Bespuckt, bepinkelt und angezündet. Diesem Baum auf der Warschauer Straße ist nichts Menschliches fremd. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Friedrichshain Der härteste Baum von Berlin

Juliane Schiemenz
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Überall Party, überall Suff, Kotze und Krakeele. Man muss zäh sein wie der einsame Kirschbaum auf der Warschauer Straße. Jede seiner Blüten: ein in den Himmel gereckter Mittelfinger. Eine Liebeserklärung.

Auf der Warschauer Straße, im Strom von Pennern und Dealern, Hipstern und Touristen steht er, der härteste Baum von Berlin. Er steht da, so verloren wie eigentlich nur ein Mensch sein kann. Ein Baum in der Großstadt, verkümmertes Grün, eher Braun, an einem der lautesten, dreckigsten und mittlerweile gefährlichsten Orte Berlins. Warschauer, Ecke Revaler.

Es ist Frühling 2016. Seit über einem Jahr wohne ich nun hier. Und beobachte ebenso lange den Baum. Ich frage ihn und mich: Bin ich hart genug für Friedrichshain? Was könnte mir der Baum beibringen, dass ich es werde?

Auf dem Boden um den Baum wächst kein Gras mehr, und das, was da einmal wuchs, wurde plattgetrampelt von Sneakers und Flipflops, High Heels und DocMartens, festgetreten zu einer braunen Platte, undurchlässig, eher Beton als Erde. In sie hineingestampft: Kronkorken, Zigarettenstummel, Bierdeckel, Scherben und Münzen. Auf diesem Mosaik hocken die Gestrandeten am Fuße des Baumes und lehnen sich gegen seine Rinde. Punker, Junkies, Bettler und Hunde. Es hat schon fast etwas Biblisches, wie sie ihn umlagern, den letzten Baum. Bis eines Tages Bauarbeiter und Bagger anrücken und ihn zu einer Insel im Beton machen werden, umgeben von einer makellos gepflasterten Fläche, um die Punker, Junkies, Bettler und Hunde zu vertreiben.

Er wurde bekotzt, bepinkelt und getreten

Die Gegend um den Baum quillt über vor Menschen, Menschen, die ihr Vergnügen suchen oder Streit, die klauen und beklaut werden, Drogen kaufen oder anbieten, es gibt Ärger, Belästigungen, Schlägereien, Mord. Einwohner sagen: Es eskaliert. In Petitionen wehren sie sich dagegen. Warschauer, Ecke Revaler, das sei ein „Kriminalitätsschwerpunkt“, sagt die Polizei.

Hier wohnen also der Baum und ich. Er schon etwas länger, sogar mit eigener Adresse, wie mir das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Abteilung Planen, Bauen und Umwelt, schreibt: „Sehr geehrte Frau Schiemenz, der von Ihnen angesprochene Baum steht in der Warschauer Straße 94 und hat die Baumnummer 3. Bei diesem Baum handelt es sich um einen Kirschbaum, Prunus spec. Der Baum ist etwa 59 Jahre alt und hat einen Stammumfang von 195 cm.“

Dem Baum ist nichts Menschliches fremd. Er wurde bekotzt, bepinkelt, besprüht, getreten, geritzt, an ihm wurde herumgekokelt, nur um zu sehen, ob er das aushält. Ein Graffito verwittert auf seiner Rinde, sind ja eh alle tätowiert hier. Der Stamm des Baumes ist verkorkst, zur Spirale gewunden wie der eines Olivenbaumes, als hätte er sich einmal komplett um sich selbst gedreht. Damit er sich den ganzen Wahnsinn in Ruhe angucken kann? Vielleicht hat er aber auch versucht, sich abzuwenden, bis der Dreck irgendwann in allen Himmelsrichtungen zu sehen war.

