Der stürzende Turm der Kirche wurde zum Symbol für die Teilung der Stadt. Foto: dpap

Sonntags um zehn Mit einem Gottesdienst wurde an die Versöhnungskirche erinnert

Claudia Keller
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Vor 30 Jahren wurde an der Bernauer Straße die Versöhnungskirche gesprengt. Sie war dem DDR-Grenzregime im Wege.

Die Versöhnungskirche wurde Stück für Stück entsorgt, vielleicht, damit es mehrmals wehtut. Am 22. Januar 1985 wurde das Kirchenschiff gesprengt, sechs Tage später der Turm. Regine Hildebrandt hat beobachtet, wie er kippte und zu Boden knallte. Die stürzende Versöhnungskirche müsse dem „steingewordenen Sinnbild des Hasses und des Auseinanderlebens weichen“, schrieb sie in ihren Erinnerungen. Regine Hildebrandt war ein Kind der Bernauer Straße. Hier war sie „geboren worden, getauft, ausgebombt, umquartiert, eingesegnet und eingemauert, schließlich vertrieben“.

Jörg Hildebrandt las die Beobachtungen seiner verstorbenen Frau am Sonntag im Gottesdienst in der Versöhnungskapelle auf den Fundamenten der gesprengten Kirche vor. Dicht gedrängt saßen und standen die Gäste beisammen. Es schreckte sie nicht, dass es keine Heizung gibt in der runden Kirche aus Lehm. Die Kälte kroch von unten, beim Singen konnte man den Atem sehen. Die Besucher des Gottesdienstes waren aus Wedding, aus Hohenschönhausen, aus Marzahn und sogar aus Neukölln gekommen, um daran zu erinnern, dass es jetzt 30 Jahre her ist, dass das Gotteshaus von den Ostberliner Behörden zerstört wurde.

Die Kirche war den Ostberliner Behörden seit 1961 im Weg. Sie stand mitten auf dem Mauerstreifen. „Es mahnten so viele Stunden Versöhnungsglocken die Stadt. Nun sind die Glocken verklungen, vermauert die Kirchtür“, hatte Gemeindemitglied Milly Hilgenstock nach dem letzten Gottesdienst im November 1961 geschrieben. Auch ihre Zeilen wurden am Sonntag vorgetragen. Danach erklang eine so genannte Elefantenglocke und ahmte das Verklingen der Glocken und das Sterben der Kirche nach. Ein bewegender Moment.

Gut hundert Menschen, darunter viele Zeitzeugen, erinnerten in der Kapelle an der Bernauer Straße an die Zerstörung der Versöhnungskirche vor 30 Jahren. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpap

1894 war die Versöhnungskirche geweiht worden. „Werden nicht deshalb Kirchen gebaut, weil Menschen das Gefühl haben, hier, an diesem Ort, ist es gut zu sein?“, fragte Pfarrer Thomas Jeutner an diesem Sonntag – und erinnerte an eine Stelle aus dem Matthäus-Evangelium: Jesus ist mit seinen Jüngern auf einen Berg gestiegen. Dort erstrahlt er in einem wundersamen Licht, auch Mose und der Prophet Elia zeigen sich. Petrus ruft begeistert aus, wie gut es doch sei, hier zu sein. Er wolle gleich Hütten bauen. Doch da sagt ihm eine Stimme, dass er allein auf Jesus Christus hören soll. Es komme nicht auf Gebäude an, sondern allein auf das, was Jesus sage. Dem solle man folgen, interpretiert Pfarrer Jeutner den Bibeltext. Jesus und die Jünger steigen ins Tal – zu den Menschen und Jesu Kreuzigung entgegen. Doch es wartete nicht nur Schlechtes auf sie.

Inmitten von Scheitern und Fallen lasse Gott die Menschen auch Gnade finden, sagt Pfarrerin Nana Dorn aus Hohenschönhausen. Der aus Eisen geschmiedete Gekreuzigte in der Versöhnungskapelle hat deshalb auch nur einen Arm ans Kreuz genagelt. Mit dem anderen segnet er die Welt. Zum Ausgleich für die gesprengte Versöhnungskirche erlaubten die Ostberliner Behörden den Bau eines neuen Hauses im Neubaugebiet in Hohenschönhausen. Es entstand eine sehr aktive Gemeinde, daran konnte auch die Stasi nichts ändern, die fleißig in den Gottesdiensten mitschrieb. Doch nach 1989 zogen viele weg, vieles schrumpft seitdem. Jetzt hat sich die Gemeinde eine neue Aufgabe gesucht: Sie hilft den Flüchtlingen in der Nachbarschaft.

Man könne die gesprengte Versöhnungskirche zwar nicht wieder errichten, schrieb Regine Hildebrandt. „Aber dem Wort von der Versöhnung müssen wir Tag für Tag durch unser Zutun Geltung verschaffen.“

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