Ein Foto für den Geschichtsunterricht: Eines der bekanntesten Maueropfer, Peter Fechter, wird nach seinem missglückten Fluchtversuch und einer Ewigkeit, die er in seinem Blut lag, von einem Grenztrupp aus dem Todesstreifen geholt. Zu diesem Zeitpunkt lebte er noch. Links: Hauptmann Schäfer und Oberfeldwebel Wurzel (unten); rechts: Volkspolizeiobermeister Mularczyk, darunter Gefreiter Lindenlaub. Foto: Wolfgang Bera/dpa
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Zirkeltag nach dem Mauerfall Was Berlins Schüler über Ost und West lernen

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Die Zeit geht über die deutsche Teilung hinweg - das merken auch die Lehrer. Desto wichtiger ist der Geschichtsunterricht.

Thomas Willich hat ein paar Fotos mitgebracht, die jetzt auf dem Boden im Stuhlkreis liegen. Jeder Schüler kann sich eines aussuchen und berichten, was es mit seinem Foto auf sich hat.

Da sitzen sie also – Awid und Charlotte, Lilli und Ben, Agni, Phelma und die anderen – und begeben sich mit den Fotos in der Hand für 45 Minuten auf die Spur der Berliner Mauer. Es sind Elftklässler, und eigentlich nehmen sie gerade ein anderes Thema durch, aber Willich ist Fachbereichsleiter für Geschichte am John-Lennon-Gymnasium in Mitte und hat sich bereit erklärt, eine Unterrichtsstunde herzugeben, um über die Teilung zu sprechen, weil am Montag dieses eigenartige Jubiläum ist: Die Mauer ist jetzt ebenso lange verschwunden, wie sie einst stand.

Die Fotos, die Willich beigesteuert hat, bilden ein Teil der Grenzgeschichte ab: der sterbende Peter Fechter; das abgeschottete Brandenburger Tor; Willy Brandt vor Ulbrichts Zitat von der Mauer, die „keiner errichten will“; ein alter Mann am Fenster eines düsteren Hauses am Grenzstreifen; die Unterzeichnung des Viermächteabkommens.

Die Zeit im Geschichtsunterricht ist knapp

Die Schüler kommen mit Hilfe der Fotos schnell ins Gespräch. Sie kennen vielleicht Ulbricht und Brandt nicht, aber sie wissen, was der Kalte Krieg war, welche vier Mächte über Deutschland zu entscheiden hatten, sie waren in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, mit der ihre Schule eine Kooperation hat, und einige von ihnen kommen täglich auf dem Schulweg an der Gedenkstätte Bernauer Straße vorbei. Sie wissen, dass Familien getrennt waren, dass Menschen starben, aber die meisten meinen, dass sie in der Schule zu wenig über Mauer und Teilung erfahren haben.

Tatsächlich ist der Zeitplan eng gestrickt im Geschichtsunterricht: Laut Rahmenplan soll die zehnte Klasse zwar der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall gehören, aber in der Praxis schaffen viele Lehrer dieses Programm nicht. Andreas Steiner, Leiter des Steglitzer Fichtenberg- Gymnasiums, vermutet, dass „ein Viertel der Zehntklässler nur bis zum Mauerbau kommt“. Und mit dieser Vermutung ist er nicht allein, denn die Zeit für Geschichte ist knapp – so knapp, dass viele Lehrer es nicht schaffen, plangemäß in der neunten Klasse beide Weltkriege, das NS-Regime und den Holocaust durchzunehmen. So schleppen sie die Themen mit in die zehnte Klasse, wenn eigentlich die Nachkriegszeit dran wäre - eine Situation, die sich noch verschärfen dürfte, wenn demnächst aus Geschichte, Politik, Ethik und Geographie ein gemeinsamer Stundenpool gebildet werden soll.

Auch in der Grundschule ist die Mauer Thema

Wer Glück hat, bringt allerdings Kenntnisse aus der Grundschule mit. „Das Thema Mauer kann ganz sicher kindgerecht auch in der Grundschule aufgegriffen werden – sowohl im Sachunterricht bis Klasse vier als auch im neuen Fach Gesellschaftswissenschaften in fünf und sechs, erläutert die Bildungsverwaltung.

