Haus mit Historie. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Marketing in Mitte Zwanzig Bars, vierzig Drinks

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„House of Thomas Henry“ im Kaufhaus Jandorf spiegelt Berlins Bar-Szene.

Barkultur – das war noch vor wenigen Jahrzehnten eine Angelegenheit schweigsamer Spezialisten im Anzug, die die sachgemäße Zubereitung eines Dry Martini durch den livrierten Keeper überwachten wie ein Erdbebenforscher seine Seismographen. Und heute? Bärtige Aromen-Equilibristen, vorzugsweise tätowiert bis zu den Ohren, mixen zu lauter Musik kreative Drinks, in denen praktisch alles erlaubt ist, Gemüse und Kräuter eingeschlossen.

Diese bunte, laute Szene hat sich am Donnerstag und Freitag im Kaufhaus Jandorf in Mitte einquartiert, das noch ein weiteres Trendelement beisteuert: der abgeschabte Charme gebrauchter Berliner Backsteinwände hat längst die glatte Eleganz der klassischen Bar verdrängt. Dennoch will „The House of Thomas Henry“ an die Geschichte anknüpfen, nämlich an die goldenen Zwanziger, die Europa einen Bar-Boom beschert haben sollen.

Thomas Henrys große Marketing-Aktion

Das Ganze ist nicht irgendwie vom Himmel gefallen, sondern eine Idee des Berliner Getränkeherstellers „Thomas Henry“, der die Gastronomie mit den klassischen Bar-Sodas in allerhand Varianten versorgt, Tonic, Bitter Lemon, Ginger Ale. Diese Sodas bleiben offenbar auch in den Trendgewittern die Basis eines Mixgetränks, schon weil sie verhindern, dass das Ergebnis im Glas allzu alkoholisch ausfüllt.

Als „Brand Ambassador“ – also Markenbotschafter, gesprochen wird Englisch – fungiert der Berliner Barkeeper, Dozent und Autor Phum Sila-Trakoon, der am Donnerstag zur Eröffnung eine enthusiastische Begrüßungsrede hielt. 20 Bars aus deutschen und mehreren europäischen Städten wie Wien, Amsterdam, Paris und Athen sind an den Ständen im Kaufhaus vertreten – „20 Bars, 40 Drinks“ lautet das Konzept, das in enormer Vielfalt umgesetzt wird. Eine Fachjury wählt daraus die besten Drinks aus.

Workshops gibt es auch

Dazu gibt es ein Rahmenprogramm mit Workshops: Den Anfang machte gestern Tatjana Friedrichs von Lillet, die hinter dezenten Trennwänden informativ Auskunft gab über die Zusammensetzung von Kräuter-Aperitifs, die häufig auch als Würze von Mixgetränken dienen. Am heutigen Freitag geht es von 16.30 bis 21 Uhr um Grundsätzliches, nämlich die Feinheiten der Barkultur, um die Einrichtung der eigenen Hausbar, um Gin, Rum und Tequila. Die Leute von „Chicago Williams BBQ“ haben zudem als Schutz vor vorzeitigem Absturz ein kleines Restaurant improvisiert, wo es Sandwiches, vegetarisches Kedgeree und Schoko-Karamell-Pie gibt.

"Supergeil" kommt vorbei

Was am frühen Nachmittag noch von kurzen Hosen, Rucksäcken und Sneakers verdrängt wurde, soll an den beiden Abenden nach vorn rücken: der Stil der Besucher. Der „Rowdy Barber Shop“ ist zu Diensten, die Stylistin Elli Fatale hilft mit Accessoires. Und am Freitag wird ab 18 Uhr ein Gast erwartet, der in dieser Hinsicht als eine Art Schutzpatron des Stils fungiert: Friedrich Liechtenstein, der aus den heiteren Niederungen der Edeka-Werbung („Supergeil“) zum Rollenmodell des coolen Senior-Hipsters aufgestiegen ist.

Am Freitag ist dann auch mit zunehmender Lautstärke zu rechnen, wenn DJ Senay die Regie übernimmt – eine After-Show-Party an anderem Ort ist aber ebenfalls schon terminiert. Und auch an barferne Menschen ist gedacht: Einen Teil der Einnahmen haben die Organisatoren für „Gastronomie gegen Rassismus“ reserviert.


Kaufhaus Jandorf, Brunnenstr. 19-21, Mitte, am heutigen Freitag noch von 16 bis 0.30 Uhr, Eintritt inkl. drei Drinks 15 Euro.

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