Parteichef Cem Özdemir nach seiner Rede auf dem Grünen-Parteitag am 25.11.2017 in Berlin. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Bündnis 90/Die Grünen Cem Özdemir - vom Spitzenkandidaten zum Hinterbänkler?

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Minister wird er nicht, Parteichef will er nicht bleiben und der Griff nach dem Fraktionsvorsitz bedeutet Ärger. Der beliebteste Grüne steckt in einem Dilemma.

Sieht so etwa Scheitern aus? Es ist zwölf Tage her, dass die FDP die Jamaika-Gespräche abgebrochen hat. Cem Özdemir sitzt bei einem Italiener in der Nähe der Parteizentrale. Der Grünen-Chef hat sich Zeit genommen, bei einem Mittagessen über seine politische Zukunft zu reden. Noch vor zwei Wochen dachte man, der Sohn türkischer Gastarbeiter werde der nächste Außen- oder Umweltminister. Doch nun ist wieder völlig offen, welche Rolle der 51-Jährige künftig in der Politik spielen wird.

Es läge nahe, den bekanntesten Politiker zum Fraktionschef wählen

Den Parteivorsitz will er nach neun Jahren abgeben. Es läge nahe, dass die Grünen ihren bekanntesten Politiker und stärksten Redner zum Fraktionschef wählen. Doch das komplizierte Machtgefüge der Grünen könnte dafür sorgen, dass er am Ende leer ausgeht.

Für Özdemir hätte es die Erfüllung eines politischen Lebenstraums werden können: der Sohn türkischer Einwanderer, der es nicht nur bis zum Vorsitzenden einer deutschen Partei schafft, sondern diese auch in die Regierung führt. 1994 wurde Özdemir als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag gewählt. Sein verstorbener Vater kam Anfang der 60er Jahre mit einem Koffer und ein paar Worten Deutsch nach Deutschland, seine Mutter betreibt noch heute im Schwäbischen eine Änderungsschneiderei. Wenn Özdemir von seiner Herkunft erzählt, hört man ihm den Stolz auf das Erreichte an.

Ist es nicht tragisch, dass einer, der es so weit geschafft hat, nun womöglich vor dem Ende seiner politischen Karriere steht? Özdemirs Stimme klingt heiser, Wahlkampf und Sondierung sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wie nahe ihm das Jamaika-Aus gegangen ist, kann man nur erahnen. Für jemanden, dessen Traum vom Regieren so jäh geplatzt ist, klingt er erstaunlich abgeklärt. „Natürlich ärgert es mich, dass Jamaika nicht zustande gekommen ist“, sagt Özdemir. Aus seiner Sicht hätte eine solche Regierung dem Land gutgetan. Aber er will nun nicht mehr zurückschauen, das sei „vergossene Milch“.

Der Grünen-Chef hat gelernt, mit Rückschlägen umzugehen

Vielleicht hilft ihm, dass er gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen. Als er 2002 wegen eines umstrittenen Privatkredits unter Druck geriet, verzichtete er auf eine Kandidatur für den Bundestag und ging in die USA. Später gelang ihm das Comeback im Europaparlament und in der Bundespolitik. In seiner Partei musste er sich alles erkämpfen: Für die Bundestagswahl 2009 verwehrte ihm sein Landesverband einen sicheren Listenplatz, obwohl er designierter Parteichef war. In der Urwahl setzte er sich nur mit 75 Stimmen Vorsprung als Spitzenkandidat gegen den Kieler Umweltminister Robert Habeck durch.

Nun muss Özdemir sich womöglich auf vier weitere Jahre Opposition gegen eine große Koalition einstellen. Opposition, das bedeutet auch, dass weniger Spitzenämter zu vergeben sind. Das Gerangel um Posten geht schon los. Die bisherigen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter haben ihren Anspruch bereits angemeldet. Geht es nach dem üblichen grünen Flügel- und Geschlechterproporz, stehen ihre Chancen nicht schlecht. Realo-Frau, linksgrüner Mann – alles sorgsam austariert.

Der Realo Özdemir hätte nur dann eine Chance, wenn er seiner Co-Spitzenkandidatin den Platz streitig machen würde. Es wäre aber nicht damit getan, dass er Göring-Eckardt verdrängt. Da bei den Grünen undenkbar ist, dass zwei Männer die Fraktion führen, müsste er sich eine Verbündete im linken Flügel suchen, die bereit wäre, den bisherigen Fraktionschef Hofreiter zu stürzen. Würde Özdemir eine Kampfkandidatur anmelden, wäre es mit der Geschlossenheit aus dem Wahlkampf ganz schnell vorbei. Eine drohende Spaltung, das ist allen Beteiligten klar, würde den Grünen schaden.