Doch jedes Jahr aufs Neue im Frühling geschieht ein Wunder: Der Baum blüht. Zwei Wochen lang blüht er an gegen das alles, gegen den Müll und die Hundekacke, gegen die Flüche der Penner und die Tritte der Punks, gegen das Geschrei und den Gestank. Jede seiner Blüten ein in den Himmel gereckter Mittelfinger: Nimm das, Berlin, du alte Scheiße! Um jene wundersamen Tage soll es hier gehen.

So viel Müll, dass man ihn auf Google Earth sieht

In Friedrichshain sitzt man den Frühling hartnäckig herbei. Irgendwann fällt die Entscheidung, dass laut Kalender nun die Zeit gekommen sei, in der man sein Bier nicht mehr drinnen trinkt. Das hat wenig mit den Temperaturen zu tun. Der Wetterwechsel wird vielmehr in einer Art Sitzstreik vor Kneipen und Restaurants erzwungen. Auch die Handvoll Penner, die den Baum umlagern, hocken da wie im Sitzstreik. Man könnte das Bild jedoch genauso gut für eine launige Picknickszene halten.

Der Baum steht auf der Nordseite der Warschauer Brücke, die nicht über Wasser, sondern über Bahngleise führt. Wenn man links und rechts von ihr herunterschaut, liegt da unten außer den Gleisen noch etwas anderes: Müll. So viel Müll, dass man ihn auf Google Earth sehen kann.

An der Warschauer Brücke steigen das Partyvolk und die Touristen aus den S- und U-Bahnen, sie strömen an dem Baum vorbei und ergießen sich in die Klubs und Kneipen. Zehn Minuten entfernt wummert das Berghain. Hinter dem Baum geht es zu den Gleisen und zum RAW-Gelände, dem einstigen Reichsbahnausbesserungswerk. Jetzt befinden sich in dessen alten Gebäuden die Klubs, in die Touristen wollen. Junggesellenabschiede und Betriebsausflüge rücken an, selbst Schulklassen werden hier von nichtsahnenden Lehrern durchgeschleift, bekommen den ersten Kiffeduft ihres Lebens in die Nase, werden zum ersten Mal beklaut. Friedrichshain, du Schule des Lebens.

Der Baum gibt auf Kommunikation mit anderen einen Scheiß

In den ersten Tagen strahlen die weißen Blüten des Baums besonders unschuldig, wirkt der Baum surreal, eine Blume auf einem Misthaufen. Später kippt das Weiß durch die Abgase ins Beige. Einige Meter entfernt stehen noch ein paar andere Bäume hier und da, auch die scheinen ziemlich hart drauf zu sein. Aber sie unterscheiden sich von unserem Helden, weil jeder von ihnen in der Nähe noch einen Baumkumpel stehen hat, jemanden, der ihm hilft, das hier auszuhalten. Nur unser Baum ist ganz allein, abseits der Crowd.

Vor einiger Zeit hat ein Förster ein Buch über die geheime Kommunikation der Bäume geschrieben, das ein Bestseller wurde. Angeblich sind sie alle miteinander in Kontakt unter und über der Erde. Ich kann nur sagen: Der Baum, von dem ich hier spreche, gibt auf Kommunikation mit anderen Bäumen einen Scheiß. Er ist sich selbst genug, wie so viele in Berlin. Aber im Gegensatz zu vielen anderen resigniert er nicht. Er überlebt nicht einfach nur in der Hässlichkeit, er presst sogar noch etwas Schönes aus ihr hervor!

