Küssende Frauen sind selbst in der westlichen Welt für viele noch immer ein irritierender Anblick. CSD-Paraden wollen das ändern. Foto: João Relvas/dpa
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Essay zum Christopher Street Day Mehr Abenteuer der Hingabe

Antje Rávic Strubel
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Wenn queere Menschen Heterosexuelle imitieren, können sie auf Anerkennung hoffen. Doch würde mehr Eigensinn sie nicht glücklicher machen? Ein Gastbeitrag.

Vierzig Prozent der Deutschen ekeln sich, wenn Frauen oder Männer einander küssen. Das schrieb Sasha Marianna Salzmann im letzten Jahr an dieser Stelle. Vierzig Prozent. Das ist beinahe jede Zweite (abzüglich der Queers ist es vielleicht mehr als jeder Zweite). Ich weiß nicht, ob es darüber eine Statistik gibt, aber angesichts der hohen Einschaltquoten ist es unwahrscheinlich, dass sich die Hälfte derjenigen, die Sonntagabend Tatort schauen, ekeln, wenn ein Mensch umgebracht wird.

Kollektiver Ekel deutet oft auf ein Tabu hin. Die Handlungen, die diesem Tabu unterliegen, haben damit zu tun, wie Gesellschaft sich im Kern organisiert. Das Inzesttabu beispielsweise, jenes grundlegende Verbot, das in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Grade von Verwandtschaft betrifft, regelt, in welchen Beziehungen Menschen zueinander stehen. Hier organisiert sich, was das Eigene und was das Fremde ist.

Menschen, deren Körper nicht auf standardisierte fortpflanzungsfördernde Weise miteinander kombiniert sind (biologischer Mann plus biologische Frau), unterliegen in ihrem Begehren und Lieben einem wirksamen Instrument gewaltvollen Ausschließens. In vielen Ländern dürfen sie untereinander Bündnisse eingehen, die auch bei uns endlich nicht mehr eine mindere Version der Ehe sind. Solange sie unter dem Mantel der Heterosexualisierung verschwinden, Partner oder Partnerin brav als „mein Mann“ und „meine Frau“ titulieren und sich auch sonst in ihrem öffentlichen Paarverhalten ununterscheidbar vom Standard machen, solange sie also mangelhaft Heterosexualisierte sind, gehören sie mittlerweile dazu.

Lesbische Moderatorinnen turteln am Heteronormativ entlang

Das ist nur gerecht. Der Staat gewährt einer Lebensform Schutz; die Sexualität hat ihn nicht zu interessieren. Ohne diese politische Errungenschaft ist eine moderne Demokratie ziemlich unglaubwürdig. Trotzdem muss ich an schöne, wilde Steppenpferde denken, die man in einen Zoo gesteckt hat. Sie lassen sich einzäunen (vergattern hätte man im Osten gesagt), um nicht mehr draußen zu sein. Kein Strandgut mehr, angespült an den Rändern der Gesellschaft. Aber ist das überhaupt der Fall?

Antje Rávic Strubel

Antje Rávic Strubel, 43, lebt als Schriftstellerin in Potsdam. Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin in Berlin studierte sie in Potsdam und New York Literaturwissenschaften, Amerikanistik und Psychologie. Ihr erster Roman "Offene Blende" erschien 2001. Antje Rávic Strubel hat als Journalistin, Literaturdozentin und Übersetzerin aus dem Englischen gearbeitet. Ihren Roman "Kältere Schichten der Luft" hat sie 2007 in ihrem Sehnsuchtsland Schweden angesiedelt. Im vergangenen Jahr kam ihr siebter Roman „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ (S. Fischer) heraus.

Schauspielerinnen, Sängerinnen, Moderatorinnen, alle outen sich mittlerweile. Aber manche kungeln und turteln vor der Kamera so ostentativ am Heteronormativ entlang, als hätten sie dennoch Angst, aufzufliegen. Aber womit? Mit der Aufrichtigkeit ihrem Begehren, ihrer Liebe gegenüber?

Neulich sagte eine Frau aus dem Kulturbetrieb, die mit einer Frau verpartnert ist, mein jüngstes Buch „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ sei ihr zu lesbisch. Es geht darin um Liebe, Sehnsucht, Ablehnung und Anziehung, klassische short stories mit dem Unterschied, dass Personal und Begehren hauptsächlich queer sind. Ich freue mich auf den Tag, an dem ein heterosexueller Leser zu Clemens Meyer sagen wird: Entschuldige, mein Lieber, aber deine Geschichten sind mir zu hetero.

Oder ist das alles nur Tarnung in Zeiten der Dezivilisierung?

Ab 30 Prozent werde ein Phänomen systemisch, schreibt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guèrot; ob es der Verlust von Sauerstoff in einem See sei oder Rechtspopulismus. Der See kippe. Ist die mangelhafte Heteroheit in Zeiten der Dezivilisierung, wenn die Schleusen der Enthemmung und Gewaltbereitschaft weit offen sind, also nurmehr eine neue Tarnung angesichts von 40 Prozent, die der Ekel befällt, wenn Steppenpferde einander küssen? Oder gar entkleiden?

„Carol“ war in dieser Hinsicht ein perfekter Film. Küssen und Ausziehen sind so makelbehaftet, dass sich Cate Blanchetts Figur folgerichtig vor der eigenen Courage ekeln. Lesben mochten den Film, weil sie all das Unterschwellige in ihn hineinlesen konnten, das sie aus dem Leben kennen, Begehren als Subtext, auch lange nach Patricia Highsmith, die 1952 die Romanvorlage schrieb.

