Das AlliertenMuseum in der Zehlendorfer Clayallee Foto: Boris Buchholz
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Buch und Website über amerikanisch-deutsche Geschichte in Steglitz-Zehlendorf präsentiert Panzer auf der Clayallee

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Das Zehlendorfer AlliiertenMuseum stellt in einem neu erschienenen Buch 23 Orte amerikanischer Präsenz im Südwesten vor. Ergänzt wird es durch eine Website mit interaktiver Karte.

Scott Robinson, der stellvertretende Kulturattaché der Botschaft der USA in Berlin, wohnt in der Zehlendorfer Dreipfuhlsiedlung – wie schon viele US-Amerikaner vor ihm. „Natürlich kaufe ich manchmal im Supermarkt auf dem ehemaligen Truman Plaza ein, wo früher der amerikanische Post Exchange stand“, erzählt er. Der PX, das war der vom US-Verteidigungsministerium getragene Supermarkt, in dem nur die Soldaten und ihre Familien shoppen durften – Waren aus der Heimat, steuerfrei. Heute stehen an der Ecke von Argentinischer Allee und Clayallee neue Häuserblocks mit Eigentumswohnungen und einigen Geschäften; an das Truman Plaza und die langjährigen amerikanischen Bewohner des Viertels erinnert hier nichts mehr.

Damit die jüngere Berliner Geschichte dennoch erlebbar und erzählbar bleibt, hat das benachbarte AlliertenMuseum an der Clayallee zusammen mit der Wirtschaftsförderung des Bezirks, dem Regionalmanagement Berlin Südwest und visitBerlin eine mobile Website und ein 64-seitiges Buch über die Amerikaner im Berliner Südwesten entwickelt. 23 Orte werden im Buch vorgestellt: vom Kino „Outpost“ über den Titania-Palast und den Militärbahnhof Lichterfelde-West bis hin zur Exklave Steinstücken. Ergänzt wird die Präsentation in dem handlichen Buch durch Orte, die zwar nicht im Südwesten liegen, aber für das Nachkriegs-Berlin große Bedeutung hatten wie der Checkpoint Charlie und der Flughafen Tempelhof. Online sind zwar nur zehn Orte zu finden, doch bietet die für Mobilgeräte optimierte Website zusätzliche Informationen wie historische Bild-, Video- und Audiodokumente sowie Tipps zu weiteren interessanten Orten in der Nähe. Wer nicht ganz auf eigene Faust in die deutsch-amerikanische Vergangenheit tauchen möchte, kann auch einer Route zu fünf ausgewählten Adressen folgen – bequem per interaktiver Karte.

Soldaten, die vom Panzer winkten

Bei der Präsentation von Buch und Website im AlliiertenMuseum am vergangenen Freitag sagte Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU), dass sich das neue Angebot nicht nur an Touristen, sondern auch an alle Berliner richte. „Das Buch ist ein Teil meiner Geschichte und der Geschichte derjenigen, die nach dem Mauerbau in Berlin geboren und aufgewachsen sind.“ Sie könne sich noch gut daran erinnern, wie die amerikanischen Panzer die Clayallee entlang gefahren seien. Während sich ihre Mutter die Ohren zugehalten habe, weil sie an den Krieg erinnert wurde, habe sie sich über die Soldaten gefreut, die von den Geschütztürmen winkten. Das Buch über die Zeit der US-amerikanischen Besatzung würde zum Geschichtenerzählen und zur Spurensuche einladen.