Nach neun Jahren will Özdemir den Parteivorsitz abgeben

Ein Dilemma, aus dem keiner so recht einen Ausweg weiß. Mit der Wahl der beiden Vorsitzenden will die Fraktion sich daher etwas mehr Zeit lassen, erst in der zweiten Januarwoche soll entschieden werden.

Özdemir selbst meldet keine Ambitionen an. „Wie ich Partei und Fraktion am besten helfen kann, das fortzuführen, was wir uns gerade in den letzten Monaten mit leidenschaftlicher Ernsthaftigkeit erarbeitet haben, das müssen andere entscheiden“, sagt er. Als Parteichef will er nicht noch einmal antreten, dabei bleibt es. Er sei der am längsten amtierende Grünen-Vorsitzende, man dürfe nicht den Zeitpunkt verpassen, den Stab weiterzureichen. „Da bin ich ganz im Reinen mit mir“, sagt er beim Mittagessen. Über Weihnachten will er anfangen, sein Büro in der Bundesgeschäftsstelle auszuräumen. Ende Januar steht die Wahl der neuen Parteispitze an, Özdemir hätte als Nachfolger gerne Robert Habeck.

Özdemir als Hinterbänkler? Eine seltsame Vorstellung

Hinter den Kulissen rumort es bereits. Etliche Bundestagsabgeordnete finden die Vorstellung seltsam, Özdemir könnte als Hinterbänkler enden. Den Grünen-Wahlkampf hat er dominiert, gerade erst hat Allensbach ihm bescheinigt, dass er mit seinen Popularitätswerten nur knapp hinter der Kanzlerin liegt. „Wie sollen wir nach außen erklären, dass die Grünen ihren bekanntesten Politiker nicht in die erste Reihe stellen?“, fragt eine Abgeordnete. Beim Realo-Treffen vor dem Parteitag regte Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir an, die Fraktion solle Özdemir zum Vorsitzenden wählen. In dieser politischen Situation sollten die Grünen die Besten nach vorne stellen, sagte er laut Teilnehmern. Bei einer Klausur an diesem Mittwoch wollen die Realos beraten, wie es weitergehen soll. Dass die Causa Özdemir angesprochen wird, davon ist auszugehen.

Die Grünen wissen schließlich auch, was es bedeutet, als kleinste Fraktion im Bundestag gegen die große Koalition opponieren zu müssen, eingezwängt zwischen AfD, FDP und Linkspartei. Es werde einen „Überbietungswettbewerb des Populismus von links und von rechtsaußen“ geben, prognostizierte Özdemir vor Kurzem beim Parteitag. Da werde es „ganz zentral“ auf die Grünen ankommen. Was er nicht ausspricht: Es wird auch darauf ankommen, ob die Grünen mit ihren Botschaften vorkommen. Und das hängt nicht zuletzt davon ab, wer im Bundestag am Rednerpult stehen wird.

"Ich bin noch nicht fertig", sagt Özdemir

In den letzten Tagen hat der Grünen-Chef Zeit zum Nachdenken gehabt. Eigentlich hatte er gehofft, jetzt schon in Koalitionsverhandlungen zu sein. Doch auch wenn es dazu nicht mehr gekommen ist, sieht Özdemir die positiven Seiten der letzten Wochen: Die Grünen hätten sich geschlossen gezeigt, dem Sondierungsteam habe man einen guten Job bescheinigt und es sei nun auch allseits klar, dass die Grünen eine eigenständige Partei seien, die sowohl mit SPD als auch Union für Umweltschutz und Gerechtigkeit verhandeln könne. Aber auch für ihn persönlich bleibe etwas, was ihm niemand mehr nehmen könne: „Es trägt zur Normalität unserer Einwanderergesellschaft bei, wenn jemand mit meiner Herkunft über die Zukunft der Republik verhandelt“, sagt Özdemir.

Mit der Politik hat er jedenfalls noch nicht abgeschlossen: „Ich bin noch nicht fertig“, sagt er. Sollte es zu Neuwahlen kommen, wäre Özdemir wieder Spitzenkandidat. Dann ginge alles von vorne los.

Dieser Text erschien in der "Agenda" vom 5. Dezember 2017 - einer Publikation des Tagesspiegels, die dienstags erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie jeweils bereits am Montagabend im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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