Die Staatssekretärin Sawsan Chebli (l-r), die Somalierin Fatuma Musa Afrah und der Iraker Sinan Mohammed stellen die Kampagne "Farben bekennen" vor. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Integration in Berlin Geflüchtete mitten in der Gesellschaft

Michael Graupner
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Bei der Jobbörse für junge Geflüchtete zeigen sich Fortschritte und anhaltende Herausforderungen. Eine Plakatkampagne wirbt für Engagement.

Kurz nach elf kommt erstmal niemand mehr rein. So groß ist am Dienstag der Ansturm auf das Haus der Wirtschaft in Charlottenburg, dass die Türen zwischenzeitlich geschlossen werden müssen. Draußen bilden sich lange Schlangen dick eingepackter Jugendlicher. Drinnen ist es nicht nur warm, sondern es wird auch viel geboten: 24 Aussteller zeigen den Schülern Perspektiven für die Zukunft.

Die meisten hier sind zum ersten Mal auf so einer Veranstaltung, denn die Ausbildungsmesse „vocatium plus“ richtet sich speziell an geflüchtete Jugendliche und junge Erwachsene.

"Das gute Sprachniveau fällt sofort auf"

Der 17-jährige Palästinenser Momo war heute schon früh da. Wie alle aus seiner Klasse vom Oberstufenzentrum Handel in Kreuzberg hat er heute schulfrei – zugunsten seiner Zukunft. Er ist seit September 2015 in Deutschland und will Kaufmann werden. Ob ihm die Messe etwas gebracht hat? „Ich habe meinen Namen und meine Nummer angegeben“, sagt er. „Aber erstmal brauche ich den Abschluss.“ Wenn er den nächstes Jahr in der Tasche habe, wolle sich jemand von „Joblinge“ bei ihm melden und helfen, ein Praktikum oder eine Ausbildung zu finden.

Die Berliner Initiative „Joblinge“ hat ihren Stand links vom Eingang aufgebaut. „Die meisten glauben, dass sie bei uns direkt eine Ausbildung starten können“, sagt Romy Böhme. Dabei fungiert „Joblinge“ eher als Vermittler zwischen den Betrieben und den Bewerbern. Drei Jugendliche hören ihr zu, fragen gezielt nach – in fehlerfreiem Deutsch. „Das gute Sprachniveau fällt sofort auf“, sagt Böhme.

Das war bei der Premiere der Messe vor zwei Jahren noch anders, berichtet Hella Backhaus. Sie ist die Chefin des Instituts für Talententwicklung, das die „vocatium plus“ organisiert. „Damals konnten wenige Jugendliche Deutsch, sodass die Kommunikation mit den Firmen schwer war”, sagt Backhaus.

Seitdem gehen ihre Mitarbeiter gezielt in die Oberschulen und sprechen Klassen an. Wenn das Sprachniveau gut genug ist und die Schüler Interesse haben, werden sie eingeladen. Grundsätzlich aber steht die Messe jedem offen, und so zeigt der Zähler um 13 Uhr schon 1016 Besucher, 200 mehr als in den Vorjahren.

Trotzdem bleibt die Sprache die größte Hürde

Trotz der Fortschritte bleibt die Sprache für die meisten hier die größte Hürde. Bei der Gasag haben im vergangenen Jahr drei Geflüchtete ihre Ausbildung zum Industriekaufmann begonnen. Einer davon ist Mahmoud Asad. Für den 26-jährigen Syrer ist vor allem die Berufsschule mit ihren ganzen Fachbegriffen schwer. Die Gasag hat das Problem erkannt, und zahlt den drei Azubis Deutschkurse und Nachhilfestunden. „Dadurch klappt alles viel besser“, sagt Asad. So gut, dass das Unternehmen im September wieder drei Geflüchtete eingestellt hat.

Ob das andernorts genauso gut funktioniert, kann auch Hella Backhaus nicht sagen. Die Daten der Bewerber werden nach der Messe gelöscht. „Dann ist es an den Firmen und den Jugendlichen, etwas daraus zu machen“, sagt sie. Der Ansturm auf die Messe jedenfalls gibt Hoffnung, dass viele der Geflüchteten bald ihren Platz in der Gesellschaft finden.

Raum für positive Geschichten

Diesen Platz schon gefunden haben die Protagonisten der Senatskampagne „Farben bekennen“, die nun startete. Auf Plakaten sind Gesichter von Geflüchteten zu sehen, die sich aktiv in die deutsche Gesellschaft einbringen, ob als Journalistin, Youtube-Star oder Gründer einer Blutspendeorganisation.

Unter den Gesichtern prangt der Schriftzug „Typisch Deutsch“, gemeinsam mit einer Eigenschaft, die die Geflüchteten mit ihrer neuen Heimat verbinden: Hilfsbereitschaft, Pünktlichkeit, sich an Regeln halten. In den nächsten Tagen werden 1500 Plakate in U- und S-Bahn-Stationen aufgehängt, in 570 Cafés und Restaurants liegen Postkarten aus.

Firas Alshater ist die Öffentlichkeit gewohnt, der Syrer ist erfolgreicher Videoblogger und hat ein Buch über „seine neue Heimat“ geschrieben. Foto: promo
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Verantwortlich für die Kampagne ist Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD). „Ich kenne viele Beispiele von Geflüchteten, die die Ängste und Sorgen in der Gesellschaft nachvollziehen können und Verantwortung übernehmen wollen“, sagt Chebli. Der Name „Farben bekennen“ beziehe sich dabei auf „die verschiedenen Lebensentwürfe, die unsere Gesellschaft ausmachen und zu denen die Protagonisten sich auf den Plakaten bekennen.“

Die Somalierin Fatuma Musa Afrah kam 2014 aus Kenia nach Deutschland, sie engagiert sich für andere Geflüchtete. Foto: promo
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Lob für die Aktion kommt sogar von der Opposition. „Ich finde es gut, dass in der aktuellen Stimmung darauf hingewiesen wird, dass es vorbildliche Flüchtlinge gibt“, sagt der CDU-Abgeordnete Burkard Dregger. Es dürfe aber keine Schönfärberei betrieben werden. Chebli sagt, die Aktion solle nichts schönreden, aber den Negativbeispielen etwas entgegenstellen. „Bisher muss man die positiven Geschichten mit der Lupe suchen. Ihnen müssen wir mehr Raum geben.“

Der Palästinenser Hadi Albari ist ehrenamtlicher Basketballtrainer. Foto: promo
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Für das Projekt habe sie mit über 40 Geflüchteten gesprochen und schließlich acht ausgewählt. Ihre Geschichten könnten die Menschen eher erreichen als bloße Fakten. Chebli möchte aber auch Strukturen schaffen, in denen sich Geflüchtete einbringen können. Sie wolle auch Nachbarschaftsaktionen starten, damit Berliner mit Geflüchteten in Kontakt kommen. Nur so könne eine weitere Polarisierung der Gesellschaft verhindert werden.

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