Der Baum steht ruhig im Lärm der Menschen und Autos, die Straßenbahn rattert vorbei. Meist sind es russische und polnische Penner, die den Baum umlagern. Das sind die härtesten, die trinken den Wodka direkt aus der Flasche wie ihre deutschen Kollegen das Bier. Aus der Ferne hört man einige fluchen. Andere scheinen nicht mehr von dieser Welt, die Haut vom Schnaps durchtränkt, mit riesigen Poren wie ein Schwamm voller Wodka. Ihre Augen sind meist geschlossen, vielleicht wollen sie sich die Stadt nicht mehr angucken, vielleicht sind sie auch einfach nur müde. Sie wandeln wie Zombies durch Friedrichshain. Nicht ansprechbar. Pissen überall hin, schwanken, die Hosen rutschen im Gehen, weil sie zu schwach sind, sie wieder zuzuknöpfen. Hinter ihnen und dem Baum prangt eine große Bautafel: „Lebendige Quartiere fördern“.

Die Welt um ihn herum wird immer abwaschbarer

Als hätte es unser Held nicht schwer genug, haben sie ihm wie zum Hohn ein öffentliches Toilettenhäuschen zur Seite gestellt. Als würde jemand bezahlen, wenn er ein paar Meter nebenan kostenlos seine Notdurft an so etwas wie Natur verrichten kann. Dann kam ein hochmoderner Mülleimer aus gebürstetem Stahl dazu. Eine Kugel, einen Meter hoch, oben der Deckel, ein orangefarbener Kreis. Ein silbernes Glupschauge, dessen Pupille in den Himmel starrt. Aber das sind nur die Vorboten einer Ordnung, die den Baum bald vollends zu einem Fremdkörper machen wird. Die Welt um ihn wird immer abwaschbarer.

Wenn ich den Baum beobachte, tue ich das meist mit respektvollem Abstand. Manchmal stehe ich in der Mitte der Warschauer an der Tramhaltestelle und täusche vor, dass ich auf die nächste Straßenbahn warte oder auf jemanden, der aus ihr aussteigt. Oft stehe ich auch vor dem Bio-Supermarkt auf der anderen Straßenseite. Dort gibt es vegane Schuhe und Menstruationstassen (google it!) und Stoffbeutel, auf denen „Yes, ve gan“ steht. Ich kaufe dann einen überteuerten Smoothie und nuckle an meinem grünen Trinkhalm, während ich hinüber zum Baum starre. Nicht zu auffällig blickend, sonst halten mich die Dealer noch für eine Zivilstreife.

Die Stadtplanung hat es gut mit den Dealern gemeint

Manchmal nähere ich mich dem Baum, um ihn besser beobachten zu können. Aber wenn ich direkt dort herumstehe, kann ich die Sekunden zählen, bis es Ärger gibt oder ein Dealer kommt und „Kss! Kss!“ macht und mir zuraunt: „Wanna buy sumting?“

Dutzende Fahrradständer wurden neben dem Baum in langen Reihen installiert. Jeder sieht aus wie ein umgedrehtes U aus Metall, die Streben in perfekter Hinternhöhe zum Dagegenlehnen oder Draufsitzen, dann noch eine untere Querstrebe, um die Füße abzustellen. Irgendjemand in der Stadtplanung hat es gut mit den Dealern gemeint und ihnen ein perfektes Arbeitsumfeld gebaut. Bei Regen können sie sich in das Toilettenhäuschen zurückziehen, und dank der Fahrradständer müssen sie sich nicht die Füße plattstehen. Sie hocken da, ab und an steht einer auf und macht Dehnübungen, als sei er Passagier auf einem Interkontinentalflug.

Es ist nur natürlich, dass sie die Installationen umnutzen. Auf diesem Fahrradfriedhof würde ohnehin niemand, der an seinem Rad hängt, selbiges anschließen. Man hält ja auch seinen Arm nicht in ein Piranha-Becken. Fahrradrümpfe ohne Räder, Sattel und Lenker lehnen an den Ständern wie abgenagte Fischgräten. Um einige Fahrradständer kringeln sich leere Fahrradschlösser.

