Immer wieder umstritten: die Cuvrystraße in Kreuzberg. Foto: Kitty Kleist-Heinrichp

Cuvrystraße 44/45 in Kreuzberg Berliner Bezirk verhindert Hausverkauf an Investor

Sophie Krause
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Friedrichshain-Kreuzberg nutzt sein Vorkaufsrecht, um günstige Mieten in der Cuvrystraße 44/45 zu sichern. Weitere Objekte sind in der Prüfung.

Friedrichshain-Kreuzberg wird oft als gallisches Dorf bezeichnet. Vehement wehrt sich der Bezirk gegen alles, was nach sozialer Ungerechtigkeit und gierigen Investoren aussieht. Seit Montag können die Gallier einen neuen Erfolg verbuchen: Der Bezirk hat sein Vorkaufsrecht für den Wohnblock in der Cuvrystraße 44/45 ausgeübt. Für 1,9 Millionen Euro kauft die landesseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) das Haus mit 30 Wohnungen. Nachdem dessen Eigentümer verstorben war, wollte die Erbin das Haus an einen privaten Investor verkaufen.

Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) erklärte am Mittwoch: „Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg macht es sich zur Aufgabe, die Zahl der Vorkäufe von Jahr zu Jahr substantiell zu erhöhen, um breite Teile der Wohnbevölkerung vor Verdrängung zu schützen.“ Das Eingreifen in der Cuvrystraße sei erforderlich, weil dort viele Haushalte auf günstigen Wohnraum angewiesen seien. Gleichzeitig laste ein hoher Verdrängungsdruck auf dem Kiez, wodurch viele Anwohner wegzögen.

„Dies hat zur Folge, dass die geschaffene öffentliche Infrastruktur, die optimal auf die Gebietsbevölkerung zugeschnitten ist, nicht mehr in gleicher Weise ausgelastet ist, während sie an anderer Stelle neu geschaffen werden müsste“, so Schmidt. Dadurch drohe eine „Ghettoisierung“ in anderen Stadtgebieten.

Mit der Cuvrystraße 44/45 hat der Bezirk zum neunten Mal sein Vorkaufsrecht ausgeübt, in zehn weiteren Fällen wurden Abwendungsvereinbarungen abgeschlossen. Eine solche Vereinbarung hatte der potenzielle Käufer ausgeschlagen. Der Vertrag hätte ihn dazu verpflichtet, 20 Jahre lang auf Umwandlung in Eigentumswohnungen und teure Modernisierungen zu verzichten.

Mietpreis: 3,46 Euro pro Quadratmeter

Die Bewohner des Hauses hatten zuletzt mithilfe der Nachbarschaftsinitiative „Bizim Kiez“ gegen den Verkauf an den privaten Investor mobil gemacht. Sie fürchteten „einen Strudel von Preisspekulation, Mondmieten und Verdrängung“, schrieben die Anwohner in einem Blogbeitrag und forderten den Bezirk zur Rekommunalisierung auf.

Durchschnittlich 3,46 Euro pro Quadratmeter zahlen die Mieter aktuell, was angesichts der begehrten Lage im Wrangelkiez äußert niedrig ist. Die Mieterschaft bestehe zu etwa 30 Prozent aus Sozialleistungsbeziehern,, schreiben die Anwohner weiter, hätte geringe Renten oder sei prekär beschäftigt. Geheizt werde mit Ofenheizungen, die Rohre des sanierungsbedürftigen Hauses seien oft verstopft.

Ein weiterer Anhaltspunkt für die Veränderungen im Kiez ist die Entscheidung des Online-Versandkonzerns Zalando von Anfang des Jahres, die stark umkämpfte Cuvrybrache am Spreeufer mit 34.000 Quadratmetern Bürofläche zu bebauen. Damals warnte Baustadtrat Schmidt davor, dass Kiezstrukturen zerstört würden, wenn sich zu viele große Unternehmen in Szenevierteln wie Kreuzberg niederließen.

Florian Schmidt (B’90/Die Grünen), Bezirksstadtrat für Bauen, Planen und Facility Management in Friedrichshain-Kreuzberg. Foto: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzbergp

Kaum ist die Cuvrystraße 44/45 rekommunalisiert, könnte die Shoppingtour weitergehen: Mögliche Vorkaufsfälle prüft der Bezirk in der Schönleinstraße und in der Eckerstraße, wie Schmidt dem RBB verriet. „Die Mieter werden über uns informiert, und sollen nicht aus der Zeitung erfahren, dass ihr Haus verkauft wird“, sagte er dem Tagesspiegel. Derzeit werde der Verkehrswert ermittelt und Wohnungsbaugesellschaften angefragt.

Noch 2017 soll das Viertel rund um den Moritzplatz und die Ritterstraße zum „sozialen Erhaltungsgebiet“ erklärt werden. Das bedeutet, dass unter anderem Grundrissänderungen und das Anbringen von großen Balkonen nicht genehmigt werden.

So soll die soziale Durchmischung in den Kiezen erhalten bleiben Mittels einer Haushaltsbefragung prüft der Bezirk auch in den Gebieten Askanischer Platz/Mehringplatz und Moritzplatz/Wassertorplatz, ob dort die Milieuschutz-Voraussetzungen vorliegen. „Weitere Gebiete im ganzen Bezirk kommen für die Ausweitung in Frage“, so Schmidt. Genauere Angaben könne er nicht machen, denn: „Eigentümer sollen nicht vorgewarnt sein.“

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