Brasilianischer Glamour. Die Ausstellung ist vom biografischen Filmprojekt „Queer City“ inspiriert. Foto: Lanchonete.org / Danila Bustamante
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São Paulo-Ausstellung im Schwulen Museum Das fließende Geschlecht

Anne-Sophie Schmidt
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Repressalien und Burlesken: „Queer City: Geschichten aus São Paulo“ im Schwulen Museum beleuchtet die LGBT-Szene Brasiliens.

Die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare gibt es in Brasilien schon seit 2013. Das Jahr markiert jedoch auch den Beginn zunehmender Unruhe in dem größten Land Südamerikas: Menschen protestierten massenweise gegen eine korrupte Politik, die die Nöte eines überwiegenden Teils der Bevölkerung missachtet. Unter Michel Temer, der die Präsidentschaft nach der Amtsenthebung von Dilma Rousseff übernommen hat, häufen sich repressive Maßnahmen. Das Militär gewinnt an Macht, der Konservatismus erstarkt, das Land ist gespalten. Besonders deutlich bekommt das die queere Szene zu spüren.

Seit September häufen sich dort die Ereignisse: Im Süden des Landes sagte der Hauptsponsor eine Ausstellung queerer Kunst ab, nachdem es aus evangelikalen Kreisen geheißen hatte, die Ausstellung würde Pädophilie zur Schau stellen. In São Paulo nahmen Polizisten den Karikaturisten Nerone Prandi in Gewahrsam, der Aufkleber am Museum für Moderne Kunst in São Paulo angebracht hatte. Die Zeichnungen zeigten einen Penis mit Flügeln und nackte Männer, die sich überkreuz in den Armen liegen.

José Gabriel Navarro kann nicht glauben, was in seinem Land im Moment passiert. „Seit der 7:1-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland bei der Fußball-WM 2014 hat sich hier eine Redewendung etabliert: ,Todo dia um 7:1, jeden Tag ein 7:1.‘ Jeden Tag ereignet sich in Brasilien etwas Neues, das vor eineinhalb Jahren undenkbar gewesen wäre.“ Der 28-jährige Journalist ist einer der Kuratoren der Ausstellung „Queer City: Geschichten aus São Paulo“, die bis Januar im Schwulen Museum in Berlin zu sehen ist. Navarro ist sichtbar bewegt, als er von den jüngsten Vorfällen erzählt: „Ein Theaterstück, in dem eine transsexuelle Schauspielerin die Rolle des Jesus verkörperte, fiel der Zensur zum Opfer. Im Jahr 2017. Das zeugt von einem kulturellen Analphabetismus, der typisch für Brasilien ist.“

Queerer Treffpunkt im Zentrum Sao Paulos

Typisch für Brasilien sind auch die Widersprüche: wachsende evangelikale Gemeinden, die sich an jeder Straßenecke finden und die sich gegen Abtreibung einsetzen, aber auch der weltgrößte Gay Pride in São Paulo. Diese Parallelwelten zeigt „Queer City“, indem es beispielsweise das 2012 eröffnete, staatlich finanzierte Museum für sexuelle Vielfalt vorstellt. Im Herzen der Stadt, in der U-Bahn Station República gelegen, ist es das Ergebnis eines Kampfes queerer Menschen für mehr Rechte und Sichtbarkeit. Aufmerksamkeit bekommt das Museum alleine schon wegen seines Standortes: 148 000 Menschen sind täglich in der U-Bahn-Station unterwegs.

José Gabriel Navarro ist in einem Randbezirk von São Paulo aufgewachsen. Er selbst hat helle Haut, seine Mutter ist dunkelhäutig, wie bei den meisten Brasilianern kommen seine Groß- und Urgroßeltern aus der ganzen Welt. Sein Coming-out hatte er mit 15. Die Bezeichnung „queer“ mag er eigentlich nicht so, er spricht von der LGBT-Community, sagt aber gleichzeitig: „Wir sind doch alle seltsam – wenn queer das zum Ausdruck bringt, finde ich das gut.“

