Nasser (gespielt von David Brizzi) zwischen Mutter (Katja Hiller) und Vater (Jens Mondalski). Foto: imago/Martin Müllerp

„Nasser #7Leben“ am Grips-TheaterEmpowerment und packende Unterhaltung

von Patrick Wildermann0 Kommentare

Klug und konzentriert: Maria Lilith Umbach inszeniert am Grips-Theater „Nasser #7Leben“. Das Stück basiert auf dem Schicksal eines jungen, muslimischen Schwulen aus Berlin.

Wie reagiert man am besten, wenn man erfährt, dass der Sohn schwul ist? So jedenfalls nicht: „Diese miese kleine Ratte! Ich werde ihm ein Messer in den Hals rammen!“ (der Vater) – „So was wie du darf nicht leben.“ (der Onkel) – „Ich habe eine Missgeburt auf die Welt gebracht. Du bist nicht mehr mein Sohn.“ (die Mutter)

Nein, Nasser El-Ahmad hat es in puncto liebevoller Unterstützung nicht gut getroffen. Die Eltern stammen aus dem Libanon und schützen die Religion vor, um ihre menschenverachtende Dummheit zu legitimieren. Womit sie ja leider kein Einzelfall sind. Nassers Einwand, dass er sich seine Sexualität nicht ausgesucht habe, sondern sie ihm von Allah geschenkt worden sei, verfängt zu Hause jedenfalls nicht.

Kein Wunder, dass es der Junge in der Enge der elterlichen Wohnung und Wertvorstellungen nicht mehr aushält und in ein betreutes Projekt für Jugendliche flieht. Trotzdem gelingt es den Erzeugern gleich zweifach, ihn zurückzulocken. Beim ersten Mal soll der 15-Jährige mit einer ebenfalls minderjährigen Cousine zwangsverheiratet werden. Und als das nicht aufgeht, entführen ihn Vater und Onkel, um ihn im Libanon umzubringen. Jedenfalls zeigen sie Nasser das Foto des Galgens, der im Garten der Großmutter auf ihn wartet.

Nasser El-Ahmad lebt glücklicherweise noch heute in Berlin. Als LGBT-Aktivist ist er eine prominente Figur, sein Fall hat in den vergangenen Jahren viele Schlagzeilen und Porträts produziert. Nicht zuletzt, weil Nasser den Mumm hatte, Vater und Onkel wegen Misshandlung und Entführung vor Gericht zu bringen (wo sie zu lächerlich geringen Geldstrafen verurteilt wurden). Die Geschichte ist natürlich stark: ein schwuler muslimischer Junge, der seine Sexualität und seinen Glauben leben möchte und dafür löwenmutig kämpft – das könnte sich kein Hollywoodautor besser ausdenken.

Im Netz findet er Unterstützung - und Hass

Zumindest das Grips-Theater in Person seines künstlerischen Leiters Philipp Harpain ist auf Nassers Schicksal aufmerksam geworden und hat darin den Stoff für die Bühne erkannt. Entstanden ist ein großartiges (und eben wahres) Coming-out- und Coming-of-Age-Stück für Menschen ab 13, das Empowerment und packende Unterhaltung vereint.

Susanne Lipp hat auf der Grundlage von Interviews mit Nasser El-Ahmad „Nasser #7Leben“ geschrieben, das im Titel unter anderem auf die Welt der sozialen Medien anspielt, wo der Junge erstmals entdeckt, dass es auch andere Menschen mit Problemen wie den seinen gibt. Und wo ihm im Kommentar-Dschungel Unterstützung und auch viel Hass entgegenschlägt. Die Regisseurin und Grips-Debütantin Maria Lilith Umbach blendet dazu per Video einen Chor aus verzerrten, maskierten Facebook-Fratzen ein, was ein treffendes Bild für Fluch und Segen der Anonymität ist.

David Brizzi gibt Nasser als Regisseur seiner eigenen Biografie

Überhaupt ist Umbachs 70-minütige Inszenierung klug und konzentriert. Im Bühnenbild aus verschiebbaren, transparent bespannten Boxen (Ausstattung: Lea Kissing) wird die Geschichte einer Befreiung unsentimental performt und kommentiert. David Brizzi gibt Nasser nicht nur als Spieler, sondern auch als Regisseur seiner eigenen Biografie, der am Mikro immer wieder direkt das Publikum adressiert. Katja Hiller (als Mutter und Onkel), Jens Mondalski (unter anderem als Vater Ibrahim) sowie die Musikerin Öz Kaveller, die auch Nassers kleine Schwester gibt, steigen je nach Szene in seine Erzählung ein.

Auf die Darstellung von Gewalt (die Nasser vielfach erleiden musste) verzichten Text und Regie weitestgehend – ausdrücklich auch, um keine Islamophobie zu schüren. So sind leider die Zeiten. Man muss den Pauschalisierungswahn der Populisten immer mitdenken. Allerdings braucht das Stück auch keine Drastik. Die Kraft kommt hier aus dem Idealismus, der auch als Message am Schluss steht. „Deine Geschichte ist schon extrem …“, heißt es da. „Ich will kein Mitleid und keine Bewunderung“, betont der Bühnen-Nasser. „Aber jeder Mensch verdient Respekt.“ Keine Binse! Es ist gerade wieder wichtig geworden, an solche Grundregeln des Zusammenlebens zu erinnern. „Nasser #7Leben“ hilft dabei.

Die Vorstellungen im März und April sind ausverkauft. Weitere Termine im Mai, Juni und Juli

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