Menschen rauchen und spritzen sich werweißwas

Ja, die Dealer. Eine Menge gibt es über sie zu sagen. Ist für viele hier nicht so cool, dass sie da sind und was sie so anstellen. Sie reißen zum Beispiel Blumen aus den Beeten der Anwohner, um in der Erde ihre Drogenpäckchen zu verstecken. Aber sie kommen mir doch vor wie vertrottelte Teenager, um die sich endlich mal jemand kümmern müsste. Falls sie nicht gerade auf den Fahrradständern hocken, stehen sie, einer etwa alle zwei Meter, nebeneinander am Fußweg, lassen die Leute vorbeiströmen und warten auf Kundschaft. Sie sehen aus wie die Mitglieder einer Boygroup, alle messen um die 1,60 Meter, sind dünn, tragen Basecaps, enge Jeans, Baseballjacken, Sneakers. Auf einem Streifen von etwa zehn Metern stehen sieben Dealer.

Es gibt eine Initiative, die sich gegen den Drogenhandel zur Wehr setzt, ein Abreißzettel klebt an meiner Haustür. Die Haustür ist in den letzten Wochen zum Politikum geworden. In den Wintermonaten sind immer wieder Obdachlose bei uns eingebrochen. Sie machen mit einer Plastikkarte die Tür auf und dann pennen sie auf den Treppenabsätzen. Wenn sie nur pennen würden. Sie erbrechen sich und pinkeln ins Treppenhaus, sie rauchen und spritzen sich hier werweißwas. Einmal schreckte ich abends auf, weil jemand gegen unsere Wohnungstür krachte. Ich versuchte mit dem Mann zu reden, aber er lallte nur etwas auf Russisch. Ich rief dann den Hausmeister, er und ein Kumpel geleiteten den Mann hinaus, ganz sanft, sie fassten ihn nicht an, er lief in der Mitte zwischen den beiden wie ein Vip zwischen zwei Bodyguards.

Viele Male war die Polizei da. Klar, ich will nicht, dass jemand draußen in der Kälte schlafen muss. Die Polizisten sagen: Die müssen nicht in der Kälte schlafen, die sind einfach nur zu besoffen, um sich in die nächste Notunterkunft aufzumachen. Stimmt das? Oder bin ich eine Not-in-my-backyard-Frau geworden? Ich will sie ja auch wirklich not in my Backyard haben, ich gebe es zu. In unserem Backyard stehen nämlich mein Fahrrad und die Fahrräder der Nachbarn und schon einige Male habe ich beobachtet, wie dort ein Penner herumschlich und die Fahrräder musterte, als würde er sich was Leckeres am Buffet aussuchen.

Im Erdgeschoss sind ganztägig die Sicherheitsjalousien unten

An unserer Haustür wurde zuerst eine einfache Holzleiste angebracht, damit die Plastikkarten nicht mehr reinpassten. Aber die war bald zerdroschen. Jetzt prangt da eine fette, hässliche Metallleiste mit dicken Schrauben. Nachts höre ich manchmal, wie einer wütend gegen die Haustür latscht oder sich dagegenwirft, weil der Zugang zu einer Welt, die als Schlafplatz diente, aus unerfindlichen Gründen plötzlich verriegelt ist.

In den Erdgeschosswohnungen sind fast ganztägig die Sicherheitsjalousien unten. Wir panzern uns. Das Haus verschließt die Augen. Fühlt sich nicht schön an, so zu leben. Was die Frage aufwirft, warum ich nicht einfach wegziehe. Dazu komme ich noch.

Als ich an einem Frühlingstag aus meiner Haustür trete, höre ich, wie zwei Jungs sich im Vorbeigehen unterhalten. „Und das hier, das ist der schlimmste Teil von Berlin“, raunt der eine dem anderen zu. Das macht mich irgendwie unzufrieden. Aber ich muss schon zugeben: Nach meiner Zeit in Neukölln hatte ich gedacht, es geht nicht schlimmer. Doch wenn ich jetzt am Hermannplatz aus der U-Bahn steige, kommt mir alles so sauber vor, so wenig Blut! Kaum Kotze!

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