Der Aktivist Sean (Nahuel Pérez Biscayart) bei der Pride Parade. Foto: Salzgeber
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Aids-Film "120 BPM" Tanzen, kämpfen, sterben

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Robin Campillo zeichnet in seinem Spielfilm „120 BPM“ die Kämpfe der Pariser Aids-Aktivisten nach. Ein Meisterwerk.

Klatsch, klatsch, klatsch! Kunstblut spritzt auf Wände, Tische und Teppiche des schicken Pariser Büros. Nach einigen Minuten sieht es aus, als habe hier ein Massaker stattgefunden. Das ist die Absicht. Es geht um Leben und Tod.

Die jungen Leute, die die Zentrale des Pharmakonzerns Melton Pharm gestürmt haben, sind HIV-positiv. Anfang der Neunziger ist das noch ein fast sicheres Todesurteil. „Wir verrecken, verstehen Sie?“, brüllt Aktivist Sean (großartig: Nahuel Pérez Biscayart) den Firmenchef an. Seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter rufen „Mörder, Mörder!“ Ihrer Meinung nach verzögert der Konzern aus Marketinggründen die Entwicklung eines neuen Medikaments. Also setzen sie ihn unter Druck.

Spektakuläre Aktionen wie diese waren seit den späten achtziger Jahren typisch für die in den USA gegründete Aids-Aktivistengruppe Act Up, die auch einen Ableger in Paris hatte. Regisseur und Drehbuchautor Robin Campillo trat der Pariser Gruppe 1992 bei, jetzt siedelt er seinen dritten Spielfilm „120 BPM“ in diesem Umfeld an, wobei seine Geschichte trotz der Inspiration durch reale Ereignisse und Personen fiktiv ist.

Emotionale Intensität

An Wahrhaftigkeit und emotionaler Intensität dürfte er allerdings schwer zu übertreffen sein. „120 BPM“ gehört zweifellos zu den besten Spielfilme über die Aids-Epidemie. Selbst die thematisch ähnlich gelagerte, im Frühjahr veröffentlichte US-Miniserie „When We Rise“ von Dustin Lance Black reicht nicht annähernd an Campillos Film heran, der beim diesjährigen Festival von Cannes den Großen Preis der Jury gewann.

In 140 Minuten führt er tief in das Herz der Pariser Gruppe, erzählt zugleich eine Aktivismus- und eine Liebesgeschichte, die eine ungemeine Wucht entfaltet. Großen Anteil daran haben das ruhige Erzähltempo, das hervorragende Darstellerensemble sowie die subtilen Verschiebungen von Ton und Perspektiven.

Robin Campillo nimmt sich viel Zeit, die Dynamik innerhalb der Gruppe zu beobachten, ihre wöchentlichen Zusammenkünfte, bei denen leidenschaftlich diskutiert und Aktionen kritisiert, Pressereaktionen zitiert und nächste Schritte besprochen werden. Die hitzigen Debatten sind mitreißend gefilmt und nach einer Weile hat man das Gefühl, selbst mit auf den Holzbänken zu sitzen. Die Regeln bei den Versammlungen sind streng: Alle sind angehalten, sich kurz fassen, Zustimmung wird fingerschnipsend geäußert, Ablehnung zischend. Die Schärfe, mit der sich Sean, Thibault (Antoine Reinartz), Sophie (Adèle Haenel) und die anderen Gruppenmitglieder mitunter angehen, ist auch das Resultat ihrer existenziellen Bedrohung durch das Virus, dessen Gefährlichkeit in ihren Augen von der französischen Politik ignoriert wird.

Die Jugendlichen haben keine Ahnung von HIV

Es gibt kein wirkungsvolles Präventionskonzept, keine gezielte Ansprache von nicht-homosexuellen Risikogruppen wie Junkies, Prostituierten, Inhaftierten und Ausländern. Die mehrheitlich schwulen und lesbischen Act-Up-Mitglieder setzen sich für diese Gruppen ein. Sie gehen auch an Schulen, um Kondome und Aufklärungsbroschüren zu verteilen. Beides ist bitter nötig, denn die Teenager haben keine Ahnung. „Ich bin keine Lesbe“, sagt ein Mädchen auf dem Schulhof und glaubt, deshalb geschützt zu sein.

Nach dem Protest geht es in die Disco

Dass den Aktivistinnen und Aktivisten nicht die Lebensfreude abhanden kommt, zeigt Robin Campillo mit wunderbar in den dramaturgischen Flow integrierten Clubszenen. Die House-Musik, die hier läuft, pulsiert mit den titelgebenden 120 Beats pro Minute. Einmal wird am Ende einer solchen ausgelassenen Sequenz der im Club herumwirbelnde Staub in eine umherschwebende Zelle überblendet – ob sie krank oder gesund ist, lässt sich nicht sagen. doch die ständige Präsenz des HIV-Schreckens kommt deutlich zum Ausdruck. Die Act-Up-Mitglieder sind sich ihrer Blutwerte stets bewusst, sie werfen die Zahl ihrer T-Helferzellen in Argumentationen ein, sind Medizinexperten in eigener Sache. Auf fremde Hilfe können sie nicht zählen.

Eine zehnminütige Sexszene

Zusehens schlechter steht es um Sean, der anfangs zu den radikalsten und vitalsten der Gruppe gehört. Der 26-Jährige trägt stolz sein T-Shirt mit der Aufschrift „Silence = Mort“, initiiert eine Tanzgruppe für den Pride March und verliebt sich in den HIV-negativen Neuling Nathan (Arnaud Valois). Die etwa zehnminütige Szene, in der die beiden zum ersten Mal miteinander schlafen, gehört zu den herausragendsten des Films. Sie ist nicht nur realistisch und ästhetisch inszeniert, sondern integriert auch auf elegante Weise Rückblicke in die sexuelle und familiäre Vergangenheit der beiden sehr unterschiedlichen Männer. So erzeugt Campillo ein Gefühl von Nähe – zwischen den Figuren und zum Publikum.

"Smalltown Boy" von Bronski Beat

Und so ist es in der Folge ungemein schwer erträglich zu sehen, wie Seans schmaler Körper immer schwächer wird, gezeichnet ist von Kathedern, dem Kaposi-Sarkom, wunden Stellen. Aus der Gemeinschaft der Gruppe wird er zurückgeworfen in die Einsamkeit seines Bettes. Nur Nathan kümmert sich mit großer Hingabe um ihn. Seine visuelle Körperlichkeit ist eine der größten Stärken von „120 BPM“, der pünktlich zum Welt-Aids-Tag in Erinnerung ruft, dass die inzwischen gute medizinische Versorgung selbst in der westlichen Welt hart erkämpft werden musste. Wer heute bedenkenlos zu Bareback-Partys geht, sollte sich überlegen, ob er dem Andenken dieser Aktivisten gerecht wird.

An einem Welt-Aids-Tag, dem 1. Dezember, legen sich im Film zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten zu einem Die-in auf einen öffentlichen Platz, einige haben Kreuze mitgebracht. Kurz bevor alle wieder aufstehen, erklingt die Melodie von Bronski Beats Schwulen-Hymne „Smalltown Boy“ , was eine Tanzszene einleitet, die in eine Halbtotale von Seans Bett übergeht, während die letzten Töne des Songs zu hören sind. Eine perfekte Montage, die den schönen Fluss des Films auf den Punkt bringt. Der Schmerz und die Schönheit – untrennbar verbunden.

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