Im Großraum São Paulo leben mehr als 20 Millionen Menschen, die Stadt ist bekannt für eine lebhafte queere Szene. Ein beliebter Ort ist zum Beispiel der Lago do Arouche, ein begrünter Platz im Zentrum der Stadt, dort treffen sich auch arme und schwarze LGBTs, die sich den Eintritt in die teuren Clubs nicht leisten können. „Es war die Straße, die mich am meisten lehrte“, sagt Navarro. „Meine Helden sind gerade die weniger Privilegierten, die obdachlos sind und trotzdem für die Rechte der LGBT-Community kämpfen.“

Vor 40 Jahren war die Szene noch lebendiger

Bars und Clubs ballen sich im Zentrum, aber politische und künstlerische Aktivitäten der Szene finden auch in der Peripherie statt – wie „Explode! Residency“, ein Projekt im Osten der Stadt. Künstlerinnen, Musiker, Tänzer, Kulturschaffende und Wissenschaftlerinnen, von denen einige in der Ausstellung porträtiert sind, verbrachten dort gemeinsam elf Tage, um Ideen für eine tolerantere Zukunft der Stadt auszutauschen. Selbst Navarro, der sich gut in der Szene auskennt und schon viel gesehen hat, ist immer wieder überrascht von dem vielfältigen Angebot. Das liege auch an deren Größe: „Ich war bereits in 28 Ländern, in keiner anderen Stadt gibt es so viele Orte für die LGBT-Community wie in São Paulo. Die Stadt hat genug Platz für viele progressive Menschen.“ Die Community profitiere von der Anonymität und dem Reichtum der Finanzmetropole.

Vor 40 Jahren war die Szene sogar noch lebendiger, zwischen den sechziger und achtziger Jahren erlebte sie eine goldene Ära, wie man im Film „São Paulo in HiFi“ von 2013 sieht, der im Schwulen Museum gezeigt wird. So paradox es scheint, gerade während der Militärdiktatur erlebte die Szene eine Blütezeit: Erstmals gab es große Drag-Shows, schwul-lesbische Clubs eröffneten und es fanden politische Demonstrationen statt. Die Ausstellung dokumentiert diese Vielfalt mit Bildern aus der Zeit: Die farbenprächtigen Kostüme der abgelichteten Drag-Ikonen lassen sich auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen nur erahnen, und doch geben sie einen Eindruck der damaligen Freizügigkeit. Mit dem Ende der Diktatur schlossen auch die Clubs, die Hoffnung auf ein akzeptiertes queeres Leben in der Stadt wurde enttäuscht.

Menschlichkeit, für die das Geschlecht irrelevant ist

Als Navarro den Film das erste Mal sah, konnte er nicht glauben, wie liberal die Szene in São Paulo damals war. Er erklärt sich diese Blütezeit damit, dass Brasilien eine burleske Tradition habe, in der man Geschlecht schon immer nicht so ernst nahm. Fast alle brasilianischen Komiker hätten sich in mindestens einem Stück auch mal als Frau verkleidet. „Es gibt hier eine gewisse Fluidität in der Frage des Geschlechts, die sich widerspiegelt in einer großen Drag-Szene.“ Das ist in der Ausstellung auf mehreren Großaufnahmen von Laerte Coutinho zu sehen, einer bekannten Karikaturistin und offen bisexuellen Trans-Frau. Mit tiefroten Lippen, langen Haaren und Nagellack sitzt die nackte Laerte auf dem Boden und wendet sich mit ernstem Blick zur Kamera – und zeigt sich in einer Menschlichkeit, für die das Geschlecht irrelevant ist.

Von den Ereignissen der letzten Monate, die der Ausstellung eine unerwartete politische Brisanz bescheren, waren die Kuratoren überrascht. Innerhalb weniger Jahre macht Brasilien mehr Schritte zurück als nach vorne. Die Ausstellung, so José Gabriel Navarro, zeige auch, wie Menschen in widrigen Umständen weiterkämpfen. „Meine Generation hat das Land nur besser werden sehen, aber nun gibt es eine Serie von Ereignissen, die zeigen, dass unsere Freiheiten alles andere als selbstverständlich sind.“

Schwules Museum, bis 8. Januar, Mo, Mi, Fr, So 14–18, Do 14–20, Sa 14–19 Uhr

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