Walter Krafft (1929-2017) Foto: privat
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Nachruf auf Walter Krafft (Geb. 1929) Warum allein sein?

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Er war Lehrer in Deutschland, Äthiopien und Ägypten - und überall mit Großfamilie unterwegs. Wer braucht ein Autoradio, wenn er sechs Töchter hat? Der Nachruf auf einen Gesellschaftsmenschen.

Komm lieber Mai, singen sie, aus der Mundorgel trällern sie, wer braucht ein Autoradio, wenn er sechs Töchter hat! Irgendwann hält Walter Krafft den VW-Bus an, auf der langen Fahrt zwischen Kairo und Deutschland. Eine nach der anderen steigt aus dem Wagen, um sich zu strecken, die anderen Parkenden glauben, hier pausiere ein Zirkus.

Doch es ist nur Familie Krafft auf Bildungsreise, die eine Hälfte schläft im Auto, die andere im Hotel. Hauptsache es gibt einen Schreibtisch auf dem Zimmer, dann holt Walter Krafft eine Kerze heraus, zündet sie an, löscht das Deckenlicht, „Schon besser!“, und schreibt Tagebuch.

Soll man kondolieren oder gratulieren, will ein Kollege einmal von Lehrer Krafft wissen, dem nur Töchter geboren werden. Wie er mit solchen Werten einfach über den Basar schlendern könne, fragt ihn ein Istanbuler Verkäufer. Wenn die Familie ein Restaurant betritt, schauen alle. Walter Kraffts Mädchen kochen, nähen und wechseln Glühbirnen aus, sie tragen Kohlebriketts aus dem Keller, die jüngste eines, der Vater 20 auf jeder Seite.

Und sie sind überall zu Hause, wo sie beisammen sind. Besuchen die Deutsche Schule im äthiopischen Addis Abeba, an der Vater Krafft von 1967 bis 1972 Kunst und Deutsch unterrichtet, dann die Deutsche Evangelische Oberschule in Kairo, wo er von 1975 bis 1980 lehrt.

Walter Krafft hat sich nicht nur ein eigenes Radioprogramm erschaffen. Wenn in Kairo die Kirchenmusik ausfällt, weil die Orgel kaputt ist, rückt er mit seinen Mädchen an. Jede beherrscht drei Instrumente; eine Flötengruppe sind sie, von Piccolo bis Bass. Vater Krafft spielt quer und leitet alle an. Brechen dem Flügel beim Umzug die Beine, wird er auf Bücher gestellt, davon gibt es genug, dann üben alle im Schneidersitz.

Je mehr, desto besser. Während die Mädchen lärmen, korrigiert der Vater mittendrin Klassenarbeiten. Warum allein sein? Im Zug, auf dem Hinweg von Berlin ins Museum nach Frankfurt, bespricht er mit einer Fremden die wunderbare Saale-Landschaft, auf dem Rückweg gewinnt er einen neuen Freund.

So hat er auch seine Frau gefunden, damals 1961, im Lehrerzimmer. Sie stand allein, war fremd im Kollegium, hatte schöne Hände. So jemanden muss man ansprechen!

"Addis Abeba", ein Gemälde von Walter Krafft Foto: privat
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Familie Krafft campiert auf äthiopischem Bauernland, schließt Verträge, Geld gegen Schutz, Geld gegen Hühnchen. Kauft Einheimischen Alltagsgegenstände ab. Speere und Tongefäße, 1984 füllen Kraffts Artefakte eine Ausstellung im Berliner Völkerkundemuseum. Sie fahren durch die Wildnis, kein Arzt nirgendwo, sie parken vor ägyptischen Tempelruinen, durchqueren die Weiße Wüste, kein ADAC. Das Leben ist viel schöner, wenn man vertraut. Die Töchter schwärmen aus, Taschenmesser, Wasser und Orangen im Gepäck, erkunden die Wüste. Sie sehen ja das Auto, sie werden schon zurückfinden.

Er sammelt Steine, Erinnerungen

Walter Krafft sammelt derweil Steine. Gesammelt hat er schon als kleiner Junge. Geboren 1929 in Breslau, groß geworden in Oppeln und auf der Flucht westwärts, liebte er Kunstpostkarten. Bereits als Bub führte er Besucher durchs Heimatmuseum, bevor er im April 1945, keine 16 Jahre alt noch eingezogen wurde. Nach dem Abitur machte er eine Glaserlehre in Gifhorn, seine bunten Bilderfenster zieren Kirchen und Gasthäuser bis heute. 1951 zog er zum Studium nach Berlin: östlichste Stadt im Westen. Heimat, so viel geht.

Krafft sammelt auch Erinnerungen. Mehrere Zehntausend Dias, statt fernzusehen erzählen die Kraffts. Freunde und Freundinnen der Mädchen kommen dazu. Studenten aus Äthiopien und anderswo ziehen ein. Neulich erst ein syrischer Geflüchteter. Solange er mit in die Oper geht! Ich habe noch Theaterkarten, ein typischer Anruf von Walter Krafft, besonders nachdem seine Frau zu früh verstirbt. Dass „Warten auf Godot“ auf Französisch ist, hat Krafft wohl vergessen zu erwähnen. Er kennt die Stücke sowieso alle auswendig.

Walter Krafft sammelt auch Mitgliedschaften. In Fördervereinen von Museen, beispielsweise dem „Orbis Aethiopicus“, da geht es ihm um die Erhaltung der äthiopischen Kultur, oder in der Goethegesellschaft. Vor dem Essen wird gebetet, dann fragt Krafft: „Was sagt unser alter Heide heute?“ und liest die passende Stelle aus „Mit Goethe durchs Jahr“ vor.

Es ist doch alles teilenswert, mitteilenswert. Wenn Walter Krafft im Deutschunterricht eine Aufgabe stellt, geht er gern ungewöhnlich vor. Manchmal sollen die Schüler zunächst rausgehen, auf dem Hof diskutieren. Miteinander? Miteinander! Dann erst schreiben sie die Klausur. Einige seiner Schützlinge rufen ihn ein Leben lang regelmäßig an. Wenn Krafft mit der Theatergruppe den Sommernachtstraum aufführt, näht seine Frau die Vorhänge. Auch Laientheater soll gut sein. Lange bastelt er an der Kasperlbühne für die Wohnzimmertür. Hier erfindet er Welten für die Enkel. Später die Enkel für ihn.

So lebenssatt wie Abraham

In letzter Zeit sagt er manchmal, er sei so lebenssatt wie Abraham. Nur drei große Bilder will er, der sein Leben lang gemalt hat, nach seinem Schlaganfall im vergangenen Jahr noch fertigstellen. Die Motive liefern ihm seine Erinnerungen, aufgefrischt durch Urlaubsberichte seiner Töchter am Telefon. Zwei schafft er.

Am Abend bevor er stirbt, besucht er die Ausstellung. „Vermisst: Der Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc, im Haus am Waldsee. Mit ein paar Töchtern, einigen Enkeln. Ins Gästebuch schreibt er: Walter Krafft mit Großfamilie.

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