Auf diesem Foto aus den 1950er Jahren läuft sie noch, die alte Rotationsmaschine des Spandauer Volksblatts in der Neuendorfer Straße 101 in Spandau. Später wurde sie modernisiert, das Ende war aber unausweichlich. Foto: Verlagsservice Lezinskyp

Spandauer Volksblatt Die linke Stimme West-Berlins kam vom Stadtrand

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Aus Spandau, für West-Berlin: Das linksliberale "Volksblatt" versammelte Autoren wie Günter Grass. Vor 25 Jahren lag die letzte Ausgabe an den Kiosken.

Es liegt in der Natur der deutschen Geschichte, dass sich dieser Tage die 25. Jubiläen häufen – um zu feiern, was nach der Wende erfolgreich gegründet wurde. Beim Spandauer Volksblatt liegen die Dinge umgekehrt: Vor 25 Jahren, am 29. Februar 1992, erschien das kleine linksliberale Blatt zum letzten Mal als Tageszeitung. Die mutige Expansion ins Havelland war ebenso gescheitert wie die Bemühungen des Axel-Springer-Verlags, der eine Beteiligung erworben hatte.

Ein Neustart als Wochenzeitung scheiterte rasch, und im Juni 1992 wurde der traditionsreiche Name schließlich vom Verlag auf den Spandauer Anzeiger, ein kostenloses Anzeigenblatt, übertragen. Die Redakteure um Chefredakteur Hans Höppner zerstreuten sich in alle Winde – einige auch zum Tagesspiegel (Erinnerungen von den Kollegen finden Sie in unserem "Leute"-Newsletter aus Spandau).

Das Volksblatt, in der Branche meist als „Spavo“ bekürzelt, war bis dahin mehr als nur eine kleine Lokalzeitung vom Berliner Stadtrand. Seine besten Jahre hatte es wohl zwischen 1964 und 1965, als Günter Grass und Wolfgang Neuss von Spandau aus den Kurfürstendamm erobern wollten. Ihnen fehlte an den Kiosken eine Stimme, die sich dem zeitüblichen Antikommunismus verweigerte. Ludwig Erhard war Kanzler, Willy Brandt Regierender Bürgermeister, die Zeit war reif.

Das passte zu den Ambitionen des Chefredakteurs Höppner, der „über die Spandauer Festung hinaus“ expandieren wollte und sich für eine neue Ostpolitik stark machte. Und es passte zu den Ambitionen des Verlagsleiters Otto Peter Schasiepen, der aus dem Volksblatt für Berlin machen wollte, „was die FAZ für Deutschland ist“.

Gemeinsame Initiative mobilisierte linke West-Berliner Intelligenz

Die gemeinsame Initiative schlug bundesweit hohe Wellen und mobilisierte die linke West-Berliner Intelligenz, die ab und zu sogar beim Verkauf auf dem Kurfürstendamm half. Klaus Wagenbach, Ossip K. Flechtheim, Peter Schneider, F. C. Delius und andere schrieben für das Blatt, Grass persönlich lieferte das sehr lange Manuskript einer Shakespeare-Gedächtnisrede für den Exklusivabdruck. Der junge FU–Politologe Eckart Krippendorf schrieb eine wöchentliche Kolumne, aus der sich ein Semester mit Flugblättern, Vollversammlungen und Streiks entwickelte, faktisch der Beginn der Studentenbewegung in Berlin.

Höppner, immer irgendwo in der Mitte zwischen Bürgertum und Revolte, erlaubte seinen neuen Kollegen, die intern als „Gruppe 4711“ bespöttelt wurden, die Baader-Meinhof-Bande „Gruppe“ zu nennen und ließ auch erstmals zu, dass die DDR ohne Anführungszeichen geschrieben wurde, damals ein politisches Sakrileg.

Doch so schnell, wie alles gestartet war, ging es auch zu Ende: Erst ätzte der Grass-Freund Uwe Johnson, „als Fremdkörper in einem Provinzblatt nützen wir weder uns noch irgendeiner Sache“. Die Auflage, knapp 30 000, stagnierte trotz des Medienechos, Schasiepen warf hin, und dann kam es zum großen Knall wegen der Absicht des Verlegers Kurt Lezinsky, auf der bislang anzeigenfreien ersten Seite eine Hertie-Anzeige zu drucken.

Das linksliberale "Volksblatt" versammelte Autoren wie Günter Grass. Foto: dpa/ Gambarinip

Die Neigung zur SPD blieb, weil sie Tradition hatte

Höppner war in Urlaub, Stefan Reisner, der junge redaktionelle Koordinator, protestierte und wurde im Oktober 1965 gefeuert, die Autoren gingen mit ihm. Der Chefredakteur blieb und steuerte das Blatt bis zum bitteren Ende als linksliberale, SPD-nahe Zeitung, die in ganz Berlin gehört, aber ganz überwiegend in Spandau gekauft wurde wurde. Daran änderte auch der mehrfache Namenswechsel – „Volksblatt Berlin“, auch mal nur knapp „Volksblatt“ – nichts.

Die Neigung zur SPD aber blieb, weil sie Tradition hatte. Denn Gründer Erich Lezinsky, ein gelernter Schriftsetzer aus Landsberg, hatte schon bis 1933 eine Spandauer SPD-Zeitung namens „Volksblatt“ geleitet. Mit einer persönlichen Lizenz der britischen Militärregierung knüpfte er an diese Tradition an; das erste „Spandauer Volksblatt“ nach dem Krieg erschien am 5. März 1946, zunächst dreimal wöchentlich, dann ab September täglich – außer montags, wie in West-Berlin üblich. Wegen eines zähen Streits über alte Lizenzansprüche überwarf sich der Verleger aber mit der SPD und nutzte jede Gelegenheit, die Partei zu attackieren. Das änderte sich erst, als Höppner die Rückbesinnung einleitete.

Die größte Berliner Zeitung in Spandau

Trotz aller Änderungen und Knalleffekte: Das Blatt war und blieb auch unter der späteren Führung von Ingrid Below-Lezinsky die größte Berliner Zeitung in Spandau – nicht mehr, nicht weniger. 1987 wurde es noch einmal modernisiert, sogar Stefan Reisner kehrte als Kolumnist zurück. Doch das Hauptproblem blieb der enge lokale Anzeigenmarkt, den der Verlag zudem mit dem um 1970 gegründeten „Spandauer Anzeiger“ ausschöpfte, einem der ersten kostenlosen Anzeigenblätter in Deutschland.

Kurz vor der Wende entschloss sich die Familie Lezinsky dennoch, den Axel-Springer-Verlag ins Boot zu holen, zunächst mit dem kartellrechtlich maximal zulässigen 24,9 Prozent. Auf dem Zeitungsmarkt nach der Wende wurde diese Grenze sinnlos, und Springer übernahm den Lezinsky-Verlag schrittweise nach der Einstellung der Tageszeitung. Der Titel „Spandauer Volksblatt“, den die Verleger nach dem Rückzug aus dem Havelland noch einmal reanimiert hatten, gehört heute zur Funke-Gruppe – als Anzeigenblatt für Spandau.

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