Stefanie Reinsperger und Tilo Nest im „Kaukasischen Kreisekreis“ am BE. Foto: Berliner Ensemble/Matthias Horn
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Besetzung der Volksbühne Hart, aber hässlich

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Die Volksbühne bleibt besetzt – und am Berliner Ensemble blutet Brecht. Ein Wetterbericht aus dem Hauptstadttheater.

In der Nacht zum Sonntag schlossen die Besatzer die Tür. Zu viele Schaulustige waren gekommen. Die Besatzer zeigen sich als ordnungsliebende Bürger. Mehr als 500 Menschen sind im Haus nicht zugelassen. Aus Sicherheitsgründen. Man könnte hinzufügen, dass sich diese Leute illegal in dem Theatergebäude aufhalten, bereits seit Freitagnachmittag. Sie haben in der Volksbühne nichts zu suchen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, der nach langen erfolglosen Verhandlungen gegen eine Räumung spricht.

Aber so geht Politik nicht in Berlin. Kultursenator Klaus Lederer von der Linken sympathisiert mit den Besatzern der Volksbühne – nicht mit ihrem Vorgehen, aber mit ihren Zielen. Er schreibt auf Facebook: „Ja, der Kampf um Freiräume ist wichtig und notwendig. Er ist mir ein zentrales politisches Anliegen. Aber der Kampf um Freiräume kann nicht dadurch geführt werden, dass existierende Freiräume – ob mir gefällt, was dort passiert oder nicht – privatisiert und unter eine angemaßte Kontrolle gestellt werden.“

Dieses „Aber“ verhallt. Lederer hilft mit, die Volksbühne nach zwei Jahren bitterer, aber auch theaterfachlicher Diskussion zur Quatsch- und Eventbude zu machen, zum rechtsfreien Raum. Lederer hat kein Gefühl für die Sensibilität und Verletzlichkeit eines Theaterorganismus. Er vergisst: Die Arbeit von Frank Castorf und seinen Theaterkünstlern ist hochprofessionell, ästhetisch höher einzuschätzen als politisch. Es war ihre legendäre Stärke und Qualität, sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Volksbühne wird Volkseigentum

Das passiert nun im Nachhinein. Die Volksbühne wird zum obskuren Volkseigentum erklärt, zum Spielplatz für Spinner. Jeder darf jetzt mal. Das Publikum übernimmt die Regie, da die alten Künstler weg und die neuen noch nicht richtig da sind. Die Besatzer tun genau das, was Chris Dercon von Anfang an unterstellt wurde – dass er den Geist der Volksbühne verrate durch Beliebigkeit und Kommerz. Die Volksbühne ist das neue Berghain. Kultursenator Klaus Lederer und sein Regierender Bürgermeister Michael Müller hätten das verhindern können.

Und so geht das Leben munter weiter im besetzten Theaterhaus, wie ein Blick auf die Twitterei am Sonntag zeigt. Die Aktivisten machen es sich gemütlich: „Guten Morgen! Bitte geht wählen und kommt danach zum Brunch in die #Volksbuehne. Wir haben bisschen was hier. Bringt ihr den Rest? Danke!“ – „Von 13 - 17 Uhr gibt es Kinderschminken etc. in der #Volksbuehne am Rosa-Luxemburg-Platz! Weiteres Programm für Kinder folgt.“ „Heute um 23.00 Uhr zeigen wir Panzerkreuzer Potemkin von Sergei Eisenstein. 1925.“ – „#Volksbühne. Sonntag 17 Uhr soll es ein Plenum zur Stadtpolitik geben. Initiativen sind eingeladen.“

Dieser letzte Tweet stammt von Andrej Holm. Der Sozialwissenschaftler war für die Linke kurze Zeit Staatssekretär für Stadtentwicklung und Wohnen, dann musste er zurücktreten, weil er über seine Stasi-Vergangenheit geschwiegen hatte. Holm scheint in der Volksbühne eine neue Plattform gefunden zu haben. Das gilt auch für Christoph Knoch, den Sprecher der Freien Szene in Berlin. Er plädierte im Besatzerplenum allen Ernstes für eine „kollektive Volksbühnenintendanz“.

