Gib mir eine Aufgabe: Was für deutsche Kinder normal oder lästig ist, danach sehnen sich Flüchtlingskinder: Schulalltag. Foto: picture alliance/ dpa
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Berlin-Lichtenberg Schul-Unterricht für Flüchtlinge in Fabriketage

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In einem Flüchtlingsheim in Lichtenberg warten Kinder seit Monaten darauf, dass sie zur Schule gehen können. Jetzt wurde eine Notlösung gefunden: Sie sollen sie in einer Fabriketage unterrichtet werden. Zufrieden aber ist damit niemand.

Sie würden gern in die Schule gehen, aber seit Monaten warten sie vergeblich darauf: Für rund 60 Kinder und Jugendliche aus einer Flüchtlingsunterkunft in Lichtenberg gibt es derzeit keine Schulplätze. Teilweise wohnen sie schon seit Oktober vergangenen Jahres in dem Heim an der Herzbergstraße. Jetzt will die Schulaufsicht zu einer Notlösung greifen und die Kinder direkt vor Ort unterrichten lassen. Es wäre das erste Mal, dass Flüchtlingskinder nicht an regulären Schulen untergebracht würden.

An den umliegenden Schulen gibt es nach Auskunft der Bildungsverwaltung nicht genügend Räume, um die Schüler aufzunehmen. Deshalb wurden jetzt in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsunterkunft sieben Unterrichtsräume in einer Fabriketage angemietet. Da nun Fragen des Brandschutzes geklärt seien, könne nach den Winterferien am 9. Februar der Unterricht beginnen, teilte die Lichtenberger Schulstadträtin Kerstin Beurich (SPD) mit.

Zufrieden ist mit dieser Lösung niemand. Kinder aus Flüchtlingsunterkünften sollten so schnell wie möglich integriert werden und ein Stück Normalität kennenlernen, da sind sich die Bildungspolitiker und -praktiker einig. Dass Kinder an schulischen Angeboten wie Arbeitsgemeinschaften, dem Mittagessen oder ergänzender Hortbetreuung teilnehmen könnten, trage zur Integration bei und sei in der Unterkunft nicht umzusetzen, sagte eine Sprecherin der Bildungsverwaltung.

Viele Schulen sind am Rande ihrer Möglichkeiten

In der Regel werden Flüchtlingskinder in sogenannten Willkommensklassen unterrichtet – oder, wie es offiziell heißt, in „Lerngruppen für Neuzugänge ohne Deutschkenntnisse“. In diesen Gruppen sollen höchstens zwölf Kinder unterrichtet werden, nach spätestens einem Jahr sollen sie in Regelklassen integriert werden. Seit 2012 habe sich die Belegung dieser Lerngruppen verdoppelt, teilte die Bildungsverwaltung mit. Viele Schulen berichten, dass sie am Rande ihrer Möglichkeiten seien – vor allem, was den Platzbedarf angeht.

„Es gab keine vorausschauende Planung“, sagt Linkspartei-Bildungspolitikerin Regina Kittler und meint damit die Situation in Lichtenberg, aber auch den Umgang mit schulpflichtigen Flüchtlingskindern allgemein. Sie erzählt von einer Familie aus Afghanistan, die in dem Heim lebt. Auch deshalb, weil seine Töchter in Afghanistan nicht zur Schule gehen konnten, sei er geflohen, habe der Vater erzählt. Jetzt warten sie hier auf einen Schulplatz.

Bei dem Heim in der Herzbergstraße handelt es sich um eine Erstaufnahme-Einrichtung, in der die Flüchtlinge höchstens drei Monate wohnen sollen. Danach werden sie auf freie Dauerunterkünfte oder Wohnungen in den Bezirken verteilt. Schon bald also müssen sich die Kinder wieder auf eine neue schulische Umgebung einstellen.

Lichtenberg boomt, die Schülerzahlen steigen immens

Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Schließlich gilt die Schulpflicht auch für Asylsuchende. Unbestritten ist, dass Lichtenberg schon überdurchschnittlich viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Nach aktuellen Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso) leben im Bezirk 1853 Flüchtlinge, der Bezirk rangiert damit vor Spandau und Mitte an erster Stelle. Insgesamt zählt das Lageso in Berlin 13 430 Flüchtlinge in 57 Unterkünften (Stand 20.1.). Und die Schulen des Bezirks sind ohnehin ausgelastet.

Lichtenberg boomt, die Schülerzahlen steigen durch Zuzüge und Geburten immens. In den vergangenen zwei Jahren seien bereits 1000 Schulplätze für Flüchtlinge geschaffen worden, sagt Stadträtin Beurich. Zudem habe sie sechs Schulen neu eröffnet. „Man hätte die Kinder auch mit Schulbussen in andere Bezirke fahren können“, kritisiert Kittler. Eine solche Idee habe niemand ins Gespräch gebracht, sagt Beurich dazu.

Es scheint ohnehin nicht alles rund zu laufen in der Abstimmung zwischen dem Lageso, das die Flüchtlinge auf die verschiedenen Unterkünfte verteilt, den Bezirksämtern, die für die Schulplätze zuständig sind, und der Senatsschulverwaltung, die für die Lehrer verantwortlich ist. Die Schulverwaltung sei vom Lageso sehr kurzfristig informiert worden. Ob es in der Umgebung genügend Schulplätze gebe, scheine für das Amt kein entscheidender Faktor zu sein, sagt Kittler. „Erste Priorität hat für uns, die Flüchtlinge vor Obdachlosigkeit zu bewahren“, sagt eine Sprecherin des Lageso. Allerdings betont sie, dass es durchaus eine Abstimmung mit den Bezirksämtern gebe.

Es gibt Schulen, in denen Flüchtlinge separiert werden

Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Stefanie Remlinger, fordert, dass die Senatsverwaltung die Standorte von Unterkünften und die steigenden Flüchtlingszahlen in ihrer Schulentwicklungsplanung berücksichtigt. Zudem müsse das Konzept der Willkommensklassen überarbeitet werden. Bisher werden die ganz unterschiedlich organisiert.

Manche Schulen versuchen, die Kinder möglichst früh mit den Regelschülern zusammenzubringen, etwa in Fächern wie Musik oder Sport. Daneben gebe es aber auch Schulen, in denen die Flüchtlinge separiert würden – mit unterschiedlichen Pausenzeiten oder in anderen Gebäuden. Davon berichtet auch der Landesschülerausschuss. Solche Fällen müsse die Schulaufsicht sofort unterbinden, fordert Remlinger.

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