Ich muss an den öffentlichen Sex letzten Sommer in der Hasenheide denken: Mann und Frau halbnackt auf- und ineinander auf einer Liegewiese, angefeuert und gefeiert, was als ein Triumph der Vitalität und Lebensfreude durch die sozialen Netzwerke ging. Was, wenn Schwule, Lesben oder Transgender ihre Körper auf die gleiche Weise begehrend in Szene setzen würden? Nicht in Tanz übersetzt und als Show performt auf einer halbpolitischen, karnevalesken Prozession, die ein deutlich markiertes Ende hat, nicht als versabberte Akrobatik wie im unsäglichsten aller diesbezüglichen Filme, sondern mitten im Alltag, aus spontaner Lust, auf einer Wiese im Park?

Queeres Begehren wird schnell als pornografisch gelesen

Das Vulgäre daran ist auch beim Hetero-Sex zu beklagen. Aber käme ein solches Ereignis mit ausschließlich weiblicher Besetzung überhaupt in die Nähe einer Feier des Vitalen? Würden einander begehrende Frauen als „Abenteurer der Hingebung“ gelesen, wie die Künstlerin und Politikerin Louise Hartung in den fünfziger Jahren in einem Brief an ihre große Liebe Astrid Lindgren es sich vorstellte? „Wir brauchen in der Welt viel mehr ‚Abenteurer der Hingebung’, sonst ersticken wir an der Geschäftemacherei und der Bürokratie.“

Eher käme einem Teil der Parkbesucher wohl das Wort Pornografie in den Sinn; Sex zwischen Frauen gilt der standardisierten Lesart zufolge nur als Ereignis zur heteromännlichen Befriedigung, nicht der Lust der Beteiligten. „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ wurde zuweilen vor dem Hintergrund von Pornografie diskutiert. Das überraschte mich. Ich zeige darin keine Geschlechtsteile in Großaufnahme, es geht nicht um vereinzelte Akte, die Mechanik der Körper, die fragmentiert vorm distanzierten Blick des Konsumenten ablaufen. Die Lüste der Figuren sind eingebettet in ihre Emotionen und in Geschichten, die anstelle von Voyerismus Involviertheit beim Lesen voraussetzen.

Die Autorin: Antje Rávic Strubel, Schriftstellerin aus Potsdam. Foto: Zaia Alexander
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Allein die Tatsache, dass Frauen oder Transmenschen einander begehren, führt zur Formel der Pornografie. Das begriff ich, als sich auf einer Lesung die Gastgeberin auf einmal so dafür schämte, mich eingeladen zu haben, dass es ihr die Sprache verschlug. Sie brach mitten in der Einführung ab, als wäre das, was gerade noch Literatur gewesen war, im öffentlichen Rahmen schmutzig geworden. Unanständig. Pornografisch. Meine Figuren wurden ihrer Geschichte, ihrem Begehren, ihrer Subjektposition beraubt, sie wurden als Ding der Befriedigung anderer gesehen. Das war erniedrigend. Ich brauchte Wochen, um dieses Gefühl wieder loszuwerden. So muss es sich anfühlen, dachte ich, missbraucht worden zu sein.

Wozu braucht unsere Gesellschaft den Ekel vor dem queeren Kuss?

Dient die Tarnung „Mangelhetero“ also auch wieder mal dazu, dem pornografisierenden Blick zu entgehen?

Aber vielleicht war es anders. Vielleicht schämte sich die Gastgeberin, weil es aussehen konnte, als hätte sie sich für einen Moment verführen lassen (zum Lesen? zur Intensität?) und ein Tabu gebrochen. Wäre ich schlagfertig gewesen, hätte ich dem bildungsgesättigten Galerie-Publikum an jenem Abend in Anlehnung an James Baldwin gesagt: „Ich habe die lesbische Frau nicht erfunden. Sie ist eine Erfindung der Heterosexuellen, und die Heterosexuellen müssen sich fragen, wozu sie sie brauchen.“

Wozu braucht unsere Gesellschaft den Ekel vor dem queeren Kuss? Um all den Wildwuchs, das Chaotische und Quere zurückzuhalten, die Rätsel der Existenz und die Ungewissheit, die selbsterklärungsfreie Fantasieräume schaffen, aber auch Leere, Angst und das Gefühl des Unbehaustseins, all jenes also, was nicht standardgemäß gestutzt werden kann wie die Gartenhecke, und womöglich einen Produktionsausfall in der Kindererzeugung zur Folge hätte (Aussterben der Deutschen! der Spezies!), würde es nicht ausgelagert und verbissen abgelehnt? Ist das nicht ein alter Hut? Also doch hoffentlich nicht bloß, damit die Geschäfte wie geschmiert laufen! Aber das sollen andere beantworten. Nicht ich.

Ein fliegendes Wir von immer anderer Gestalt

Ich habe eines noch nie verstanden: Warum sich ein Halfter anlegen, statt eine Runde mit den Steppenpferden zu drehen, das Auge brennend auf den Horizont gerichtet? Ein rasanter Galopp, dem Rausch hingegeben, der die Körper unscharf macht, Silhouetten, die in- und übereinandergleiten, ein fliegendes Wir von immer anderer Gestalt. Nicht entweder Frau oder Mann sind da unterwegs, nicht Homo- oder Heterosexuelle, weder queer noch trans noch standard, auch nicht hell oder dunkel, sondern sowohl als auch, „Abenteurer der Hingebung“ mit dem Anspruch auf Vielheit, die einen Kuss allein am Grad seiner Intensität messen. Ich vermute, wir wären glücklicher so.

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