Die Kneipenbetreiber Bernd Röskens (links) und Horst Kurtzke servieren Grüne Wiese und Eierlikör mit Fanta zu Musik von Nino de Angelo. Foto: Mike Wolff
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Bar "To be free" in Berlin-Spandau Schwulenkneipe - noch klassisch mit Fummel

Dirk Ludigs
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In Spandau erweckt das "To be free" Erinnerungen an das West-Berlin der 80er Jahre. Der Schöneberger Kiez ist vielen Gästen zu anonym geworden.

Hinter dem Spandauer Bahnhof erheben sich, wuchtig und trutzig, die Spandau Arcaden. Im Windschatten des Einkaufskolosses liegt der Brunsbütteler Damm mit einer Reihe alter Bürgerhäuser. Beileibe keine teure Gegend, Spätkauf, Handyreparaturen, Kosmetiksalon. Junge Frauen tragen Kopftücher, Rentnerinnen eine leichte Tönung. Kein typischer Ort für eine Schwulenkneipe.

Doch das „To be free“, Spandaus einzige Bar für Schwule, versteckt sich nicht. Über dem Brauereischild prangt ein Regenbogen, Plastikstühle stehen draußen, rosa Tischdecken auf den runden Tischen. Die Neonreklame erinnert an die Schultheißkneipen, die heute selten sind.

Die Tür steht weit offen, ein Hit von Nino de Angelo dringt heraus. Lichter in Regenbogenfarben hängen überm Tresen, ein Straßenkandelaber steht daneben und spendet Rotlicht. An der Wand, Ikonen der schwulen Welt: Jimmy Dean und Marilyn Monroe. Am Tresen sitzen Eberhard, Louis, Peter und Seppi bei Kaffee, Bier und Zigaretten. Es ist 17 Uhr, die Kneipe hat vor einer Stunde aufgemacht.

Schöneberg, nein danke.

Ich bin hier so viermal die Woche, sagt Seppi, mit 31 Jahren der jüngste der Gäste. In Schöneberg, dem klassischen Schwulenkiez, war er schon ewig nicht mehr: „Das ist mir zuwider, da kannst du ja nirgendwo mehr hingehen. Ich habe keinen Bock auf Streit“, sagt er und meint die vermeintlich zunehmend nicht-deutsche Klientel im schwulen Traditionskiez. „Hier sind wir dagegen noch wie eine Familie.“

Der fast 70-jährige Bernd Röskens und sein zehn Jahre jüngerer Ex-Freund Horst Kurtzke sind die Väter dieser Familie. Sie betreiben das „To be free“ seit 13 Jahren. Die beiden angegrauten Herren sind von der selten gewordenen Sorte Berliner Schnauze à la Wolfgang Gruner, Harald Juhnke, Brigitte Mira. Vor der Schwulenkneipe führten sie das 1. Spandauer Keglerheim.

„Spandau ist ein sehr konservativer Bezirk“, sagt Bernd. „Die Eröffnung sprach sich schnell herum und dann kamen alle, um mal zu gucken. Wir haben zu Beginn sehr strikt sortiert, aufgepasst, dass keine Schwulenhasser reinkommen. Und wir haben geschaut, dass das Publikum gemischt bleibt. Heute fühlen sich darum auch Frauen alleine bei uns wohl.“ Ihren Entschluss, eine Schwulenkneipe in der Spandauer Diaspora zu eröffnen, haben die beiden bis heute nicht bereut. Zu Schöneberg teilen sie die Meinung ihrer Stammgäste: zu anonym, zu viele Drogen, zu viele Fremde.

Travestieshow vom Feinsten

Das Konzept habe sich am Brunsbütteler Damm bewährt, hier, wo es schwer geworden sei, noch eine Currywurst zu bekommen, „die Straße hoch und runter ist ja alles türkisch und arabisch“, sagt Bernd, dem das nicht so ganz passt. Die Tür wolle er aber offenhalten, betont er. „Es gibt Schwule und Lesben, die fahren lieber nach Schöneberg, da sind die Türen zu und keiner sieht sie.“

Am Wochenende brummt es im „To be free“ beim „Bingo-Abend für Jung und Alt“ und zu den Travestieshows kommen Leute aus dem Umland und „auch viele aus Berlin“, sagt Bernd.

In den ersten neun Jahren hat Horst sich oft selbst in Fummel geschmissen. „Ich habe sogar einige Leute betrunken gemacht, damit sie auf die Bühne steigen.“ Seine eigene Combo nannte sich „All-Angels“, die anderen heißen „Crazy Queens“ oder „Fab Sisters“. Klassische Travestie findet hier statt, nach dem Vorbild der legendären 80er-Travestiekünstler Mary und Gordy, mit Playback, anzüglichen Witzen einem vornehmlich heterosexuellen Publikum.

Promi-Friseur Udo Walz, so erzählen es die beiden Betreiber, habe sich bei den Shows auch schon blicken lassen. „Das ist ja wie Schöneberg vor zwanzig Jahren“, soll er gesagt haben und recht hätte er. Die Nostalgie zieht sich durch das musikalische Programm und die Getränkekarte. Zum Schlager servieren Bernd und Horst Eierlikör mit Fanta, Herva mit Mosel, Grüne Wiese und Horsts „hausgemachte Bombe“: Grüne Banane, heißer Kaffee, abgespritzt mit Schlagsahne.

Die Party geht weiter

Die Zapfanlage sieht aus wie ein großer Zeppelin, die hat Bernd aus der Insolvenzmasse eines Restaurants in Wittenau erworben. Die Schaufenster gestaltet er jahreszeitlich. Vor der Kneipenkarriere war er Einrichtungsberater in einem Möbelhaus, Horst war Kellner.

Mehr als zwölf Jahre blieben sie ein Paar, doch ausgerechnet in den Anfangstagen des „To be free“ trennten sich privat die Wege. Menschlich aber klappt es nach wie vor, das sieht man. „Wir nehmen uns einfach nicht mehr ernst“ sagt Horst und lacht.

Wenn das „To be free“ einmal nicht mehr wäre, den Stammgästen würde es fehlen: „Hier sind im Laufe der Jahre gute Freundschaften entstanden“, sagt Seppi. Doch Sorgen muss er sich vorerst nicht machen, sagt Bernd. „Den Laden machen wir weiter, bis wir in der Kiste rausgezogen werden.“

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