Lieber bunt. Eintönig ist im Friedrichstadt-Palast nicht erwünscht – die Revue „The One – Grand Show“ zeigt es. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Nach der Bundestagswahl Friedrichstadt-Palast-Chef will keine AfD-Wähler im Haus

Sophie Krause
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Intendant Berndt Schmidt kritisiert in einer Mail die AfD und ihre Wähler. Die AfD rät daraufhin, den Ort zu meiden.

Darf sich ein Revuetheater seine Gäste aussuchen? Diese Frage wirft eine aktuelle Debatte am Friedrichstadt-Palast auf. Intendant Berndt Schmidt schickte bereits am 27. September eine Mail an seine Mitarbeiter, in der er seinen Frust über das Bundestagswahlergebnis der AfD äußerte. In Sachsen holte die AfD bis zu 27 Prozent. „Rechtspopulismus ist nicht nur ein Problem im Osten, aber bei uns im Osten ist das Problem am größten“, heißt es in dem Schreiben, das mittlerweile auf der Facebook-Seite des Friedrichstadt-Palastes steht. Gerade bei Besuchern aus den ostdeutschen Bundesländern ist die Institution in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße beliebt.

In seinem Theater, schreibt Schmidt, würden auch „äußerlich nicht deutsch aussehende Kolleginnen und Kollegen“ arbeiten und es kämen „nicht deutsch aussehende Gäste“, die möglicherweise vom Rechtsruck in der Gesellschaft betroffen seien. Schmidt sagte, man wolle sich „künftig noch deutlicher als bisher von 20 oder 25 Prozent unserer potenziellen Kunden im Osten abgrenzen und von Hohlköpfen mit Migrationshintergrund selbstverständlich auch“. Er wolle deren Geld nicht. Und weiter schreibt er in seiner Mail: „Der Palast repräsentiert den anständigen Osten, egal ob in Beirut, Bautzen oder, wie ich, in Bruchsal geboren.“ Natürlich, so schreibt der Intendant, seien nicht alle AfD-Politiker und ihre Wähler zwangsläufig Nazis. „Aber wer AfD wählte, wusste, dass er auch Nazis in den Bundestag wählt. Wer das aus Angst oder Sorge oder Protest in Kauf nimmt, ist ein Brandstifter und Mittäter.“

AfD rät Friedrichstadt-Palast zu meiden

Und was sagt die AfD dazu? Der Landesverband empfiehlt seinen Wählern laut „Berliner Morgenpost“, den Friedrichstadt-Palast künftig zu meiden. Für den Tagesspiegel war bei der Berliner AfD bis Redaktionsschluss am Donnerstagnachmittag niemand telefonisch erreichbar.

Anruf im Friedrichstadtpalast: Kommen jetzt Gesinnungskontrollen am Einlass? „Nein“, sagt Intendant Schmidt. „Aber die Leute, die die AfD gewählt haben, sollen wissen, dass sie mit dem Feuer gespielt haben.“ Und er rudert auch zurück: Nicht alle Anliegen der AfD seien undemokratisch oder unberechtigt. Aber die Partei habe rassistische Äußerungen und nationalsozialistisches Vokabular wieder salonfähig gemacht. Damit sei er nicht einverstanden.

Nun häufen sich die Hassmails

Als pädagogische Maßnahme an den AfD-Wählern will Berndt Schmidt seine Aussagen nicht verstanden wissen, auch wolle er nicht den ganzen Osten verurteilen, obwohl das manche Kritiker so sehen mögen: „Das ist mein moralischer Kompass. Ich fühle mich verantwortlich für unsere Mitarbeiter, auch für die, die nicht deutsch aussehen. Sie sollen wissen, dass ich mich vor sie stelle.“ Dass er mit seinem Brief die AfD und ihre Wähler gegen sich aufbringt, weiß Schmidt. „Ich glaube, dass meine Mail dem Zusammenhalt der AfD dient.“ Dies gelte gerade für Wähler, die sich ohnehin schon in einer Opferrolle innerhalb der Gesellschaft sehen.

Nun häufen sich in Schmidts Postfach die Hassmails. Auf Facebook erhielt das Theater zuletzt viele schlechte Bewertungen. Ein User verglich Schmidts AfD-Schelte sogar mit der Judenverfolgung unter dem Regime der Nationalsozialisten. Was Berndt Schmidt mit seiner eigentlich internen Mail aber gelungen sein dürfte: den Friedrichstadt-Palast jenseits von Revuen und Musicals in aktuelle politische Debatten einzubringen.

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