Blasmusik. Manche Kinder wissen einfach, welches Instrument sie lernen möchten, andere müssen erst herangeführt werden. Ein Instrumentenkarussell ist da eine gute Lösung. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Musikunterricht Mein Freund, die Tuba

Hans Ackermann
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Klavier, Horn oder Flöte? Wer ein Instrument lernen will, muss wissen, welches passt. Und so finden Kinder den Einstieg.

Annacarmen ist acht Jahre alt und spielt schon seit drei Jahren Klavier. Bei einer Freundin hat sie das Instrument zum ersten Mal gehört und dort hätten sich ihre Finger gleich „ans Klavier gefesselt“, sagt sie. Ein Traum für alle Eltern und Instrumentallehrer: ein Kind, das sich in sein Instrument verliebt hat und ohne Murren täglich übt – zur Zeit gerade ein kleines Klavierstück von Anton Diabelli. Wie viel sie jeden Tag übt ? „15 Minuten“, sagt Annacarmen und fügt hinzu „oder so“ – was darauf hindeutet, dass ihr die Zeit beim Musizieren nicht lang wird.

Annacarmen ist eine von rund 400 Schülerinnen und Schülern, die in Charlottenburg die private Musikschule „Musikplus“ besuchen. 40 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten hier Klavier und Gitarre, Saxofon, Geige und Schlagzeug – insgesamt etwa 20 Instrumente. Doch wie finden Kinder zum richtigen Instrument, wenn es noch keine „fesselnde“ Begegnung wie bei Annacarmen gegeben hat? Eine gute Möglichkeit bietet das „Instrumentenkarussell“ für Kinder von vier bis acht Jahren, sagt die Inhaberin der Musikschule, Nadja Freundlieb. In einer zehn Stunden umfassende Orientierungsphase könnten die Kindern verschiedene Kombinationen aus zwei Instrumenten – Klavier und Gitarre oder Schlagzeug und Geige – in jeweils fünf Unterrichtsstunden „ganz in Ruhe“ ausprobieren. Nach rund zwei Monaten lasse sich dann viel leichter eine Entscheidung treffen, erzählt die diplomierte Gesangs- und Klavierlehrerin. Ob das Kind in dieser Zeit eine Beziehung zum Instrument aufgebaut hätte, merkten die Eltern, „wenn es wiederkommen will, wenn es zu Hause übt, wenn es die Stücke aus dem Unterricht nachsingt“.

Vorbei sind die Zeiten der schwarzen Pädagogik

Begeisterung, Leidenschaft, Freude und Spaß – für den modernen Musikunterricht sind diese Begriffe unverzichtbar. Vorbei sind die Zeiten der schwarzen Pädagogik des Instrumentalunterrichts, in denen Klavierschülern Bleistifte auf die Hände gelegt wurden, die beim Spielen nicht herunterfallen durften.

Langweilige Fingerübungen am Klavier hat Juri de Marco als sechs Jahre altes Kind aber durchaus noch erlebt, obwohl seine Lehrerin damals „menschlich okay“ gewesen sei, sagt der Hornist. Er selbst habe „auf dem Instrument singen“ wollen – was mit dem Klavier nun mal schwer möglich ist. Dann, bei einem Konzert mit Carl Orffs „Carmina Burana“, habe er im Kinderchor neben den Hörnern gestanden und sich an diesem Tag sofort in das Blechblasinstrument verliebt. „Das Horn war der Hammer“, erinnert sich der Absolvent der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Er habe damals einfach einen der Hornisten um eine Probestunde gebeten und so mit neun Jahren zu seinem heutigen Instrument gefunden. Eine „Befreiung“ nennt de Marco den damaligen Neubeginn auf dem Horn. „Unheimlich wichtig“ sei in der Folge dann aber auch ein guter Lehrer gewesen, dessen Aufgabe ganz grundsätzlich darin bestehe, handwerkliche Grundlagen zu vermitteln, damit beim Schüler „die Intuition frei fließen kann“, sagt der Hornist. Ein solcher Unterricht, der auch improvisatorische Fähigkeiten fördert, sei in der Jazz-Ausbildung selbstverständlich, im Klassik-Unterricht aber immer noch eher die Ausnahme.

Es gibt auch online Unterrichtsportale

Erfolgreiche Unterrichtsportale wie „Justinguitar.com“ haben im Internet 700 000 Abonnenten. Müssen Kinder in Zeiten von Online-Unterrichtsvideos überhaupt noch zum Unterricht in die Musikschule oder zu einem privaten Lehrer gehen? Juri de Marco findet, dass die Onlineportale zwar geeignet sind, „Hemmschwellen zu reduzieren“, insgesamt aber fehle dabei der Austausch mit einem „echten“ Lehrer. Schnell könne man sich auf der Gitarre oder am Klavier eine falsche Handhaltung angewöhnen, als Bläser gar eine „falsche Atmung“. Und das „Allerwichtigste“ gäbe es im Internet schon gar nicht, wohl aber in jeder guten Musikschule: die Möglichkeit, „nicht nur im stillen Kämmerlein zu spielen, sondern im Austausch mit anderen Musikern“. De Marco, der heute das deutschlandweit bekannte „Stegreiforchester“ leitet, weiß um die Bedeutung des gemeinsamen Musizierens, war er doch viele Jahre Mitglied im Landesjugendorchester Baden-Württemberg. Noch heute profitiert er von den damaligen Erfahrungen. Allerdings sei das hohe Niveau eines solchen Ensembles, in dem die besten Schüler aus den städtischen Musikschulen zusammenkommen, „mit Spaß allein nicht zu bewältigen“. Ideal sei es, wenn „der Fleiß anfängt, Spaß zu machen“.

Singen, klatschen, tanzen

Mit einem durchschnittlichen Alter von neun bis zwölf Jahren sind die Schüler bei „Musikplus“ von einem professionellen Musikeralltag noch weit entfernt. Obwohl sich auch dort gerade zwei Schülerinnen auf die Teilnahme am „Jugend musiziert“-Wettbewerb vorbereiten. Einen derart zielorientierten Unterricht würde sie sich für ihre Kinder aber gar nicht wünschen, sagt Mischa Woeste, die gleich drei Kinder in der privaten Musikschule angemeldet hat. Ihr gefalle das „freie Konzept“, außerdem wohnten sie hier gleich um die Ecke. „Die Kinder kommen gern her“, sagt Woeste, die gerade Tigges, den jüngsten Sohn, aus der musikalischen Früherziehung abholt. Dort singen, klatschen, tanzen die drei bis vier Jahre alten Kinder und sammeln erste Erfahrungen mit Perkussionsinstrumenten – vielleicht der wichtigste Einstieg in einen erfolgreichen Instrumentalunterricht.

Annacarmen hat unterdessen mit ihrem Klavierlehrer weiter am „Scherzo“ von Diabelli geprobt. Ihre Mutter zückt das Smartphone und zeigt einen Mitschnitt aus der Unterrichtsstunde: Schülerin und Lehrer vierhändig am Klavier, ein Film, den man schnell per Whatsapp dem Papa schicken kann – wer hätte gedacht, dass das Internet auch im ganz herkömmlichen Musikunterricht schon eine durchaus wichtige Rolle spielt.

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