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Das Queer-Lexikon Was ist Intersexualität?

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Intersexuelle haben angeborene Geschlechtsmerkmale, die aus Sicht der herrschenden Mehrheit uneindeutig sind. Eine neue Folge des Queer-Lexikons, mit dem der Queerspiegel wichtige Begriffe rund um die Geschlechter erklärt

 

Intersexuelle Menschen haben angeborene Geschlechtsmerkmale, die von der herrschenden gesellschaftlichen und medizinischen Norm nicht als eindeutig akzeptiert werden, die also nicht in die Kategorien männlich oder weiblich passen, sei es genetisch, hormonell und oder anatomisch. Manche Intersexuelle bezeichnen sich auch als Hermaphroditen oder Zwitter. Über die Zahl der Intersexuellen gibt es unterschiedliche Schätzungen: Der Verein Intersexuelle Menschen e.V. berichtet von wissenschaftlichen Schätzungen für Deutschland von 80 000 bis 120 000 Intersexuellen. In diesem Kreis gebe es aber 4000 körperliche Varianten. Viele Menschen bemerken ihre Intersexualität erst in der Pubertät.

Manche Intersexuelle fühlen sich von Homo- oder Transaktivisten politisch vereinnahmt

Da Intersexuelle genau wie Homosexuelle oder Transidente von der Norm der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft abweichen, bieten sich politische Bündnisse an. Nicht alle Intersexuellen fühlen sich aber von Homo-Aktivisten angemessen repräsentiert: So kritisiert der Verein Zwischengeschlecht.org, manche Homo- und Transaktivisten würden die Intersexuellen für ihre Zwecke vereinnahmen, etwa beim politischen Ziel der Dekonstruktion von Geschlecht.

Bei Intersexuellen geht es aber nicht um „Lebensformen“ und um „Orientierungen“. Angesichts von erzwungenen Operationen erleiden sie vielfach körperliche wie seelische Schmerzen.  Entsprechend haben sie auch eigene politische Forderungen.

Vor allem fordern intersexuelle Menschen ein Verbot von Operationen an Säuglingen und Kindern 

Intersexuelle in Deutschland fordern vor allem ein Verbot von Operationen oder Hormonbehandlungen an Säuglingen oder Kleinkindern mit uneindeutigen Genitalien. Frühestens wenn eine Person im Jugendalter angekommen ist und die Tragweite der Eingriffe ermessen kann, soll sie sich dazu entschließen können.

Denn wenn die Medizin Intersexualität auch weiter als „Störung“ pathologisiert, haben Intersexuelle meist keine gesundheitlichen Probleme, die operativ behoben werden müssten. Meistens operieren die Ärzte bloß, um die Genitalien an die Norm anzupassen. Dabei wird in Kauf genommen, dass die Zeugungsfähigkeit der Operierten zerstört oder das Lustempfinden beeinträchtigt werden kann. Viele Intersexuelle fühlen sich später verstümmelt und von ihrer eigentlichen Geschlechteridentität entfremdet. Sie leiden ein Leben lang unter den psychischen und physischen Folgen, die finanziellen Kosten für Therapien müssen oft sie selbst tragen.

Schritt in die richtige Richtung: In Deutschland wurde das Personenstandsgesetz geändert

Immerhin gibt es in Deutschland Fortschritte. Seit im Jahr 2013 das Personenstandsgesetz geändert wurde, muss das Geschlecht intersexuelle Säuglinge nicht mehr in das Geburtenregister eingetragen werden. Also besteht jedenfalls kein rechtlicher Grund für Zwangsoperationen an Säuglingen mehr. Aber das neue Gesetz klärt längst nicht alles. So fragt etwa der Verband Intersexuelle Menschen e.V., ob diese Kinder sich dann später für eins der bisher gültigen Geschlechter entscheiden müssen und wann. 

Erst unlängst kritisierte die European Union Agency for Fundamental Rights, dass in vielen europäischen Ländern die Grundrechte von Intersexuellen verletzt werden. Viele EU-Staaten verlangen weiter, dass das Geschlecht „männlich“ oder „weiblich“ bei der Geburt angegeben wird und erzwingen damit Operationen. Als fortschrittlich gilt allein Malta, das als einziges EU-Land Eingriffe an Intersexuellen ohne deren Zustimmung für illegal erklärt.

Eltern fühlen sich unter Druck gesetzt

Für die Eltern intersexueller Kinder bleibt es in jedem Fall eine große Herausforderung, sich dem gesellschaftlichen Druck zur Anpassung an die Norm nicht zu beugen. Schließlich wollen sie ihr Kind vor der Ausgrenzung schützen. Hier kann nur kompetente Beratung helfen.

Ein optimistisches Zeichen setzt der argentische Film „XXY“ (2007, Regie: Lucia Puenzo). Er zeigt, wie der mit uneindeutigen Genitalien geborene, aber nicht operierte Teenager Alex seine/ihre Identität findet, indem er/sie sich so akzeptiert wie er/sie ist.  

Das gesamte Queer-Lexikon finden Sie hier. Wir ergänzen es in lockerer Folge. Das Queer-ABC erscheint auf dem Queerspiegel, dem Blog des Tagesspiegel über LGBTI-Themen. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: queer@tagesspiegel.de.

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