Technik mit Tradition. Das erste Patent auf dem Weg zum modernen Dieselmotor meldete Rudolf Diesel 1893 in Berlin an. Hier hat er damals auch gewohnt. Foto: Marijan Murat/dpap

Nach dem Diesel-GipfelZu Besuch in der Dieselstraße

Von Felix Keßler4 Kommentare

Keine andere Straße in Berlin trägt einen so aktuellen Namen wie die Sackgasse in Ost-Neukölln. Ortstermin bei einem Autohändler.

Unscheinbar liegt die Dieselstraße im Hinterhof Neuköllns, eine Sackgasse, eingeklemmt zwischen einer Hochhaussiedlung und einer Kleingartenkolonie. Sie beginnt am Neuköllner Schifffahrtskanal und hört momentan schon auf, bevor sie der Bezeichnung Straße überhaupt gerecht werden kann. Nach Osten hin war sie seit jeher eine Sackgasse, nun aber ist sie es auch Richtung Westen: Die Baustelle der A100 unterbricht sie jäh, Weiterfahrt nicht möglich.

Starker Name. Seit 1926 heißt die Dieselstraße nach dem Erfinder. Foto: Felix Keßlerp

Eine Gedenktafel in Charlottenburg erinnert an Rudolf Diesel

Dort rollen nun Bagger und Lastwagen und verbrauchen jenen Kraftstoff, der der deutschen Autoindustrie momentan so schwer zu schaffen macht. Paradox: Die Baumaschinen schaffen mit dem Autobahnausbau neuen Platz für die alte Technik. Sie geht zurück auf den deutschen Ingenieur Rudolf Diesel, den Erfinder des Selbstzünders und Namenspatron der Dieselstraße. Ende des 19. Jahrhunderts tüftelte er an einer „rationellen Wärmekraftmaschine“, sein erstes Patent dazu meldete er 1893 in Berlin an. Bereits um die Jahrhundertwende waren die neuen Maschinen serienreif. In der Charlottenburger Kantstraße 153 erinnert eine Gedenktafel an Rudolf Diesel, der dort zwischen 1893 und 1894 lebte.

In bestimmten Branchen hat sich der Motor mit dem recht schwer entflammbaren Treibstoff schon früh durchgesetzt, etwa bei Taxis. Und auf die hat man sich in der Kfz-Werkstatt „Elegant“ in der Dieselstraße spezialisiert. Für den Werkstattleiter, der auch selbst ein Taxiunternehmen betreibt, ist der Diesel unverzichtbar. „Für Taxis kommt im Prinzip nur Diesel oder Erdgas infrage“, sagt er. Zu hoch seien Kosten und Verbrauch bei Benzin und bei Elektroautos sei die Reichweite nicht hoch genug. „Mit einer Tankfüllung Diesel kann ich deutlich länger fahren und zahle auch noch weniger.“

Der Erfinder Rudolf Diesel (1858 - 1913). W Foto: picture alliance / dpap

Überschrittene Feinstaubwerte und Stickoxidbelastung spielen für den Unternehmer zunächst keine Rolle. Für eine ältere Dame aus der gegenüberliegenden Gartenkolonie „Zur Rose“ überraschenderweise auch nicht. Ihr ist wichtiger, dass die Dieselstraße nach Ende der Baustelle generell nicht mehr so stark befahren wird. Ein weiterer Koloniebewohner poltert dagegen: „Diesel ist dreckig, schmierig und stinkt. Seitdem ich einen Führerschein habe, bin ich nie einen Diesel gefahren“, erklärt er und fährt folgerichtig mit dem Rad zu seinem Garten.

Überhaupt ist an diesem für die Zukunft des Dieselmotors so wichtigen Mittwochmorgen nicht viel los in der Dieselstraße. Am Straßenrand wuchert das Unkraut, in einem Restaurant am Anfang der Straße regt sich noch nichts. Aus der Tiefgarage der dortigen Wohnanlage kommen hin und wieder kleinere Wagen – meist Benziner. Der Postbote radelt auf einem E-Bike heran, der Dieselskandal interessiert ihn wenig. „Die Vorstände der Autokonzerne sollten große Teile ihres Gehaltes für wohltätige Zwecke spenden“, fordert er.

Die Benennung der Straße nach Rudolf Diesel liegt bereits 91 Jahre zurück. Das war 1926, 13 Jahre nachdem Rudolf Diesel mit nur 55 Jahren unter mysteriösen Umständen während einer Schiffsreise auf der Nordsee verschwand. Den Welterfolg und die heute flächendeckende Verbreitung seiner Erfindung zu Wasser und zu Land erlebte er selbst nicht mehr. Die Ufa glorifizierte den Ingenieur 1942 als deutschen Helden in dem propagandistischen Film „Diesel“, der teilweise in Berlin und Babelsberg gedreht wurde, mit Willy Birgel in der Titelrolle. Das Drehbuch schrieb Sohn Eugen Diesel.

Die nach Diesel benannte Straße wie auch der Motor haben bessere Tage gesehen, doch ein ruhmloses Ende, wie es dem Antrieb nun droht, hat die Straße kaum zu befürchten. Und auch der „Diesel“-Store am Kurfürstendamm bleibt gewiss an seinem Platz. Der italienische Modeunternehmer Renzo Rosso hatte das Label 1979 nach dem Kraftstoff benannt, angeblich weil er in allen Sprachen gleich ausgesprochen wird und Diesel als der „ultimative Treibstoff“ der modernen Welt galt. Eine überholte Sicht.