Die Rummelsburger Bucht mit Blick auf Alt-Stralau. Foto: Kitty Kleist-Heinrichp

Berlin-Lichtenberg Wasserstraßenamt warnt vor dauerhaftem Aufenthalt auf dem Rummelsburger See

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Im Rummelsburger See ist wohl nicht nur das Schwimmen, sondern auch das Wohnen auf dem Wasser gesundheitsgefährdend. Die Grünen sagen, Bürger seien vorsätzlich angelogen worden.

Endlich ist Sommer in Berlin! Und Sommerzeit heißt Badezeit. Berlin hat viele wunderschöne Seen, in denen man sich abkühlen kann. Der Rummelsburger See zählt leider nicht dazu. Einige Anwohner nennen den See schlicht "Giftloch". Eine Studie der Freien Universität Berlin ergab bereits im letzten Jahr, dass der See extrem mit Giftstoffen belastet ist. Die Experten der Universität hatten das 45 Hektar große und anderthalb Kilometer lange Gewässer zwischen Rummelsburg und der Stralauer Halbinsel ein Jahr lang akribisch an rund 20 Messstellen untersucht. In dem Gutachten heißt es, die Sedimente des Sees seien „immer noch extrem hoch und flächenhaft belastet mit Schwermetallen und organischen Schadstoffen."

Blei, Cadmium, Kupfer, Zinn oder Quecksilber – überall würden Grenzwerte überschritten. An einigen Stellen werde der sogenannte Consensus 2 um das Sechsfache übertroffen. Oberhalb des einfachen Grenzwerts sei ein toxischer Effekt zu erwarten. Baden sollte dort niemand. Einige springen jedoch ins Wasser, auch schon in diesem Jahr.

Auf Internetseiten wird der See als Badegewässer angepriesen

Die Studie ist mehr als ein Jahr alt. Wie nun bekannt wurde, scheint nicht nur der Kontakt mit dem Wasser, sondern auch der „dauerhafte Aufenthalt“ darauf gesundheitsgefährdend zu sein. In einem Schreiben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Berlins heißt es: „Im Falle, dass sich Menschen dauerhaft auf dem Wasser des Rummelburger Sees aufhalten, ist ein erhebliches gesundheitliches Risiko aufgrund der Belastung der dortigen Sedimente und der möglichen Mobilisierung der voran genannten Schadstoffe in die Wasserkörper und die Luft nicht auszuschließen.“ Das Schreiben wurde lediglich intern an die Boots- und Segelvereine des Sees geschickt – und liegt dem Tagesspiegel vor.

Dass man in dem Rummelsburger See nicht baden gehen sollte, sei bekannt, erzählt ein Sprecher der „Interessengemeinschaft Eigentümer in der Rummelsburger Bucht“ telefonisch auf Nachfrage. Man würde ja auch nicht in der Spree baden gehen. Verbotsschilder aufzustellen oder ein offizielles Verbot auszusprechen, erachte man daher als nicht notwendig, so der Sprecher. Das Schwimmen in der Spree sei ja bekanntlich ebenfalls verboten. Anwohner wüssten, dass Schwimmen gesundheitsgefährdend sein kann. Auf der Website der Interessengemeinschaft wird mit keinem Wort erwähnt, dass das Schwimmen gefährlich sein könnte.

Kinder können Segelkurse absolvieren

Stattdessen werden auf der Website schöne Bilder von Bootsausflügen gezeigt. Die Interessengemeinschaft gibt an, das Image des Sees verbessern zu wollen und eng mit der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt sowie den Bezirken Lichtenberg und Friedrichshain-Kreuzberg zusammenzuarbeiten. Auch auf anderen Seiten wie z. B. www.seen.de wird der Rummelsburger See als Erholungsgebiet angepriesen. So heißt es auf der Website, die das erste Ergebnis ist, wenn man nach „Badeseen in Lichtenberg“ googelt: „Baden in Lichtenberg: Der Rummelsburger See lockt die Einwohner des Berliner Stadtteils bei heißen Temperaturen ans kühle Nass.“ Abgesehen vom Baden wird der Bootsverleih nicht nur an Wochenenden stark genutzt.

Die „Liebesinsel“ ist zudem Ziel vieler Touristen und wird in Reiseführern erwähnt. Auch Segelkurse kann man auf dem Rummelsburger See absolvieren, Kursangebote gibt es auch für Kinder. Dass diese dabei ins Wasser fallen, lässt sich eigentlich kaum vermeiden.

Stadtrat: Sanierung würde bis zu 20 Millionen Euro kosten

Das Bezirksamt Lichtenberg schiebt die Verantwortung an die Stadt weiter. Auch in der BVV-Sitzung am Donnerstag war die Schadstoffbelastung ein Thema. Niemand möchte für den See verantwortlich sein. Die Senatsverwaltung für Umweltschutz sei zuständig, hieß es, und der Bezirk könne nichts tun. Eine „Sanierung“ würde bis zu 20 Millionen Euro kosten, sagte Wilfried Nünthel (CDU), Bezirksstadtrat für Umwelt. Die Lichtenberger Grünen fragten daraufhin, warum man dann eine Sanierung nicht endlich angehen würde.

