Eberhard Radczuweit (Geb. 1941)

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Den Brief seines Vaters von der Front hat er zerrissen

Bloß weg, so weit wie möglich. Mit 15 hatte Eberhard genug von seiner lieblosen Kindheit. Vom Stiefvater, einem HNO- Arzt, der kein Pardon kannte. Von seiner Mutter, die ihn im Stich ließ, ihn nicht verteidigte. Von seinen zwei älteren Stiefgeschwistern, die ihren Frust an ihm ausließen.

Stattdessen: Malen und Zeichnen. Wenn er Szenen und Gesichter beobachtete, die Details festhielt, sich in sie vertiefte, war er bei sich. Als er es zu Hause gar nicht mehr aushielt, packte er seinen Rucksack, griff nach seinen Stiften, dazu den Schlafsack, ein paar Klamotten, dann machte er sich davon. Trampte nach Frankreich, nach Spanien, nach Marokko. Schlief am Wegesrand, malte auf den Märkten Porträts für Kleingeld, für ein Abendbrot. In Marokko fing er sich eine fiese Krankheit ein. Musste aufgeben und zurückkehren. Wie genau er über die Grenzen kam, wie er es schaffte, von der Polizei in Ruhe gelassen zu werden, erzählte er nicht. Überhaupt waren Kindheit und Jugend nichts, wovon er gerne sprach.

Was ihn aber immer beschäftigte, war sein leiblicher Vater, den er nie kennengelernt hatte. 1942 war er als Wehrmachtssoldat im Russlandfeldzug an Fleckfieber gestorben. Eberhard rang mit diesem unbekannten Geist und mit dem Wissen, dass sein Vater aus Überzeugung gekämpft hatte. In einer Feldpost an seinen damals noch einjährigen Sohn erklärte sich der Vater. Er schrieb vom deutschen Volk und vom Lebensraum, von würdigem und unwürdigem Leben, von Untermenschen. Das machte Eberhard wütend. Er wollte den Kampf seiner Generation gegen die seiner Eltern führen. Nur wie? Eberhard zerriss den Brief.

Das Gymnasium interessierte ihn nicht. Die Kunstschule in Düsseldorf fand er spannender. Später in Berlin studierte er an der Hochschule der Künste. Wer da aufgenommen wird, muss Talent haben. Mit seinen Freunden ging Eberhard auf die Anti-Schah-Demonstration, diskutierte über Vietnam, über Springer, über den Frieden und über den Feind des Westens, die Sowjetunion. Waren denn die Menschen, die in der Sowjetunion lebten, Feinde, so fragte er. Damit verteidigte er nicht den Stalinismus, der ihm zuwider war. Es ging ihm um die Leute.

Die Malerei gab er auf, direkt nach seinem Studium. Denn damit, so dachte der politische Eberhard, könnte er weder was bewegen noch Geld verdienen. Also jobbte er. Ging zum Arbeitsamt und verdingte sich jeden Morgen aufs Neue. Karriere machen, sich hochbuckeln, einem Konzern dienen, das sollten die anderen. Irgendwann kam er im Malerkollektiv der Reichsbahn unter. Die gehörte zur DDR, betrieb aber in West-Berlin Teile der S-Bahn-Strecke. Eberhard renovierte, beschriftete Bahnschilder oder malte Wandbilder. Ein Intellektueller, der ranklotzen konnte. Außerdem ein ruhiger, herzlicher Mensch, zu dem man Vertrauen haben konnte, der zu sich und seiner Sache stand. So lernte Eva ihn kennen. Ein Mann, um die 40, der von den Frauen, die er geliebt hatte, bisher verletzt worden war.

Die beiden aber passten gut zusammen. Politisch, wach, in Sorge um die Welt und den Frieden. Eva hatte ein paar Jahre zuvor einen Autounfall gehabt, bei dem sie schwer verletzt worden war. Das störte Eberhard nicht. Er sorgte sich um sie. Stellte in der Wohnung immer alles so, dass sie rankam. Es war eine Liebe, von Anfang an. Sehr schnell zog sie bei ihm ein.

Mit der Wende begann Eberhard mit seinem eigentlichen Lebenswerk. Menschen aus Deutschland und der ehemaligen Sowjetunion sollten sich verständigen und begegnen. Das hatte natürlich auch mit seinem Vater zu tun. Er sprach da von einem Kreis, der sich schließt. Zusammen mit Hilde Schramm, der Tochter von Albert Speer, gründete er den Verein „Kontakte-Kontakty“. Die ersten Jahre war die Wohnung von Eva und Eberhard die Zentrale. Eva machte die Buchhaltung, und Eberhard organisierte Kulturtage, sammelte Spenden, reiste nach Russland, Osteuropa, Armenien, nach Georgien und Weißrussland. Doch das war nur der Anfang. Sie halfen Tausenden leukämiekranken Kindern in der großen Kinderonkologie in Moskau mit Medikamenten, medizinischem Equipment, förderten Studien und Untersuchungen.

Sie unterstützten ehemalige russische Kriegsgefangene, die für Nazi-Deutschland geschuftet hatten und später keine Entschädigung erhielten. 7000 von ihnen bekamen 300 Euro und einen Brief von Eberhard mit der Bitte um Verzeihung. Was die Bundesrepublik nicht hinbekam, machte er im Alleingang.

Wenn er dann die Familien der einstigen Feinde seines Vaters besuchte, bei ihnen am gedeckten Tisch saß, strahlte er, ging aus sich heraus, war wie gelöst. Dass er so unvermittelt Krebs bekam, unheilbar, damit hatte er nicht gerechnet. Bis zuletzt war er sich sicher, dass er noch Zeit hatte, dass er sich wieder aufrappeln würde, dass er seine Arbeit vernünftig abgeben können würde. Doch es hat nicht mehr gereicht. Im August starb Eberhard Radczuweit.

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