Auf Augenhöhe. Alice Neels ebenso sachliches wie mitfühlendes Porträt „Grimaldi“. Foto: Aurel Scheibler
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Amerikanische Malerin Alice Neel Schonungslose Offenheit

Laura Storfner
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Ausstellungen in der Berliner Galerie Aurel Scheibler und in den Deichtorhallen Hamburg würdigen die amerikanische Malerin Alice Neel.

Ein Psychoanalytiker fragte Alice Neel einmal, weshalb Ehrlichkeit in der Kunst so wichtig sei. „Wichtig ist es nicht unbedingt“, war ihre Antwort. „Es ist eher ein Privileg, wenn man es schafft.“ Gelungen ist es Neel mit jedem Bild. Schonungslose Offenheit bestimmt ihre New Yorker Straßenszenen und ebenso die eindrucksvollen Porträts von Freunden, Nachbarn und Kollegen, für die sie berühmt wurde. Denn obwohl sich Neel ein Leben lang kein eigenes Atelier leisten konnte, ließen sich alle, die zur Künstlerszene der sechziger Jahre zählen wollten, von ihr porträtieren. Kuratoren, Filmemacher und Sammler lud sie kurzerhand in ihr Wohnzimmer ein. Viele ihrer Modelle waren arbeitslos, manche schwul, jeder auf seine Weise Außenseiter. Aber sobald sie auf Neels Sofa saßen, waren alle gleich. Sie malte, wie sie die Menschen sah.

Ihre Kunst begriff Neel als subjektive Geschichtsschreibung, als visuelle Autobiografie. Neels New Yorker Chronik umspannt beinahe sechs Jahrzehnte. Bis heute scheint keiner ihrer Pinselstriche kalkuliert, aus ihnen spricht die intensive Beziehung zwischen Neel und ihrem Gegenüber. Wie anziehend ihre Bilder noch immer wirken, wird nun endlich auch in Deutschland sichtbar: Die Hamburger Deichtorhallen widmen ihr die erste hiesige institutionelle Retrospektive, in Berlin hebt die Galerie Aurel Scheibler das politische Interesse der Künstlerin hervor.

Ihre Bilder erzielen sechsstellige Summen

Als Alice Neel 1984 mit 84 Jahren starb, hatte sie zwar immer wieder ausgestellt. Der große Erfolg kam aber erst posthum. Dass Neel heute als eine der wichtigsten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts gilt, ist vor allem Jeremy Lewisons Verdienst: Seit 2003 betreut der ehemalige Sammlungsdirektor der Tate Modern den Nachlass; er kuratiert, berät und vernetzt. Ihm ist es zu verdanken, dass ihr Werk von international bedeutenden Galerien vertreten wird: Neben Aurel Scheibler haben Victoria Miro, David Zwirner und Xavier Hufkens Neel im Programm. Diese Marktstrategie schlägt sich auch in den Preisen nieder. Wurden Neels Bilder in den neunziger Jahren auf Auktionen noch für 20 000 Dollar versteigert, erzielen sie heute mittlere sechsstellige Summen. Im vergangenen Jahr verkaufte Scheibler eines ihrer Porträts für eine Million Euro.

„In Deutschland kann man Alice Neel immer noch als Wiederentdeckung bezeichnen. Bis heute hat nur ein deutsches Museum, die Staatliche Graphische Sammlung in München, ein Werk von ihr in ihrem Bestand“, erklärt der Galerist. Mit einer Auswahl an Gemälden, die ab 1930 bis in die sechziger Jahre entstanden, zeigt er jene Seite der Amerikanerin, die bislang selten zu sehen war. New York erscheint hier als düstere Parallelwelt, in der Armut, Hunger und Einsamkeit den Alltag bestimmen. Eine Welt, die Neel nur zu gut kannte. Schicksalsschläge und finanzielle Sorgen bestimmten ihr Leben: Der frühe Tod ihrer ersten und die Trennung von der zweiten Tochter, die entfremdet beim Vater aufwuchs, begleiten sie bis zu ihrem eigenen Tod. Neel versuchte im Greenwich Village einen Neuanfang. Hier fand sie Freunde fürs Leben, ließ sich vom Kommunismus anstecken und ging Liebesbeziehungen ein, die nicht lange hielten. Linke Leitfiguren wie der Schriftsteller Michael Gold verewigte sie in ihren Bildern genauso wie das Leben, das sich vor ihrem Fenster abspielte. Auf einer Leinwand von 1936 schleppen sich Hafenarbeiter müde nach Hause. Der Himmel über ihnen ist so grau wie die Straßen unter ihren Stiefeln. In einem anderen Gemälde ist den Figuren die Erschöpfung nicht mehr nur in die Gesichter geschrieben, Neel hat ihnen gleich Totenkopfmasken aufgesetzt. Bist du arm, dann ist New York eine Unterwelt, aus der du nicht herauskommst.

Der Mensch steht bei ihr im Vordergrund

Ihr Blick auf die Zerrissenheit der Stadt von damals trifft auch den Nerv der Gegenwart. Ein Bild wie „Nazis Murder Jews“, mit dem Neel 1936 eine Demonstration von Kommunisten festhielt, die gegen die Gräueltaten des deutschen NS-Regimes protestieren, wirkt wie ein Warnsignal an Trumps Amerika, wo es plötzlich wieder notwendig ist, gegen White Supremacists auf die Straße zu gehen. Obwohl Neel später kaum noch solche Szenen malte, hielt sie unbeeindruckt an ihrem Stil, ihrer Spielart des Sozialen Realismus, fest. Kunsthistorische Zitate durchziehen ihre Gemälde trotzdem: Man erkennt die Bewunderung für Cézanne, ihre Faszination für Edvard Munch. Später setzt sie Figuren vor Tapeten, die an Gemälde von Clyfford Still oder Mark Rothko erinnern. Mit Humor kommentiert sie so die Übermacht des Abstrakten Expressionismus, als wollte sie sagen: Macht was ihr wollt, bei mir steht der Mensch im Vordergrund.

Am Ende hat sie recht behalten. Dass ihre Ehrlichkeit auch die Zukunft überdauern wird, führen besonders zwei Porträts vor: In Hamburg sieht man Carmen, Neels haitianische Putzfrau, die stolz und doch tieftraurig ihre todkranke Tochter stillt. In Berlin den Arbeiter Grimaldi im Blaumann, der müde den Blick erwidert. Wenn Neel als weiße Frau diese people of colour malt, bedient sie sich nicht an ihren Schicksalen. Sie begegnet ihnen auf Augenhöhe, kann ihr Leid nachempfinden, auch wenn sie ihr Schicksal nicht teilt. Das macht ihr Werk universell.

Galerie Aurel Scheibler, Schöneberger Ufer 71, 9. 1.–3. 2., Di–Sa 11–18 Uhr / Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstr. 1, bis 14. 1.

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