Regisseur Tom Tykwer wird Jury-Präsident der Berlinale 2018. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Berlinale-Debatte Dieter Kosslick, der Aufruf und die Vernunft

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Neues zur Berlinale-Debatte: Was der nächste Jury-Präsident Tom Tykwer, Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus und Festivalchef Dieter Kosslick dazu sagen. Und welche Filmschaffenden sich hinter Kosslick stellen.

Namhafte Filmemacher und Branchenvertreter haben sich nach dem Berlinale-Reformaufruf von 79 Filmschaffenden und zur Kritik an Dieter Kosslick zu Wort gemeldet, darunter Tom Tykwer, Dominik Graf und die Chefs der Filmstudios Babelsberg. Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt", "Babylon Berlin") sagte auf einer Diskussionsveranstaltung am Montagabend im Berliner Kino Delphi, den größten Teil dessen, was der Aufruf beinhalte, halte er für vernünftig. In der kurzen Petition wird die Suche nach einem Nachfolger für Berlinale-Direktor Dieter Kosslick, dessen Vertrag im Mai 2019 endet, als Chance bezeichnet, "die Berlinale programmatisch zu erneuern und zu entschlacken".

Tykwer hat den Aufruf nicht unterschrieben, er ist nächstes Jahr Jury-Präsident des Festivals. Bei der vom "Spiegel" organisierten Veranstaltung kritisierte er die Berichterstattung über den Aufruf allerdings scharf. Vieles in den Medien sei übertrieben und ärgerlich, sagte er dem Branchenblatt "Screen Daily" zufolge. Tykwer berichtete außerdem, er habe positive Erinnerungen an die beiden Male, als Filme von ihm das Festival eröffneten, "Heaven" 2002 (die erste Berlinale unter Kosslick) und "The International" 2009.

Kirsten Niehuus ist seit 2004 Geschäftsführerin der Filmförderung im Medienboard Berlin-Brandenburg. Foto: Mike Wolff
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Kirsten Niehuus: Grütters hat nie mit mir über Kosslick-Nachfolge gesprochen

Thema der Veranstaltung war die Zukunft des Kinos angesichts des aktuellen Serien-Hypes, Tykwer diskutierte dazu mit Kirsten Niehuus, Medienboard-Chefin seit 2004. Niehuus wird in den Medien als eine der Kandidatinnen für die Kosslick-Nachfolge gehandelt. Am Montag sagte sie dazu, sie habe sich nie für den Posten beworben. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die über die Personalie entscheidet, habe nie mit ihr darüber gesprochen.

Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Direktor endet am 31. Mai 2019. Foto: picture alliance / Britta Pedersen/dpa
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Festivalchef Dieter Kosslick äußert sich in der morgigen Ausgabe der "Zeit" erneut zur Kritik an der Berlinale, die rund um den Aufruf laut wurde. „Der Vorwurf, die Berlinale sei zu groß, ist alt“, sagte er der Wochenzeitung. „Das Festival zeigt nicht sehr viel mehr Filme als vor meiner Amtszeit. Es werden aber sehr viel mehr Karten verkauft.“ Auch hätte eine Schrumpfung des Festivals finanzielle Folgen, vor allem für den Bund. „Dann müsste Frau Grütters einige Millionen Euro mehr an Subventionen bereitstellen, weil uns die Einnahmen fehlen würden.“

Kosslick: Wer die Größe kritisiert, muss sagen, was abgeschafft werden soll

Zu der Aufforderung, die Berlinale zu entschlacken, merkte Kosslick an: „Ich gehe nach der Berlinale ja immer in eine Fastenkur. Daher weiß ich, dass Schlacke eine reine Erfindung der medizinischen Wellnessindustrie ist.“ Wer die Größe des Festivals kritisiere, müsse auch sagen, was abgeschafft werden soll. Man könne den Premierenwahn kritisieren, auch den Wettbewerbsgedanken. „Ich finde trotzdem, dass wir uns kuratorisch wacker geschlagen haben.“ In der "Zeit" stellen sich zudem die Regisseure Andreas Dresen und Dominik Graf hinter Kosslick, beide hatten den Aufruf unterschrieben.
Dominik Graf ("Im Angesicht des Verbrechens") betonte, er hätte nicht unterzeichnet, wenn er gewusst hätte, "dass unser Schreiben in das publizistische Fahrwasser einer Abrechnung mit Kosslick gezogen wird“. Das nerve ihn an der deutschen Filmbranche: „Dieses „Kopf ab!-Geschrei“, dieser Mangel an direkter Auseinandersetzung, an Differenzierung". Man habe "mit der Petition nach vorne blicken" wollen, ohne nach hinten zu treten.

"Es ging uns weder um Abrechnung, noch um Kritik, noch um die Kampagne, die daraus gemacht wurde“, sagte auch Dresen („Halt auf freier Strecke“) und nannte die Debatte "in höchstem Maße unfair". Der Erneuerungs-Aufruf der 79 Filmschaffenden war zuerst auf "Spiegel online" erschienen, eingebettet in eine scharfe Abrechnung mit der Berlinale unter Dieter Kosslick.

Studio Babelsberg: Kosslick hervorragend international vernetzt

Auch die Chefs der Filmstudios Babelsberg, deren Koproduktionen (Grand Budapest Hotel", "Monuments Men") häufig auf der Berlinale Premiere feiern, meldeten sich nun zu Wort. Sie könnten den Wunsch nach einer transparenten Debatte über die künftige Ausrichtung des Festivals verstehen, nicht aber die Kritik am jetzigen Direktor Dieter Kosslick, schreiben die Babelsberg-Geschäftsführer Charlie Woebcken und Christoph Fisser. "Aus internationaler Perspektive habe die Berlinale insbesondere durch die Person Kosslick "einen immens hohen Stellenwert erlangt und den Filmstandort Berlin-Brandenburg und insgesamt Deutschland außerordentlich aufgewertet. Aus persönlicher Erfahrung wissen wir um das hervorragende Netzwerk, das sich Dieter Kosslick in der internationalen Filmbranche aufgebaut hat," heißt es in der Stellungnahme.

Woebcken und Fisser weisen zudem auf den Grund hin, warum US-Filme, die als Oscar-Kandidaten eingestuft werden, selten auf der Berlinale ihre Weltpremieren feiern. Auch dies war zuzletzt häufig kritisiert worden. Das Fehlen solcher Filme in Berlin, so die Studiochefs, sei aus ihrer Sicht vorwiegend der Februar-Terminierung geschuldet, da Oscar-Anwärter in den amerikanischen Kinos bis zum 31. Dezember veröffentlicht werden müssen. chp

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