Zurück in die Zukunft. Die „Electric Music Box“ von 1970 vereint zahlreiche Funktionen eines modularen Synthesizers im handlichen Kofferformat. Foto: Christian Haltenp

Ausstellung zur Geschichte elektronischer Musikinstrumente Die tollkühnen Männer und ihre tönenden Kisten

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Sounds, die wie aus dem All zu kommen schienen: Eine Berliner Ausstellung erzählt die Geschichte elektronischer Musikinstrumente vom Trautonium bis zum Synthesizer.

Normalerweise kann man hier alte, sehr alte und extrem alte Musikinstrumente bestaunen. Krummhörner und Schalmeien aus der Renaissance, das zusammenklappbare Reise-Cembalo von Friedrich dem Großen, wertvolle Geigen und edle Flügel. Jetzt aber stehen im ersten Stock von Hans Scharouns Philharmonie-Anbau merkwürdige Kästen, die mit ihren Drehknöpfen, Kippschaltern, Buchsen und Reglern weniger nach Kulturgut aussehen als nach technischem Gerät. Und in der Tat waren es in erster Linie Ingenieure und Naturwissenschaftler, die jene Exponate entwickelt haben, mit denen hier nun unter dem Beach-Boys-Titel „Good Vibrations“ die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente erzählt wird.

Manches waren Zufallserfindungen, Nebenprodukte technischer Forschungsprojekte. Wie das Theremin: Eigentlich soll der Physiker Lew Termen 1919 in Sankt Petersburg ein Alarmsystem entwickeln, das auf Annäherung reagiert. Dabei entdeckt er jedoch, dass sich sowohl die Tonhöhe wie auch die Lautstärke eines Signals verändern lässt, je nachdem, wie weit er sich mit seinen Händen den eingebauten Antennen nähert. Der Klang erinnert an eine singende Säge.

Lev Termen auf seinem Theremin spielend. Die Hände beeinflussen elektromagnetische Felder, die die Tonhöhe und Lautstärke steuern. Foto: Knud Petersenp

Die junge Sowjetunion, die ihre Innovationskompetenz beweisen will, schickt Lew Termen mit seiner Erfindung auf eine ausgedehnte Werbetournee durch ganz Europa und sogar bis in die USA. Später wird er für den KBG die erste Abhörwanze bauen, die in der US-Botschaft in Moskau zum Einsatz kommt.

Was die Zeitgenossen am Theremin fasziniert, ist das Klangspektrum, das sich von allem unterscheidet, was normalerweise in unserer Umwelt zu hören ist. Direkt aus dem All scheinen auch viele der Science-Fiction-Sounds zu kommen, die sich mit dem Trautonium erzeugen lassen. Dessen Erfinder Friedrich Trautwein gehörte als Leiter der Rundfunkversuchsstelle an der Berliner Musikhochschule zu den deutschen Radiopionieren. Da es zunächst schwierig war, Instrumentaltöne über ein Mikrofon einzufangen und dann auszustrahlen, erschien das Trautonium als gute Alternative, da hier die elektrisch erzeugten Töne direkt gesendet werden können.

Komponisten wie Paul Hindemith schrieben gleich nach der Präsentation im Jahr 1930 Stücke für das neue Instrument, 1963 setzte Alfred Hitchcock das Trautonium dann für die akustischen Spezialeffekte im Soundtrack seines Thrillers „Die Vögel“ ein, gespielt von Oskar Sala. Dass elektronische Musikinstrumente zuweilen echte Jobkiller sind, zeigt die Entwicklung der Rhythmusmaschinen. Wenn sich Barpianisten ihre Beats aus einer Box nach Belieben zuschalten können, werden Schlagzeuger überflüssig.

Die Technik interessierte die Avantgarde der Popmusik

Mit dem 1962 in Serie gegangenen Mellotron konnten Bands sogar Zusatzinstrumente einspielen, die ihre Mitglieder gar nicht beherrschen. Der klavierähnliche Kasten ist ein früher Sampler, bei dem Flöten- und Geigentöne sowie mehrstimmiger Chorgesang per Tastendruck jeweils von kurzen Tonbandschnipseln abgerufen werden. Die Beatles haben die Eingangsmelodie ihres Songs „Strawberry Fields Forever“ mit einem Mellotron eingespielt.

Überhaupt waren es immer die Avantgardisten unter den Popmusikern, die sich brennend für technische Neuerungen interessierten, von Jean-Michel Jarre bis Michael Jackson, von Frank Zappa über Todd Rundgren bis Grace Jones. Als 1978 der Fairlight heraus kam, bei dem man per Lichtgriffel auf einem Bildschirm Samples verändern konnte, schrieb Stevie Wonder einen höflichen Brittbrief an die Hersteller, die entschieden hatten, dass man sich für den Erwerb des technischen Wunderwerks bewerben musste, obwohl es 100 000 Dollar kostete.

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Computertechnik ließen sich bald ganze Tonstudios in Modularsynthesizern unterbringen – auch wenn die Klangtüftler zuerst noch wie die Fräulein vom Telefonamt jede Verbindung per Hand stecken mussten. Hier liegt die Kunst eben in der Vorbereitung – während Live-Konzerte von Bands wie Kraftwerk oder Tangerine Dream dann eher statisch und unspektakulär aussehen.

Manches alte gerät wirkt aus heutiger Sicht wahrlich wunderlich

Technikaffin sollte der Besucher schon sein, um diese erste umfassende Ausstellung eines staatlichen Museums über elektronische Musikinstrumente voll zu genießen – und ein Smartphone besitzen. Denn die Audiokommentare zu den Exponaten werden über eine eigene App geliefert. Dann kann es ein spannender Zurück-in-die-Zukunft-Trip werden. So manches gar nicht so alte Gerät wirkt aus heutiger Sicht wahrlich wunderlich.

Genau am entgegengesetzten Ende der lichten Berliner Ausstellungshalle übrigens befindet sich die Urmutter aller Klangzauberinstrumente: eine Orgel. Sie konnte schon vor mehreren hundert Jahren einfach alles imitieren, von Vogelgezwitscher über Bläser und Streicher bis hin zu Posaunen und Engelsstimmen. Ganz ohne Strom.

Musikinstrumentenmuseum, bis 25. Juni, Di, Mi, Fr 9–17 Uhr, Do 9–20 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr. Am 22. April verarbeiten Benoit und die Mandelbrots Klang-Algorithmen zu einer Konzertperformance, am 6. Mai sind Theremin und Synthesizer live zu erleben. Weitere Infos: www.simpk.de

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