Scott Robinson (Botschaft der USA), Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) und Museumsdirektor Bernd von Kostka (von links) bei der Buchpräsentation Foto: Boris Buchholz
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Für Bernd von Kostka, dem kommissarische Direktor des Museums, wurde mit dem Projekt eine zweifache Verpflichtung erfüllt: Zum einen gelte es, die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung zu behalten. Zum anderen sei er vom Bezirk gefragt worden, was das Museum den Menschen im Südwesten hinterlasse, „wenn ihr irgendwann in vielen, vielen Jahren nach Tempelhof umzieht“. Er resümiert: „Etwas zu hinterlassen, das ist uns gelungen.“ Robinson, der stellvertretende US-Kulturattaché, ergänzt: „Es ist besonders schön zu sehen, dass die Spuren der amerikanischen Präsenz auch digital sichtbar gemacht werden, um viele junge Menschen zu erreichen.“

Touristen in die Bezirke locken

Finanziert wurde das Projekt über die Einnahmen aus der City Tax; 2016 hatten alle Bezirke aus diesem Topf einen Betrag von jeweils 40000 Euro für touristische Maßnahmen erhalten. Das Geld floss in Steglitz-Zehlendorf komplett in Buch und Internetseite. „Für uns ist wichtig, dass die Bezirke Initiativen ergreifen, um touristische Produkte zu entwickeln, Attraktionen wieder aufzupolieren und im Gespräch zu halten“, erklärte Gerhard Buchholz von visitBerlin. Den Hauptstadtouristikern gehe es darum, nicht nur Ziele in der Innenstadt zu bewerben, sondern die Menschen in die Bezirke zu locken: „Es ist unsere Aufgabe, die Gäste an Orte zu führen, die man normalerweise nicht auf der Einkaufsliste hat.“

Das kleine AlliiertenMuseum mit seinen sieben Beschäftigten schafft es, mit den großen Museen in Mitte mitzuhalten – von den 70000 Menschen, die das Museum jedes Jahr besuchen, sind etwa 10000 Urlauber, die eine Kreuzfahrt durch die Ostsee machen und von Rostock für einen Tagesausflug nach Berlin kommen. Bernd von Kostka: „Sie gehen zu den großen Playern – und kommen dann zu uns.“ Die meisten dieser Besucher seien Amerikaner, die Zeit der alliierten Präsenz in Berlin sei für sie oft ein Familienthema. „Irgendjemand aus der Familie – ein Vater, ein Onkel – war immer in Germany stationiert gewesen und erzählte zuhause von dieser Zeit, von ‚German Gemütlichkeit’ und ‚german Fräuleins’“, erklärte der Museumsdirektor.

Zeitzeugen nicht eingebunden

Doch ist die Präsenz von Amerikanern in der Stadt kein Thema allein der Vergangenheit. Die Zeitzeugin Eve Krüger, die bis 1994 im Public Affairs Office der Berlin Brigade arbeitete, betonte, dass „viele Amerikaner in der Stadt leben und sehr präsent“ seien. Sie bedauerte, dass man zum Beispiel am Truman Plaza nicht mehr erkenne, was das einmal für ein besonderer Ort gewesen sei. In eine Schule sei sie noch nie eingeladen worden, um über die Zeit nach dem Krieg und vor dem Mauerfall zu berichten. „Ich finde es wichtig, dass man die Zeitzeugen, die es heute noch gibt, auch befragt“, sagte sie.

Die Zeitzeugin Eve Krüger Foto: Boris Buchholz
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Bisher werden auf der mobilen Website noch keine Zeitzeugenberichte angeboten. Doch sei das eine gute Idee, sagte Projektleiter Arno Helwig vom AlliertenMuseum. Das Projekt sei so konzipiert, dass in der Zukunft online neue Orte hinzukommen und neue Materialen ergänzt werden könnten.

Das Buch „Die Amerikaner im geteilten Berlin. Spurensuche im Südwesten der Stadt“ ist im Christoph Links Verlag erschienen und kostet fünf Euro. Eine englische Ausgabe soll in drei Wochen vorliegen. Die mobile Website, bisher ist sie nur auf Deutsch verfügbar, finden Sie unter www.amerikaner-in-berlin.de.

Das Buch: "Amerikaner im geteilten Berlin" Foto: Boris Buchholz
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