Seit 1980 in Betrieb: Das Kernkraftwerk Tricastin bei Avignon. Foto: Caro / Bastian
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Zur Klimakonferenz in Glasgow Wie grün ist das Atom?

Frankreich will seine Kernkraft wieder massiv ausbauen. Fast alle Parteien im Land sind dafür, auch wenn die Zweifel größer werden.

Frankreich besinnt sich wieder auf seine nukleare Vergangenheit. Präsident Emmanuel Macron kündigte Mitte Oktober an, dass er neue, kleine Atomkraftwerke parallel zum Ausbau erneuerbarer Energien errichten lassen will. Das ist sogar Wahlkampfthema für die Präsidentschaftswahl im kommenden April geworden – in Zeiten, in denen die Energiepreise immer weiter steigen. Macron hat noch nicht offiziell erklärt, dass er nochmal antreten will, aber niemand zweifelt daran.

Macron will Minireaktoren (Small Modular Reactors, SMR) bauen lassen. Er hat ein 30 Milliarden schweres Investitionspaket bis 2030 zum Ausbau der Industrie vorgestellt, von dem mit einer Milliarden Euro auch die zivile Nuklearenergie profitieren soll. Die kleinen Atomkraftwerke seien viel sicherer und produzierten weniger Müll, so Macron. Gleichzeitig soll der Wasserkraftstoff ausgebaut werden. In Frankreich sind zahlreiche Atomkraftwerke in die Jahre gekommen und auch deshalb soll erneuert werden.

Kleine Reaktoren produzieren zehnmal weniger Energie

Kritiker der Atomstrategie sind der Ansicht, dass der Ausbau von Kernenergie die Förderung von erneuerbarer Energie wie Wasser- und Windkraft behindern würde. Das Problem der SMR ist, dass sie noch nicht produktionsreif sind und sehr viel weniger Energie im Vergleich zu herkömmlichen Atomkraftwerken erzeugen. Sie sind zehnmal kleiner und produzieren zehnmal weniger Energie. Die Fragen nach den Risiken und der Entsorgung von Atommüll bleiben unbeantwortet.

Macron fährt eine Strategie, um niemanden zu verprellen, weder Industrie noch die Umweltschützer. Dabei geht es um den Kampf gegen Klimawandel, aber auch um die französische Industrie, in der Atomkraft eine große Rolle spielt. In Frankreich ist man überzeugt, dass sie ein wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel ist. „Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat Atomkraft“, sagte Macron. Damit gehöre Frankreich zu den Ländern in Europa mit dem wenigsten Ausstoß von CO2. Noch immer kommen in Frankreich 70 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken.

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Macron ist nicht der Einzige, der Atomkraft nicht ausschließt. Auch die sozialistische Pariser Bürgermeisterin und Präsidentschaftskandidatin Anne Hidalgo setzt auf ein „Energiemix mit Atomkraft“. Selbst die Grünen in Frankreich sind beim Thema Atomkraft vorsichtig, so betonte Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot: „Niemand sagt, dass wir morgen die Atomkraftwerke runterfahren.“ Er sieht eher ein Ziel von 20 Jahren und wenn es fünf Jahre länger dauere, sei das auch kein Problem. Mehrere Präsidentschaftskandidaten im konservativen und rechtsextremen Lager wollen auch neue Atomkraftwerke bauen lassen, darunter Marine Le Pen.

Frankreich setzt seit Langem auf Atomkraft. Das Land hat nationale Champions, die in dem Bereich international aktiv sind, darunter Versorger EDF und Atomkonzern Orano (Ex Areva). Dabei geht es auch um Nationalstolz und Unabhängigkeit, unter anderem von russischem Gas. Frankreich hat derzeit über 50 Reaktoren, die von EDF betrieben werden. Nach der Ölkrise in den 1970er Jahren hat das Land sich zunehmend für Atomkraft entschieden, weil es nicht genug Energieressourcen (Gas, Öl oder Kohle) hat, um Elektrizität zu produzieren. Dem zivilen Atomprogramm war ein militärisches vorausgegangen, das Ende der 1950er Jahre gestartet wurde. Die letzten Atomtests wurden noch unter Präsident Jacques Chirac im Jahr 1996 durchgeführt.

Seit Fukushima sind auch die Franzosen skeptischer

Lange Zeit gab es in Frankreich kaum Zweifel an Atomkraft. Aber der Unfall im japanischen Fukushima im Jahr 2011 hat die Einstellung verändert. Seitdem sind auch die Franzosen skeptischer. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy (2007 bis 2012 im Amt) plante noch den Bau eines zweiten EPR (Europäischer Druckwasserreaktor). Sein sozialistischer Nachfolger François Hollande nahm nach Fukushima davon Abstand und entschied sich für langsamen Ausstieg aus der Atomkraft. Macron rudert nun zurück, beflügelt von der Klimadiskussion und steigenden Energiepreisen.

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In Frankreichs Medien wie „Le Figaro“ wird sogar darüber spekuliert, dass Macron womöglich noch vor Weihnachten den Bau von sechs neuen EPR-Kraftwerken ankündigen könnte. Bereits 2018 betonte er, dass Atomenergie Teil vom französischen Energiemix sein müsse. In Flamanville in der Normandie wird der einzige EPR-Reaktor gebaut – dabei gab es viele Probleme: Er soll frühestens 2023 ans Netz, mit elf Jahren Verspätung und fünfmal so teuer wie geplant. Bei den kleinen Reaktoren könnte die Bauzeit viel kürzer sein, deshalb sind sie wieder in der Diskussion.

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Die Frage, ob Kernkraft hilft, den Klimawandel zu bekämpfen, spaltet Frankreich und Deutschland – und auch die Europäische Union. Für Frankreich steht viel Geld auf dem Spiel. Der französische Staat hält über 80 Prozent am verschuldeten Versorger EDF, der Kernkraftwerke betreibt und über 70 Prozent an Orano. In Brüssel bemüht sich Frankreich sogar darum, Atomkraft als „grüne Investition“ einstufen zu lassen. Käme das durch, könnten französische Atomkraftwerke mit EU-Geldern gefördert werden. In Frankreich wird auch gern betont, dass Atomkraft bei der Energieproduktion für Unabhängigkeit sorgt. Atomkraftwerke werden zumindest in einer Übergangsphase noch gebraucht, heißt es. Auch für zusätzliche Elektroautos.

Mit dem Ausbau der Kernenergie fährt Frankreich eine völlig andere Politik als Deutschland, das bis Ende 2022 ganz aussteigen will. Frankreichs Vorstöße, bei der EU für Atomkraft zu werben, kommen in Deutschland nicht gut an. Aufgrund der Kritik der Nachbarn und zunehmender Furcht vor Atomkraft im eigenen Land hat Frankreich sich verpflichtet, bis 2035 den Anteil des Atomstroms auf 50 Prozent zu reduzieren und alte Reaktoren abzuschalten. Das setzt wiederum massive Investitionen in erneuerbare Energien voraus.

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