performer auf.

Danach geht es ungewöhnlich weiter mit eine Kehlkopfsängerin der kanadischen Inuit. Aber was für eine! Tanya Tagaq ist in ihrer Heimat bereits seit Jahren ein Star. Nimmermüde tritt sie auch als Aktivistin gegen den Klimawandel auf, und als Künstlerin hat sie den klassischen Kehlkopfgesang, dieses gutturale Gurgeln, das teilweise so klingt, als könne es nicht menschlichen Ursprungs sein, völlig neu definiert. Mehrfach hat sie mit dem avantgardistischen Kronos-Quartett zusammengearbeitet und zeigt nun auch in Berlin, wie gut sich Inuit-Kehlkopfgesang im Zusammenspiel mit anderen musikalischen Genres verträgt – egal ob Jazz, Improv, Rock oder Metal.

Gurgeln, Kreischen, Heulen

Flankiert von einem Perkussionisten und einem E-Violinisten betritt sie barfuß die Bühne. Eher schüchtern wirkt sie, lässt es sich aber nicht nehmen, noch kurz Donald Trump einen Idioten zu nennen, um sich dann in einen wahren Stimmvulkan zu verwandeln.

Sie gurgelt, kreischt, klingt mal wie eine menschliche Dampflock oder heult wie ein Wolf. Ein Naturmystizismus wird beschworen und gleichzeitig dekonstruiert. Ihre Mitmusiker kreieren dazu einen permanenten Klangstrudel, mal tupfen sie nur leise Töne in den Raum, dann legen sie los wie eine Rockmaschine. Zwischen ihnen krümmt sich Tanya Tagac, wirft sich auf den Boden, hechelt und grummelt, und man fragt sich, wie diese kleine Person fast atemlos all diese Laute aus sich herauszupressen vermag. So überraschend war selten ein Eröffnungskonzert des CTM, die Messlatte für das restliche Programm liegt nun ziemlich hoch.

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