Die Kulturpolitik hat Schuld

Ein bisschen Rigaer Straße, ein bisschen Zentrum für politische Schönheit und viel Möchtegern: Nach wie vor ist unklar, wer hinter der von einer Truppe namens „Staub zu Glitzer“ geführten Attacke steckt. Sie bleiben anonym, handeln im Namen des Volkes. Hinter der freundlichen Kinderschminkfassade verbirgt sich kunstfeindliches, populistisches Denken. Ohne die Kulturpolitik des Senats wäre es dazu nicht gekommen.

Am Sonntagnachmittag hat sich die Intendanz Dercon dann endlich erklärt. Erst mal windelweich: Sie verurteile keineswegs „die Besetzer und ihre stadtpolitischen und sozialen Themen, die wichtig sind für Berlin. Aber wir verurteilen die unverantwortliche Art und Weise, wie sie sich das Haus gegriffen haben. Trotz ihrer Bemühungen stellen die Besetzer ihre Anliegen über die Sicherheit unserer Mitarbeiter und die ihres eigenen Publikums. Und sie stellen sich in beispielloser Anmaßung über unsere Künstler und deren Arbeit.“ Die Volksbühne will am Montag den unterbrochenen Probenbetrieb wieder aufnehmen. Das geht „aus haftungsrechtlichen, technischen und dispositionellen Gründen nicht mit den Tag- und-Nacht-Veranstaltungen und Partys der Besetzer zusammen.“ Zum Schluss wird Chris Dercon auch einmal deutlich: „Diese Besetzung ist nicht hinnehmbar. Wir fordern, dass die Politik jetzt dringend ihrer Verantwortung nachkommt und handelt.“ Von der Kulturverwaltung war am Sonntag keine Stellungnahme zu bekommen.

Vakuum am Rosa-Luxemburg-Platz

Es rächt sich jetzt, dass Dercon nichts zu einer Eröffnung am Rosa-Luxemburg- Platz im September eingefallen ist. Wobei im Netz – so irre läuft das jetzt alles schon – die Mutmaßung kursiert, Dercon habe die Besetzung selbst organisiert. Toll! Nach Performances in Tempelhof geht es erst im November in der Volksbühne los. Ein Vakuum ist entstanden – leichtes Spiel für die Besatzer. Es wäre anders gekommen, hätte Dercon selbst das Haus mit Macht übernommen und Stärke gezeigt.

Oliver Reese schafft das mit dem Berliner Ensemble. Unter Einhaltung der eisernen Regeln in dieser Theaterstadt: Du musst laut sein. Man muss dich sehen. Die Kunst der Ankündigung, das fröhliche Getöse des Ankommens entscheidet über deinen Erfolg. Reese kennt Berlin. Er weiß, dass das Ganze wichtiger ist als die Einzelteile. Die Stimmung entscheidet.

Donnern im Berliner Ensemble

Michael Thalheimer hat zum Eröffnungswochenende einen Brecht hingedonnert – jenen „Kaukasischen Kreidekreis“, den B. B. 1954 zur Übernahme des Hauses am Schiffbauerdamm inszenierte. Thalheimer lässt die Bühne leer – und vom Text im Grunde nur die Geschichte der Grusche übrig. Und wieder, wie schon zwei Tage zuvor beim „Caligula“, dröhnen die Schauspieler, brüllt es aus ihren Mündern, schreit dich der Text an, begleitet vom lärmenden Blues einer E-Gitarre. Stefanie Reinspergers schauspielerische Naturgewalt würde doch schon ausreichen, das volle Haus zu erschüttern. Wozu immer diese aggressive Lautstärke? Auch wenn Thalheimers Regie alte Frauenklischees bedient: Die Grusche der Reinsperger berührt tief, wenn die den geliebten Mann aufgibt, um das Kind zu retten. Der Sänger/Erzähler Ingo Hülsmann ist brillant, wenn er nicht los- orgelt. Genauso Tilo Nest: Sein Richter Azdak ist ein Horrorclown, dem man zuhört, wenn er mal die Stimme senkt.

Viel schmieriges Blut, dämliche Chargen, verdrehte Kreaturen: Ein Kommentar zum Berliner Theaterleben im Herbst 2017. Hart, aber hässlich.

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