Was bereits in den unteren Klassen alles möglich ist, macht die Evangelische Grundschule in Mitte vor: Wenn in der vierten Klasse das Thema „Berlin“ in Sachkunde dran ist, besucht die Schule die Bernauer Straße. Zudem gab es zwei eindrucksvolle Projektwochen: Da wurde die Schule in Ost und West geteilt, die Schüler durften nicht auf die „andere Seite“, sollten sich auch nicht sehen, auf den Fluren waren daher Posten positioniert, und auch der Schulhof war abgeschottet. „Die Idee kam aus dem Kollegium“, berichtet Rektorin Kerstin Hagedorn. Sie selbst stammt aus dem Osten, das Kollegium ist bunt gemischt.

Manche Schüler kennen nur ihren Kiez

Diese intensive Befassung mit der Mauer dürfte allerdings einzigartig sein. Viele Grundschüler tappen bei dem Thema im Dunkeln – vor allem dann, wenn sie aus ihrem Kiez nicht herauskommen: „Ihnen fehlt jedes Gefühl für die Stadt und darum auch für die Geschichte der Teilung“, berichtet ein Sozialarbeiter aus Tiergarten. Wenn die Schüler erst in der zehnten Klasse erstmals damit befasst werden, wird es schwierig. „Man denkt, das Thema ist nah. Tatsächlich aber ist es weit weg für die Schüler, die ja erst nach 2000 geboren sind“, erläutert Kevin Behrendt, Jahrgang 1987, der aus Rügen stammt und Fachleiter Geschichte an der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee ist. Dennoch würden Mauerfall und Mauerbau gern als Schwerpunkte bei den Präsentationsprüfungen zum Mittleren Schulabschluss gewählt, berichtet Behrendt. Zudem sind Berlinkrise und Mauerbau dieses Jahr Thema im Abitur.

Nicht nur die Schüler entfernen sich qua später Geburt immer mehr vom Mauer-Berlin: Auch in den Kollegien spielt die Ost-West-Frage eine zunehmend geringe Rolle, was nicht nur daran liegt, dass die Pensionierungswelle ganze Generationen von Vor-Wende-Lehrern erfasst hat. Vielmehr bringen die Tausenden Neueinstellungen der vergangenen Jahre ebenfalls deutlich spürbar Bewegung in die Kollegien – auch im Sinne einer Ost-West-Balance.

Badisch trifft auf Sächsisch

„Das Kollegium ist jetzt wild gemixt“, erzählt etwa Jörn-Peter Roloff, der die Hellersdorfer Ernst-Haeckel-Sekundarschule leitet. Wer geglaubt hätte, dass junge Lehrer aus Baden-Württemberg oder Bayern nicht in den Ost-Stadträndern ankämen, irrt. Etwa ein Drittel des Haeckel-Kollegiums kommt inzwischen aus dem Westen. Auch bei den schulpraktischen Seminaren in Marzahn-Hellersdorf seien „junge Lehrer aus ganz Deutschland“, erzählt Rohloff. „ Das Herkommen spielt keine Rolle mehr“, glaubt der 56Jährige: „In den ersten Jahren war es Thema – jetzt nicht mehr“. Manchmal höre man es nur an der Sprache: „Ich muss schmunzeln, wenn ich auf dem Flur höre, wie sich Sächsisch und Badisch mischen“, berichtet Rohloff. Auch Behrendt zählt eine lange Reihe von West-Bundesländern auf, die inzwischen an der Heinz-Brandt-Schule präsent sind: Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Bayern, NRW, Niedersachsen, Baden-Württemberg.

Vor 15 Jahren - eine ganze andere Lage

Vor rund 15 Jahren war die Lage noch komplett anders: Damals hatten sich die meisten Kollegien erst wenig gemischt, und auch die Schüler blieben noch mehr in ihren Ost-West-Bahnen. Erbittert wurde damals gestrittenen. Die damalige Gauck-Beauftragte Marianne Birthler warnte vor „DDR-Nostalgie“, beklagte Desinteresse der Ost-Kollegien an Besuchen in Hohenschönhausen und dass man nicht einmal das Wort „Diktatur“ verwenden dürfe, ohne dass „ein Raunen durchs Kollegium geht und Feindseligkeit sich einstellt“, wie es damals bei einer Diskussionsveranstaltung hieß.

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Noch gäbe es an manchen Ost-Schulen „eine etwas andere Atmosphäre“, berichtet der frühere Landesschulamtsleiter Wilfried Seiring. So sei das „Hierarchische“ hier mitunter mehr ausgeprägt. Aber auch das werde merklich weniger.

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