Rolf Beier ist gerade 60 geworden. Er sagt: "Ich habe mein Leben verschenkt." Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Leben nach der Haft in Berlin Die letzte Chance eines Serientäters

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So war es immer: Kaum entlassen, schlug er wieder zu. Totschlag, Vergewaltigung. 34 Jahre Knast. Nun ist Rolf Beier draußen. Kann das gut gehen?

Die Welt und Rolf Beier sind sich im Laufe vieler Jahre fremd geworden. „Im Knast“, sagt der ältere Herr, „war ick ein Macher.“ Da hatte er Arbeit, Kumpels, einen Tagesplan. Seitdem er draußen ist, da hat er nix. Kein Geld, keinen Job, keine Familie. Nur Zeit. Und da draußen eine Stadt, die ihm nicht geheuer ist. Was heißt schon draußen?

„Dit hellblaue Haus zwischen den Bäumen, dit is meens“, hat Beier vorm ersten Treffen am Telefon gesagt. Nun, an einem Sommertag im August, sitzt er auf seiner Wohnzimmercouch und spricht über seine guten Seiten. Der Mann trägt blaue Shorts, T-Shirt, seine nackten Füße stecken in Adiletten. Es ist schon am Morgen heiß, im Garten springt ein Rasenmäher an. Dieser Lärm, er zeigt entschuldigend auf das Hörgerät an seinem linken Ohr, steht auf, um das Fenster zu schließen. In die Stille hinein sagt Rolf Beier: „Meine Hilfsbereitschaft, die Ordnung. Und meine Pünktlichkeit.“

Der Mann, der da gerade laut über sich selbst nachdenkt, ist ein Totschläger. Vergewaltiger. Ein Erpresser und Dieb. Ein kleiner Stoffhund, schwarze Schnauze, weiches Fell, schaut auf der Sofalehne über seine Schulter.

34 Jahre seines Lebens hat Rolf Beier gesessen, ein geborener Spandauer, der eigentlich anders heißt, wie hier auch alle anderen Straftäter und deren Opfer.

Gerade ist Rolf Beier 60 geworden. Seit Mai 2016 ist er ein freier Mann. Und das obwohl das Gericht bei ihm Sicherungsverwahrung (SV), also die Haft nach der Haft, angeordnet hatte. Doch nach zehn Jahren SV bescheinigten Gutachter ihm eine positive Entwicklung, und Beier durfte gehen.

Dreimal hat die Berliner Justiz mit ihren Prognosen bereits falsch gelegen bei Beier, den die geringsten Anlässe in rasende Wut versetzen konnten, der kein Erbarmen mit seinen Opfern und keine Angst vor Strafen kannte.

Um den Hals trägt er eine Silberkette, auf den Armen Tattoos, Knastarbeit, alles Pfusch, sagt er. Im Tintenfell des Tigers schimmern hell die Stiche der Nadel, der Puma sieht aus wie eine überfressene Kaulquappe, die ihm den Unterarm herunterrutscht. Es sollte vor allem das Kreuz darunter verbergen, sein allererstes Tattoo, mit den Initialen der Ex. „Auf dem Rücken hab ich noch eins“, sagt Beier, reißt das T-Shirt über den Leib und präsentiert seinen asiatischen Drachen. Eine Hepatitis habe er sich beim Stechen eingefangen.

Seroquel, 125 Milligramm am Tag, Impulskontrolle

Jeden Morgen um 6.55 Uhr klingelt jetzt Beiers Wecker, punkt sieben schluckt er die erste Tablette: Psychopharmaka, Seroquel,125 Milligramm am Tag, zur Impulskontrolle. Bis Mai 2021, so hat es das Landgericht angewiesen, gilt für Beier die Führungsaufsicht: Er darf keinen Alkohol trinken, muss die Medikamente nehmen, regelmäßig zur Urinkontrolle, er steht unter Beobachtung der forensisch-therapeutischen Ambulanz der Charité, des LKA, ihm sind zwei Betreuer zugeteilt und eine Bewährungshelferin.

Sie haben für Rolf Beier das blaue Haus ausgesucht, ein Wohnprojekt irgendwo im Ostteil der Stadt, Betreung rund um die Uhr. War ihm sicherer so. Zu wissen, dass auch abends jemand da ist, zu dem er hin kann, wenn ihn Einsamkeit und Zweifel überkommen. Eineinhalb Zimmer mit Küchenzeile, ein Schreibtisch, eine Schrankwand, ein Couchtisch im Marmorimitat – und ein Koloss von einem Fernseher. Sein bestes Stück, 102 Zoll, finanziert aus dem Heimkinderfonds der Bundesregierung.

Beier, das Heimkind, ist 16, als ihn ein Jugendrichter das erste Mal wegen Diebstahls verurteilt. Und 42, als die Justiz beschließt, dass er weggesperrt gehört, zur Not für immer. Der Verurteilte reagiert, wie er immer reagierte: wütend. Brüllt durch den Saal, dass man ihm, Rolf Beier, doch bitte in die Augen zu schauen habe, und nicht nur auf den Boden. Im Namen des Volkes, verkünden die Richter in ihren schwarzen Roben, unbeirrt weiter, zur Strafsache gegen den Maler und Lackierer Rolf Frank Beier:

„Der wegen Vergewaltigung schuldig gesprochene Angeklagte wird zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung wird angeordnet. Bei dem Angeklagten liegt ein Hang vor, da er nicht imstande ist, dem Anreiz von Verbrechen zu widerstehen.“

Wie wurde aus dem knapp durchschnittlich intelligenten Jungen ein gefährlicher Gewalttäter?

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