Wo 1961 aus dem Kalten Krieg beinahe ein heißer geworden, geraten heute allenfalls Touristen und Radfahrer aneinander. Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Checkpoint Charlie Sie betreten den touristischen Sektor

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Nach dem Mauerbau vor 56 Jahren verlief hier die Grenze zwischen zwei Welten. Heute ist der Checkpoint Charlie eine Art Rummelplatz.

Plötzlich war die Welt zu Ende und Berlin im Ausnahmezustand. Am 13. August 1961, vor 56 Jahren, wurde die Mauer gebaut. 28 Jahre lang, bis 1989, hatte sie die Vier-Sektoren-Stadt geteilt. Für Ausländer und die Soldaten der West-Alliierten gab es jedoch einen Durchschlupf nach Ost-Berlin. Die Amis nannten dieses Mauerloch in ihrem Sektor „Checkpoint Charlie“.

Ein weißer Pinselstrich auf der Friedrichstraße trennte die Bezirke Kreuzberg (West) und Mitte (Ost) – bis 1989. Jetzt, heute, wiederum 28 Jahre später, ist dieser Grenzübergang noch immer eine Touristenattraktion. Aber die Mauer, das Monster aus Beton, ist wie vom Winde verweht. Der weiße Strich liegt im Museum. Die GIs, die hier Wache schieben, heißen Smith, Brady und Ferdinand. Sie halten die Fahnenstangen mit den Stars and Stripes, doch sie sind ebenso Attrappen wie das Wachhäuschen und die Sandsäcke. Aber sie befeuern die Fantasie: So könnte es damals gewesen sein. Echte Amis? Echter Kalter Krieg?

Sie kommen alle - aus den Hotels, Jugendherbergen und Rentnerbussen

Echt ist nur der Spaß, den das Publikum hat, wenn einer der angeblichen Soldaten dem Menschen, der gerade fürs Foto salutiert, eine Mütze der US-, der Roten oder der DDR-Volksarmee auf den viel zu kleinen Kopf stülpt. Drei Euro oder vier Dollar kostet das Handy-Foto, die Mützen gibt es nebenan beim Souvenirverkäufer für 25 Euro.

Aber wer braucht schon einen Soldatenhut? Hier, auf der einstigen Straße der Konfrontation, herrscht den halben Tag über das touristische Tohuwabohu. Nach dem Hotelfrühstück kommen die ersten, dann die Jugendherbergsfreaks mit ihren Rucksäcken, die Bus-Rentner, die Fahrradgruppen, die Liebespaare. Für jeden gibt es etwas. Auch für den seltsamen Menschen im Mao-Look, der die erhobene Faust ballt und „Nieder mit dem Sozialfaschismus!“ ruft. Hyde-Park in the City. Und ein museales Dreigestirn.

Eine Flut von Exponaten für eine Flut von Museumsbesuchern

„Wir bestehen jetzt 55 Jahre“, sagt voller Stolz Alexandra Hildebrandt. Rainer, ihr Mann, hatte das Mauermuseum 1962 in einer kleinen Wohnung gegründet, „dort, wo die Weltenteilung begann und wo sie endete“. Jetzt folgen jährlich etwa 850000 Besucher den Spuren der Kämpfer für Menschenrechte und Dissidenten, die im Mauermuseum viel Platz erhalten haben, von Gandhi über Sacharow, Walesa bis zu Gorbatschow. Für 14,50 Euro Eintritt wird man von den Informationen, Bildern, Fahnen, Aufrufen, Plakaten und Sachzeugen förmlich erschlagen – hier spielt bei der Gestaltung offensichtlich nicht das Design, sondern das Herz der Museumschefin die Hauptrolle.

Wenige Wochen nach dem Mauerbau standen sich am Checkpoint Charlie sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Foto: picture-alliance / dpap

Durch zahllose Kontakte in alle Welt kommt manch eine Rarität in die Vitrinen: der schwarze Hut und ein weißes Hemd XXXL von Nikita Chruschtschow, Ronald Reagans Cowboy-Hut und die Kettensäge, mit der der US-Präsident auf seiner Ranch arbeitete, Genschers gelber Pullunder und seine unverkennbare, riesige Brille. Und ein signiertes Tuch mit der Losung „Schwerter zu Pflugscharen“, das eine Delegation mit Petra Kelly, Gert Bastian, Antje Vollmer und anderen Grünen einst dem DDR-Staatschef Erich Honecker geschenkt hat. Viel größer sind Objekte, die spannende Fluchtgeschichten erzählen. „Wir möchten vermitteln, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, aber dass man sie erreichen kann. Die Deutschen haben das gezeigt“, sagt Alexandra Hildebrandt.

Einmal Kalter Krieg? Fünf Euro, bitte

Ein paar Schritte nach rechts steht Museum Nummer zwei auf einem Gelände, wo die DDR-Grenztruppen ihren Wachturm und eine Kontrollbaracke hatten. Beides ist verschwunden, die Abrisswut war größer als das Geschichtsbewusstsein der Denkmalpfleger, die sonst jeden noch so verkommenen Fensterrahmen unter Schutz stellen. Hier kassiert man für die Blackbox Kalter Krieg fünf Euro Eintritt, manches hatte man schon vorher im Mauermuseum gesehen, so die Konfrontation von russischen und amerikanischen Panzern im Oktober 1961. Damals hätte der kalte in einen heißen Krieg umschlagen können.

Deshalb fehlt ein Stück Realität: Wenn schon nicht Mauer und Stacheldraht, dann doch vielleicht wenigstens etwas, bei dem sich die Haare sträuben. Ein paar Panzer werden ja wohl noch aufzutreiben sein.

Mauerkulisse - "voll geil"

Das dritte Museum kommt der Realität am nächsten. Yadegar Asisis Panorama lässt es für zehn Euro gruseln, wenn die Mauer-Straße im Dunkel des Abends versinkt und von den Fassaden der Altbauten im Osten der Putz rieselt, wenn die tausendmal gehörten Stimmen von Ernst Reuter, Willy Brandt, John F. Kennedy und Walter Ulbricht ertönen und Honecker (im Januar 89!) sagt, dass die Mauer noch 50 bis 100 Jahre bleibt, „wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind“. Die Szenerie wirkt wie ein bis zur Regenpfütze stimmiges Bühnenbild, im Gästebuch steht „voll geil“, Saskia und Maike finden die Schau „äußerst krass“.

Beklemmend ist sie allemal. Seit 2012 steht das Panorama, erwartet heuer seinen 800 000. Besucher und müsste den an dieser Stelle von der Firma Trockland geplanten Neubauten – Wohnungen, Büros, Gaststätten und ein Hardrock-Hotel – eines fernen Tages weichen und an eine andere Stelle ziehen.

Menschengetümmel fortissimo

Da die freien Grundstücke bebaut werden und dadurch die Friedrichstraße noch enger und lauter wird, hat der Senat sein geplantes Modellprojekt für eine „Begegnungszone“ gekippt. Nach wie vor sei geplant, den Straßenverkehrsraum fußgängerfreundlicher zu gestalten. 18 000 Fußgänger wurden hier pro Tag gezählt, dazu fast 7000 Kraftfahrzeuge, Fahrräder, Reisebusse und leider auch sehr große Baufahrzeuge. Menschengetümmel, Lärm, Gehupe: die Sinfonie einer Großstadt. Bei Charlie im Fortissimo.

 

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