Ganz oben. Wer Mitglied des Privatclubs ist, kann auf dem Dach des Soho auf Liegen lungern und am Pool chillen. Die Aussicht ist spektakulär, das Publikum prominent, die Plansche zu kurz. Nach fünf Zügen ist der Beckenrand erreicht. So bleibt mehr Zeit für Bussis in der Society. Fotos: Promop

Spielplatz der SocietyPrivatclub Soho House hat sich etabliert

von Ulf Lippitz0 Kommentare

„Only English, please!“: Der Privatclub Soho House ist zum neuen Sehnsuchtsort der Stadt aufgestiegen. Aber ein Getränk zu bestellen, kann schwierig sein.

In den vergangenen Monaten hat sich in der Berliner Bussi-Gesellschaft ein neuer Treffpunkt etabliert: das Soho House an der Torstraße in Mitte. Der Künstler Damien Hirst bat seine Partygäste auf die Dachterrasse des exklusiven Members Club, als er zum Gallery Weekend im Mai Berlin besuchte. Der Modeschöpfer Kostas Murkudis feierte auf der Fashion Week die Veröffentlichung seines ersten Buches – stilecht in der Keller-Bibliothek mit dem angrenzenden Privatkino. Und zwischendurch kursierte unter Mitte-Kreativen ständig dieser eine Satz wie ein Schwarm Schmeißfliegen: Sehen wir uns heute im Soho House?

Der Name klingt erst einmal protzig, nach fetten Zigarren und flotten Bienen. Und ein wenig ist es auch so. Allein das Gebäude schüchtert bereits Passanten mit seiner betonierten Wuchtigkeit ein. Sollte es auch früher. Im Bunker an der Kreuzung von Torstraße und Prenzlauer Allee residierte einmal die SED-Zentrale und fällte Entscheidungen von ostdeutscher Tragweite. Heute entscheiden die Betreiber nur noch über Einlasspolitik. Das Soho House stammt aus London, besitzt Ableger in New York und Hollywood – und darf nur von Mitgliedern betreten werden, respektive Gästen in Begleitung von Mitgliedern. Damit verfolgt der Club eine Türpolitik, die man in den 90er Jahren für obsolet in Berlin erklären wollte: die Auslese am Eingang.

Willkommen im Soho House ist die Kreativ-Elite, auf der Website heißt das: „aufgeschlossene Menschen aus der nationalen und internationalen Kreativszene“. Und damit ist eine Armee aus Künstlern, Galeristen, Stylisten, Filmschaffenden, Journalisten und Schriftstellern gemeint. Die sträubte sich in Berlin zuerst, sah nicht ein, für etwas zu zahlen, was es im Überfluss gab: exklusive Rückzugsorte. Vielleicht war es die Aussicht, den grünblau gekachelten Pool auf der Dachterrasse zu benutzen, vielleicht lockte das Versprechen, mit anderen weltweiten Clubmitgliedern kreative Allianzen an der Bar zu schmieden – jedenfalls entspannte sich nach einer heißen Anwerbephase die Mitglieder-Frage. Mehr als 1000 Mitglieder hat das Berliner Soho House bereits. Wer aufgenommen werden will, muss sich bewerben, am besten mit Empfehlungen zweier Mitglieder. Ein 40-köpfiges Komitee entscheidet darüber, wer reinkommt und wer nicht, wer gut genug ist für die acht Etagen Erlebnisspielplatz mit Fitnessraum, Restaurant, Hotel und Konferenzräumen.

Um die 80 Euro zahlen örtliche Soho-Häusler, dafür dürfen sie nur in das Berliner Haus, mit einem Jahresbeitrag von 1200 Euro können sie alle acht Häuser der Kette betreten.

Man muss zugeben, nach der üblichen Anfangsskepsis hat sich das Verhältnis von Berlinern und Mitgliedsclub in rasende Liebe verwandelt. Und wie in dieser schwingt ein Hauch von Übertreibung mit, wenn Menschen von dem großartigen Pool, oben in der achten Etage, schwärmen. Mal ehrlich, dieser Swimmingpool ist ein großes Planschbecken. Man kann darin schwimmen – etwa fünf Züge. Die Aussicht ist faszinierend, wenn man den unverstellten Blick auf DDR-Neubauten schätzt. Aber wie verbat sich ein Hamburger Mode-Redakteur neulich auf seiner Facebook-Seite: „Ich kann den Satz nicht mehr hören: Also der Pool im Soho House ist fantastisch!“

Das hält die hiesige Kreativbranche nicht davon ab, das Haus mit Partys in Beschlag zu nehmen. Neulich legte der frisch gekürte Adidas-Designer Dirk Schönberger im Restaurant auf, leider gab es am selben Tag ein wichtiges Fußballspiel – und er spielte feinen Elektro-Pop beinahe ohne Zuhörer. Die Buch-Präsentation von Kostas Murkudis lockte dafür Heerscharen von Modeschaffenden in den Kellerclub. Model Luca Gadjus sah einfach nur bezaubernd aus, die Schauspieler Clemens Schick und Bibiana Beglau stellten sich an der belagerten Bar für Champagner und Longdrinks an – und der „Zeit“-Redakteur, der einfach nur ein Bier bestellte, erhielt vom Barkeeper ein dankbares Daumen-hoch. Auch er konnte nicht die Frage beantworten, warum oben in der Eingangshalle eine Tischtennisplatte steht. Am heutigen Dienstag lädt Maler Norbert Bisky in die „Library“ zur Diskussionsrunde. Thema: „die wichtigsten zeitgenössischen deutschen Künstler“.

Das Soho House ist zum Sehnsuchtsort der Vernetzer aufgestiegen. Es ist ja auch alles so schön international hier, die Gäste aus den drei Etagen Hotel (eine Übernachtung im Doppelzimmer kostet ab 100 Euro, für Mitglieder ab 75 Euro) geben dem Restaurant in der siebten Etage eine Glamour-Aura, die es nur bedingt verdient. Warum nur bedingt? Weil das Internationale des Service-Personals sehr eingeschränkt ist – und häufig lautet: „Only English, please!“ Für so einen lächerlichen Multikulti-Anstrich kann man sich günstiger im White Trash betrinken, wo jede Bestellung nur auf Englisch angenommen wird. Diese Kommunikationsengpässe führen dann manchmal zu vergessenen Getränken, verspäteten Essen und schusseligen Kellnern. Aber das ist man ja in Berlin aus anderen Lokalen gewöhnt.

Feiner ist allerdings das Dekor. Auf acht Etagen entwarfen die Innendesigner einen britischen Landhaus-Traum, der wie ein Laura-Ashley-Neuschwanstein im Schmuddelmeer Berlin glänzt und funkelt. Die „Wallpaper“, die Stilbibel unter den Zeitschriften, lobte das Haus bereits über den grünen Klee und vergaß nicht die Eröffnungsparty von Damien Hirst zu erwähnen. Das Magazin strickt an der Legendenbildung – und vergisst dabei die hübsche Anekdote zu erwähnen, dass auf der Party später die Fahrstühle ausfielen und die Gäste in Stöckelschuhen durch den noch verstaubten Treppenaufgang acht Etagen hinuntertrippeln mussten. Und zwar nur in Begleitung von Sicherheitspersonal. Aufnahmegebühr 80 Euro, Ironie unbezahlbar: Es war ausnahmsweise leichter hineinzugelangen als wieder hinaus.