Viele andere Lokalpolitiker halten den Betrag von 20 Millionen für viel zu niedrig angesetzt. Auf Nachfrage sagte Nünthel am Dienstag, es handele sich dabei lediglich um eine "Schätzung von dritter Seite, die mir im Rahmen einer Debatte begegnet ist. Inwieweit das zutreffend ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Mir schien die Zahl auch sehr optimistisch." Eine seriöse Einschätzung der Kosten einer Sanierung könne es schon deswegen nicht geben, weil eine Entschlammung zu keiner Zeit ernsthaft erwogen wurde. "Die Untersuchungen und Prüfungen der Senatsverwaltung für Umwelt laufen darauf hinaus, alternative Lösungen zu entwickeln, die Eingriffe in den Untergrund vermeiden."

Der See gehört dem Bund

Klar ist: Der See selbst gehört dem Bund. Dem Straßen- und Grünflächenamt wiederum gehören die öffentlichen Flächen am Ufer. Wenn jemand dauerhaft ankern möchte, ist der Fachbereich für Bau- und Wohnaufsicht zuständig. Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke) hat selbst mal in der Nähe des Sees gewohnt und sagte auf Nachfrage am Freitag: er würde weder in dem See baden, noch den Fisch essen. „Ich halte eine Sanierung für geboten und sehe den Eigentümer in der Pflicht.“

In dem Warnhinweis des Wasserstraßenamtes an die Bootsverleihe heißt es weiter, bei weiteren Fragen zur Gesundheitsgefahr solle man sich an die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz des Landes Berlins, kurz „Wasserbehörde“, wenden. Diese teilte auf Nachfrage mit, dass man „als Umweltverwaltung zu gesundheitlichen Auswirkungen nicht seriös Stellung nehmen“ könne. Das Problem sei seit Jahren bekannt. „Schon aus Vorsorgegründen muss man mit der Gefahr durch die Sedimente sehr vorsichtig umgehen“, sagte ein Sprecher.

Die Folgen der Belastung – ein Cocktail giftiger Schwermetalle durch einstige Industrie – seien „komplex“, Auswirkungen auf das Wohnumfeld an den Ufern seien jedoch unwahrscheinlich. Auf dem Wasser wolle man lieber nichts bauen, da Arbeiten den giftigen Boden aufwühlen könnten. Trotzdem solle der See für alle Bürger zugänglich gehalten werden.

Derzeit testet die Wasserbehörde, den Schlamm mit "Matratzen" abzudecken. Das sind die "alternativen Lösungen", die Stadtrat Nünthel ansprach. Dies sei der aktuelle Ansatzpunkt, um eine Möglichkeit zu entwickeln, den Seeboden vor Aufwirbelungen zu schützen und damit das Wasser der Rummelsburger Bucht vor weiteren Belastungen zu bewahren. Die Wirkung dieses Ansatzes müsse über einen längeren Zeitraum - Nünthel zufolge "mehrere Jahre" - beobachtet werden, "um einschätzen zu können, inwieweit dieser Weg tatsächlich erfolgreich sein kann."

Bau von Hausbooten wurde verboten

Die Warnmeldung zum dauerhaften Aufenthalt auf dem Wasser, die das Wasserstraßenamt nun rausgeschickt hat beruft sich auf eine Urteilsbegründung zum Verbot von sogenannten „Floating Homes“ auf dem See, wie das Amt auf Nachfrage erzählt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte bereits vor einigen Jahren den Bau von schwimmenden Häusern in der Bucht verboten. Ende letzten Jahres wurde eine Klage gegen den Beschluss vom Gericht abgelehnt. Dem toxischen Zustand des Sees zum Trotz gibt es immer mal wieder Versuche, auf dem See zu wohnen, Hausboote zu errichten. Erst kürzlich ist das sogenannte Lummerland abgebrannt, eine Art schwimmende Wagenburg. Die Polizei ermittelt weiterhin wegen schwerer Brandstiftung. 

Zudem wird es auch in diesem Jahr wieder Ferien-Hausboote auf dem Wasser geben und auch das ehemalige Jugendschiff „Freibeuter“ ankert in der Rummelsburger Bucht. Dies wurde erst im März dieses Jahres von dem Verein „Spreewohnen e. G.“ gekauft. Die Gesellschaft plant, auf dem Kahn ein „alternatives Daseinskonzept“ zu errichten. Jedoch nicht in der Rummelsburger Bucht, denn dort darf das Schiff nach dem Beschluss des Gerichts nicht bleiben. Wohin es für das Schiff geht, darauf gibt es aktuell keine Antwort.

