Dvora Weinstein, 81, war als Holocoust-Überlebende in der vergangenen Woche an der Humboldt-Universität in Berlin. Foto: privat
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Vorfall an Berliner Humboldt-Uni Holocaust-Überlebende "war geschockt" von Störern

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Eine Veranstaltung an der Berliner Humboldt-Uni mit einer Zeitzeugin wurde massiv gestört. Dvora Weinstein warnt vor wachsendem Antisemitismus.

Am vergangenen Mittwoch unterbrachen Störer in der Humboldt-Universität die Veranstaltung einer Delegation um die Knesset-Abgeordnete Aliza Lavie mit vier Jugendlichen und der Holocaust-Überlebenden Dvora Weinstein. Mitten in einem Vortrag skandierten sie anti-israelische Parolen. Nach Angaben des Veranstalters, der Hochschulgruppe der deutsch-israelischen Gesellschaft Berlin, wurden drei Störer der pro-palästinensischen Organisation BDS aus dem Saal geleitet. Die Uni, selbst nicht Veranstalterin, verurteilte den Vorfall, der international Schlagzeilen machte. Der Tagesspiegel sprach nun mit der Holocaust-Überlebenden Dvora Weinstein.

Frau Weinstein, mitten in einer Vortragsveranstaltung niedergeschrien zu werden – wie haben Sie das erlebt?

Ich war geschockt, zumal zwei der drei Störer Israelis sind. Jemand muss sie einer Gehirnwäsche unterzogen haben. Und ich musste an die Worte des Propheten Jesaja denken. Der warnte, die Zerstörung werde aus unserer Mitte kommen.

Und nach dem Vorfall?

Sind wir nach Frankfurt am Main weitergereist. Dort hat uns der Bürgermeister einen schönen Empfang bereitet. Wir haben wiederum Vorträge an der Universität gehalten. Überwiegend junge Leute waren unter den Zuhörern. Die haben sich mit den vier Jugendlichen aus unserer Delegation angefreundet und wir sind alle gemeinsam etwas trinken gegangen.

Also haben Sie nicht nur schlechte Erfahrungen mit Deutschland gemacht?

Nein, ich bin früher alle zwei Jahre nach Deutschland gekommen als Mitglied des Tel-Aviv-Orchesters. Wir waren oft in Frankfurt, hatten dort Kontakte mit dem Jugendchor Eschersheim geknüpft. Gewohnt haben wir dort bei Familien, nicht in Hotels. Zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Staates Israel sind wir nach Köln gereist und haben in der Philharmonie gespielt. Die Leute liebten uns.

Gibt es Freundschaften nach Deutschland?

Ja, eine der Frauen aus unserem Orchester verliebte sich auf einer Reise in ein Mitglied des Chors und lebt jetzt seit acht Jahren in Frankfurt. Sie haben zwei Kinder. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute heißt es: Sprecht bloß nicht hebräisch in der U-Bahn, um Anfeindungen vorzubeugen. Wie weit ist es gekommen, dass Menschen in der Öffentlichkeit nicht mehr ihre Muttersprache sprechen dürfen? Der Antisemitismus nimmt zu in Deutschland. 40 Prozent der Deutschen mögen Israelis nicht.

Woher glauben Sie das zu wissen?

Das sagt der Antisemitismusbericht für den Bundestag, über den uns ein Abgeordneter berichtet hat. Und das macht mir Sorge, weil es von Abneigung zu Hass nur ein kleiner Schritt ist. Deutschland verändert sich und auch die Welt.

Auch die Palästinenser leiden unter dem Nahost-Konflikt.

Natürlich haben wir einen Konflikt. Aber Israel hat immer wieder Friedensangebote gemacht. Der Störer sagte, wir würden die Heimat der Palästinenser stehlen – aber nach der Gründung Israels auf der Hälfte des palästinensischen Gebiets waren es die Nachbarstaaten, die Israel angegriffen haben um das Land zu nehmen. Trotzdem erziehen wir unsere Kinder zur Liebe und das unterscheidet uns von ihnen, die sie zu Hass erziehen. Sie schnallen ihnen Sprengstoffgürtel um und versprechen ihnen Belohnung im Jenseits, wenn sie Blut vergießen. Deshalb brauchen wir eine starke Armee und ein starkes Selbstbewusstsein, wir müssen unsere Kinder lehren, unser Land zu beschützen, weil wir nichts anderes haben.

Eine Entschiedenheit, die sich aus Ihren Erfahrungen im Holocaust erklärt?

Ja, ich war fünf, als der Krieg uns erreichte. Ich kam ins Ghetto in der Ukraine. Wir waren hungrig, es war kalt. Meine ganze Familie ist an Hunger und Kälte gestorben, mein Großvater, meine Schwester, mein Bruder. Die Temperaturen lagen 25 bis 30 Grad unter null. Wir hatten keine Kleidung, keine Schuhe. Ich weiß nicht, wie ich das überlebt habe. Aber ich wollte einfach nur leben.

Wann endete das Martyrium?

Im Jahr 1944. Wir kehrten in unsere Heimat nach Chotin zurück. Aber von unserem Haus war nicht viel übrig. Mein Vater hatte in der Roten Armee gekämpft. Wir sind 1946 nach Israel aufgebrochen. Die Briten stellten uns zunächst kein Visum aus. Zwei Jahre dauerte es, bis wir über Holland Palästina erreichten. Das war im Oktober 1948, ich war 12 Jahre alt, hatte keine Schule besucht. In der Folgezeit nahm Israel eine Million Flüchtlinge auf. Sie lebten in Zelten. Aber wir haben das Land und Siedlungen aufgebaut. Wir sind eine Arbeiter-Generation. Heute kommen die meisten Start-ups weltweit aus Israel. Und meine Familie ist mein persönlicher Sieg über Hitler: ein Sohn, eine Tochter, fünf Enkel und drei Urenkel.

Das Gespräch führte Ralf Schönball.

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