Improvisierter Unterricht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Berliner Schüler die Schule verlässt, ohne jemals bei einem Fachlehrer rechnen gelernt zu haben. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Berliner Lehrermangel Eine ganze Schulzeit ohne Mathelehrer? Denkbar!

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Neue Zahlen: In Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften werden 50 bis 70 Prozent des Grundschulunterrichts fachfremd erteilt.

Berlin wird seinen bundesweiten Schlussplatz beim Rechnen und Schreiben so bald nicht verlieren. Für diese negative Aussicht sprechen jedenfalls die aktuellen Zahlen über fehlendes Fachpersonal an Grundschulen: 70 Prozent des Mathematikunterrichts und 55 Prozent des Deutschunterrichts wird von Lehrern erteilt, die das Fach nicht studiert haben. Ähnliche Relationen betreffen auch die Naturwissenschaften, Musik und Kunst. Dies geht aus den Antworten auf eine Anfrage der Abgeordneten Marianne Burkert-Eulitz (Grüne) hervor.

900 von 5300 Lehrern vom Fach

Die Schulen haben keine andere Wahl, als den Unterricht fachfremd erteilen zu lassen. So haben von den 6300 Lehrern, die Deutsch erteilen, nur 2600 das Fach studiert. In Mathematik sind es nur 1365 von 5400. Noch eklatanter ist die Differenz bei den Naturwissenschaften: Hier kommen auf 5300 eingesetzte Lehrer nur 900, die „fachgerecht“ unterrichten.

Der verheerende Befund ist nicht etwa der aktuellen Quereinsteigerproblematik geschuldet. Denn die Quereinsteiger machten im Schuljahr 2015/16, aus dem die Zahlen stammen, nur einen Bruchteil des Grundschulpersonals aus. Zudem hat sich das Ausmaß des Fachlehrermangels in den vergangenen fünf Jahren kaum verändert – was auch für die schwachen Berliner Ergebnisse beim Rechnen und Schreiben gilt. Beides zusammengenommen war denn auch der Grund dafür, dass die Ausbildung der Berliner Grundschullehrer reformiert wurde: Deutsch und Mathematik müssen seit 2014/15 obligatorisch studiert werden.

Nicht fachgerechte Unterrichtsstunden in Berliner Grundschulunterricht. Quelle: Senatsverwaltung für Bildung, Grafik:Schilli/TSP
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Ab 2014/15 wurde das Studium reformiert

Die reformierten Absolventen Die ersten Absolventen dieses reformierten Studiums haben allerdings noch nicht ihre Ausbildung beendet, sodass in den Schulen der Fortschritt noch nicht angekommen sein kann. Zudem gibt es seit einigen Jahren zu wenige Absolventen, weil die Bildungsverwaltung nicht darauf geachtet hat, dass die Universitäten genügend Grundschullehrer ausbilden – was wiederum dazu geführt hat, dass in Berlin in diesem Jahr 53 Prozent der neu eingestellten Grundschullehrer Quereinsteiger waren. Somit ist so schnell keine Besserung bei der Fachlichkeit der Grundschullehrer in Sicht und daher auch nicht in Bezug auf die Platzierung Berlins bei Leistungsvergleichen. Anders gesagt: Ein hoher Prozentsatz der Berliner Kinder verlässt die sechsjährige Grundschule mit so geringen Kompetenzen, dass die verbleibenden vier Jahre auf der Oberschule nicht reichen, um einen Schulabschluss zu schaffen.

Auch an den Sekundarschulen fehlen Fachlehrer

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es um die Fachlichkeit der Oberschullehrer besser bestellt ist: An den Gymnasien liegt der Anteil der Unterrichtsstunden, die nicht von Fachlehrern erteilt werden, bei um die zwei Prozent. An den Sekundarschulen allerdings klaffen größere Lücken: Fast 30 Prozent der Mathematikstunden werden nicht fachgerecht unterrichtet. In Deutsch und Englisch ist es immerhin auch noch jede fünfte Stunde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Berliner Schüler die Schule verlässt, ohne je bei einem Fachlehrer rechnen gelernt zu haben, ist nicht gering.

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