Grüne zum Giftloch: Wir wurden vorsätzlich angelogen

Die Vorsitzende der Lichtenberger Grünen, Camilla Schuler, wohnt ebenfalls am Rummelsburger See. Baden war sie dort noch nie, wegziehen ist für die derzeit allerdings auch keine Option. In einem Artikel aus dem Jahre 2011 erzählt sie von ihrem Leben am Wasser, scheinbar zufrieden. Während bei der BVV-Sitzung am Donnerstag zitierte sie aus dem Schreiben des Wasserstraßenamtes, das auch ihr zugespielt worden sei. Das Bezirksamt zeigte sich erstaunt und bat um die Weiterleitung des Schreibens. Schuler sicherte zu, den Brief zur Verfügung zu stellen. Auf Nachfrage erhebt sie schwere Vorwürfe: „Wir wurden angelogen und das ganz offensichtlich vorsätzlich!“

Bereits beim Runden Tisch Rummelsburg sei immer wieder die Forderung laut geworden, die Verantwortung für den See vom Bund auf das Land zu übertragen. Besonders Vertreter der Wasserschifffahrtsbehörde hätten sich beim Runden Tisch abfällig geäußert, indem sie mehrfach betont hätten, dass von ihrer Seite keine Gefahr bzw. Nutzungsvergehen zu erkennen seien. „Anstatt die Forcierung der Sanierungsmaßnahmen voranzutreiben, anstatt sich mit dem Thema Fahrgastschifffahrt auseinanderzusetzen, anstatt eine gemeinsame Lösung mit den so genannten Dauerankern zu erzielen wurden jetzt Nutzer*innen am und auf den Rummelsburger See in Panik versetzt.“

Grüne veranstalten Bootstour auf dem Giftloch

Ein Antrag der Grünen, den See zum Landschaftsschutzgebiet zu ernennen, wurde abgelehnt. Schuler fordert nun „ein sofortiges gemeinsames Handeln seitens Bund, Land und Bezirk. Ein Aussitzen ist jetzt nicht mehr möglich!“

Viele der Lichtenberger Grüne haben unterdessen an einem Bootsausflug auf dem See teilgenommen. „Coal & Boat – Bootsdemonstration auf der Rummelsburger Bucht“ fand am Sonntag statt und wurde von „Robin Wood“ organisiert. Der Grund: Die Abschaltung des Braunkohleblocks im Heizkraftwerk Klingenberg. Auf die Frage, ob man sich bei dem Ausflug nicht um die Gesundheit sorge, sagte die Grünen-Politikerin Hannah Neumann: „Mit dem Rad an der Ampel hinter einem Brummi stehen ist wohl auch ziemlich gesundheitsschädigend – angehen müssen wir natürlich beides.“

Der Vorsitzende der Lichtenberger SPD, Kevin Hönicke kritisierte die Grünen für ihren Ausflug: Denn die Grünen seien doch eigentlich gegen Bootsanleger an dem See und würden durch die Demo den Schlamm im See aufwühlen, schrieb Hönicke auf Twitter. Die Grünen-Politikerinnen und Politiker twitterten zurück, man sei mit dem Kajak und Solarbooten unterwegs. Hönicke meinte daraufhin, auch diese würden den Boden des Sees aufwühlen.

Die Lichtenberger Grünen und deren stellvertretende Fraktionsvorsitzende Daniela Ehlers gaben an, ihre Kinder auf einen Ausflug auf dem Rummelsburger See mitzunehmen. Nur das Baden würden sie den Kleinen untersagen. Auf eine Rückfrage, ob sich die Kinder dann mit dem Wasser nass spritzen dürften, antwortete Ehlers mit „Ne!“ und der Grünen-Account mit „Nicht mehr als nötig ;)“. Auch Hönicke würde seine Kinder mit auf eine Bootstour auf dem See nehmen aber sie nicht baden lassen.

See soll Promenade mit "Schwimmpontons" bekommen

Ungeachtet der Vergiftung des Sees gibt es Pläne für eine Promenade an der Rummelsburger Bucht. Wie die „Berliner-Woche“ berichtet, soll „laut aktuellem Plan eine 17 Meter breite Promenade entstehen, die direkt ans Ufer des Rummelsburger Sees führt.“ Ein Entwurf des Berliner Architektenteams „hochC“: „Orientierung finden die Fußgänger entlang der Promenade durch ein mäanderndes Motiv: Wie eine Flussschlinge ziehen sich kleine Wasserbuchten und Grünflächen entlang der Promenade. Am Ufer erwarten die Flaneure dann Schwimmpontons. Ziel sei, ‚die in Berlin wenig gegebene Chance zu nutzen, möglichst nah ans Wasser zu kommen, so die Architekten.“

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