Tanzen im Foyer. Foto: Thilo Rückeis
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Bundespresseball in Berlin Das Antidepressivum der Berliner Eliten

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Beim Bundespresseball lässt sich der Puls der Republik fühlen. Noch. Denn er puckert schwächer als sonst. Über eine Nacht in Zeiten der Krise.

Die Jugend tanzt in der S-Bahn. Sie braucht keinen Ballsaal. Ich fahre mit der S1 zum Bundespresseball. Zwischen Friedenau und Brandenburger Tor liefern sich die Bettler Aufmerksamkeitsgefechte, die Jugend dreht das Handy auf: „Ich park’ mein Herz bei dir heute Nacht, yeah. Oh Baby, gib mir mehr von deiner Fakelove!“ Die Jugend feiert cool die Simulation von Liebe, während sich die Republik noch fragt, ob Christian Lindner ein Falschmünzer, Verantwortungsflüchtling oder ein Superheld aus der Retorte ist. Wird die Jamaika-Desertion der FDP den Ball dominieren? Oder tanzt man sich den Frust aus Kopf und Knochen? Jammertal oder Tanztherapie? Wird nach vorne getanzt oder nach hinten getreten? Auf ins Getümmel.

Babylon Berlin

Der 66. Bundespresseball findet im Hotel Adlon statt. An die 2300 Gäste aus Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft treffen hier walzend aufeinander. Als Entspannungsmittelchen der Eliten gehört der Ball in die Hausapotheke der Bundesrepublik. Er war schon immer ein Antidepressivum in schwierigen Zeiten, eine Entspannungsübung für Rivalen und Erzrivalen, eine Kontaktbörse für Politik und Wirtschaft. Hier wird gedealt, fintiert, sondiert, getauscht, angebahnt, ausgelassen getanzt, beherzt getrunken.

Ist Berlin Weimar? Das Hotel wirft die Zeitmaschine an: Drei Lobby-Hostessen tragen blaue Pagenkostüme der zwanziger Jahre, zwei Ladies in Red, sie sind für die individuelle Gästebetreuung zuständig, ziehen die Blicke mit ihren fragilen flammend roten Fascinators auf sich, 14 goldglänzende Serviermädchen giggeln, machen Selfies und wirken wie die Tiller-Girls. Für einen Augenblick fühlt man sich wie in der Serie „Babylon Berlin“. Sehnt sich das Land nach Sündenvielfalt? Nach krimineller Ekstase?

Die Desillusionierung folgt auf dem Fuß: Das „Superweib“ Christine Neubauer betritt den stahlblauen Promiteppich. Klack, Klack, Klack schießen die Kameras. Man hört, wie sie über ihre Krankheit, Morbus Bechterew, referiert und wie sie sich mit Sport und Tanz gegen die Verknöcherung ihrer Wirbelsäule zur Wehr setzt. Überleben ist alles, auch hier. „Früher war mehr Lametta!“ sagt ein Kameramann.

Drinks auf dem Bundespresseball 2017. Foto: Thilo Rückeis
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Der Kommissar und das Model

Auf „Tatort“-Kommissare ist Verlass. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl sind gekommen. Wachtveitl sieht keine Staatskrise, vielmehr seien Gewissheiten in einem guten Sinne erschüttert worden. Eine „Volonté générale“ des Wahlvolkes kann er nicht ausmachen und Neuwahlen seien die „Ultima Ratio“. Im Übrigen sei er ja kein Politiker, er komme vom Theater und halte es daher mit Brecht: „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“

Kaum jemand kennt sie. Das Model trägt das eindrucksvollste Kleid des Abends, ein Leg-mir-bitte-die-Welt-zu-Füßen-Kleid, ein Kleid wie ein Schrei. Als sie schwanenhalsig, mit Nackentattoo, den roten Teppich betritt, sind die meisten Fotografen schon weg. Traurig gleitet sie durch die Gänge, mancher Herr tritt unachtsam auf ihre kühne Schleppe.

Die Schere

Die Gastgeberin des Balls ist die Bundespressekonferenz, die Vereinigung der deutschen Parlamentskorrespondenten. Die etwa 900 Hauptstadtjournalisten nehmen die Politik fragend in die Mangel, wer als Politiker vor dieser „Meute“ nicht besteht, wird nicht weit kommen. Herausragende Journalisten zeichnet die Bundespressekonferenz mit einem Preis aus. In diesem Jahr geht er an Kristina Dunz, die als Kanzleramtskorrespondentin der Deutschen Presseagentur Donald Trump im März 2017 unbequeme Fragen stellte. Sie wollte wissen, warum dem Präsidenten Pressevielfalt so große Angst mache, da er so oft von Fake News spreche, aber selbst Dinge behaupte, die sich dann nicht belegen ließen.

Während der Vorsitzende der Bundespressekonferenz Gregor Mayntz die Preisträgerin lobt, schart das Publikum im Ballsaal ungeduldig mit den Füßen. Alle wollen tanzen. Erst als die Preisträgerin das Wort ergreift, steigt der Aufmerksamkeitspegel wieder. Sie weist mit eindringlichen Worten auf die Gefährdung des Qualitätsjournalismus hin. Man freut sich mit ihr und für sie, sie trifft den Ton.

Später resümiert sie: „Für mich hinterlässt ein so großer, festlicher Presseball auch das beunruhigende Gefühl einer großen Schere. Im Adlon ist alles schick und schön und man kann für ein paar Stunden feiern. Und doch wissen zumindest die Journalisten, dass die Branche große Probleme hat. Niemand würde darauf kommen, dass die Autoreparatur nichts kostet oder Lebensmittel umsonst sind. Aber Nachrichten bekommt man kostenlos im Internet.“

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