Blick auf die Havel vom Gatower Ufer aus. Foto: Jens Mühling
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Unterwegs in Berlins Ortsteilen Gatow: Wo der Gärtner für sich ist

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96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 26: Gatow.

An der Kleinen Badewiese in Gatow stand ein älterer Herr am Havelufer. Er hatte eine Kapitänsmütze auf dem Kopf, eine Zigarre im Mundwinkel und eine Fernsteuerung in den Händen. Als ich seinem konzentrierten Blick folgte, entdeckte ich das Modellsegelboot, das er in der Havel kreuzen ließ. „Ragazza 2“, sagte er stolz. „Gibt auch noch Ragazza 1, 3 und 4, die stehen zu Hause.“

Ich erfuhr einiges über die Welt des Fernlenksegelns. Mit seinen vier Modell-Mädels hatte der Herr bei zahllosen Miniaturregatten Preise eingeheimst. Auch mit echten Booten spielte er gelegentlich, aber die mietete er lieber, zum Halten waren sie ihm zu sperrig. „Wo wollen Sie die denn hinstellen?“ Mit diesen Bedenken schien er in Gatow allerdings recht allein zu sein – am Havelufer lief ich an so vielen Segel-, Ruder- und Paddelclubs vorbei, dass ich mich unwillkürlich fragte, ob der dünn bevölkerte Ortsteil mehr Boote als Menschen zählt.

Mehr oder weniger schiffsfrei war allein der Uferstreifen, den die imposante Villa Lemm mit ihrem Garten einnimmt, erbaut für den Schuhputzmittelmagnaten Otto Lemm. Später, in der Zeit der Sektorengrenzen, residierte hier der britische Stadtkommandant. Wenn dessen oberste Dienstherrin, Ihre Majestät Elizabeth II., Berlin besuchte, landete sie grundsätzlich auf dem Flugplatz Gatow, um dessen Gleichwertigkeit mit Tegel und Tempelhof zu unterstreichen, den Flughäfen der anderen West-Sektoren. Heute ist der Flugplatz Gatow sogar gleichwertig mit dem BER. Er ist nämlich außer Betrieb.

In der Villa Lemm sollte nach der Wende eigentlich der Bundeskanzler wohnen. „Aber dem Kohl war das zu poplig“, erklärte mir ein Anwohner. Stattdessen zog der Unternehmer Hartwig Piepenbrock ein, der 2013 starb. Seitdem, fuhr der Anwohner fort, sehe man auf dem riesigen Grundstück nur noch den Gärtner. Der Mann lachte. „Gärtner müsste man sein, wa?“

Grab auf dem Islamischen Friedhof. Foto: Jens Mühling
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Ansonsten gibt es in Gatow noch eine Windmühle, die 2004 aus Wusterhausen hierher verfrachtet wurde, um die Originalwindmühle des Ortsteils zu ersetzen, die vor etwa hundert Jahren an eine Filmproduktion verscherbelt wurde. Der Regisseur Richard Eichberg (größter Hit: „Der Tiger von Eschnapur“) brauchte sie, um sie in seinem Film „Die Liebesabenteuer der schönen Evelyne“ in Flammen aufgehen zu lassen. Ob sich das Opfer gelohnt hat, lässt sich leider nicht mehr beurteilen, da der Film verschollen ist. Geblieben ist von der alten Mühle nur ein roter Backsteinsockel, auf dem ein trauriger Gatower seine eigenen Liebesabenteuer verewigt hat: „Ich brauche dich mehr als alles andere; du brauchst dich selbst und deine Freiheit“, steht da mit Edding geschrieben.

Ganz am Ende stolperte ich dann mitten im Wald noch über Berlins wohl kosmopolitischstes Gräberfeld, den islamischen Teil des Gatower Landschaftsfriedhofs. Lange lief ich zwischen den Grabsteinen entlang und notierte staunend die Geburts- und Todesdaten von Menschen aus aller Welt, die an der Havel ihre letzte Ruhe gefunden hatten. 1939 Izmir – 2001 Berlin. 1935 Teheran – 2012 Berlin. 1946 Kabul – 2002 Berlin. 1958 Moulmein, Burma – 2000 Berlin. 1956 Ferizaj, Kosovo – 2011 Berlin. 1953 Jerusalem – 2011 Berlin.

Fläche: 10,1 km² (Platz 34 von 96)

Einwohner: 4298 (Platz 90 von 96)

Durchschnittsalter: 45,1 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Elizabeth II. (Königin), Otto Lemm (Unternehmer)

Gefühlte Mitte: Dorfkirche

Alle Folgen: tagesspiegel.de/96malberlin

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