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Ein Foto von Barbara Schneider-Kempf in einer Interview-Situation. Foto: Hagen Immel/Staatsbibliothek zu Berlin
© Hagen Immel/Staatsbibliothek zu Berlin

Zwei Jahrzehnte "Stabi" und wie es weitergeht „Weltweit ein vorbildlicher Wissensraum“

Barbara Schneider-Kempf geht als Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin in den Ruhestand. Rückblick und Ausblick auf bewegte Jahre.

Barbara Schneider-Kempf ist seit 17 Jahren Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin und geht Ende Juni nach fast zwei Jahrzehnten im Dienst der "Stabi" in den Ruhestand. Ihre Lieblingserwerbung ist die Bibliothek der Hohenzollern-Prinzessinnen, die im neuen Bibliotheksmuseum zu sehen sein wird. Bereits seit Mai 2019 ist die studierte Architektin auch Vorsitzende des Vereins der Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten.

Das Gespräch führte Amory Burchard. Eine ausführlichere Fassung dieses Interviews erscheint zeitgleich in der aktuellen Ausgabe des Bibliotheks-Magazins der Staatsbibliotheken in Berlin und München.

Frau Schneider-Kempf, nach dem Mauerfall, vor der Generalsanierung Unter den Linden und „vor Corona“, teilten sich die Lesenden der Staatsbibliothek zu Berlin ziemlich klar in zwei Gruppen: Team Potsdamer Straße und Team Unter den Linden. Wo ordnen Sie sich ein?
Bei allem Respekt vor HG Merz und seiner Leistung bei der Generalsanierung unseres Standorts Unter den Linden: Mit meinem Architekturstudium als Hintergrund schlägt mein Herz für die atemberaubende Modernität des Entwurfs von Hans Scharoun in der Potsdamer Straße. Wenn es weltweit den einen vorbildlichen Wissensraum gibt, dann diesen.

Fotoausstellung im Lesesaal der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße in Berlin-Tiergarten. Foto: Thilo Rückeis/Tsp Vergrößern
Die Fotografin Bettina Flitner zeigte 2011 Porträts von Forschenden und Autor:innen mit Sammlungsstücken im Scharoun-Bau der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße. © Thilo Rückeis/Tsp

Was wird Unter den Linden den entscheidenden Unterschied in der Nutzung gegenüber der Zeit vor dem Einbau des neuen zentralen Lesesaals von HG Merz und der Wiederherstellung des Altbaus von Ernst von Ihne ausmachen?
Schon 1914, als das Haus eröffnet wurde, gab es moderne Architekten, von Ihne war nicht dabei. Er baute repräsentativ und massiv, eher düster. HG Merz hat dem Gebäude nun eine Helligkeit und Leichtigkeit gegeben, die es vorher nie hatte. Bilder der Freitreppe aus den 1920er Jahren, als alles neu war, wirken dunkel, jetzt erstrahlt sie in helleren Materialien.

Die im Krieg zerstörte Kassettendecke hat in der neuen Form eine gewisse Modernität. Das trifft auch auf die Lesesäle zu, wo die dunklen Holztische – die neuen und die historischen – allesamt eine orangefarbige Arbeitsfläche haben. Die Farbe findet sich im Teppichboden und in den Regalwänden wieder – ihr Pappelholzfurnier hat eine ganz leichte orangene Maserung bekommen. Einen Riesenunterschied macht es natürlich auch, dass Unter den Linden jetzt alles technisch state of the art ist, aber das versteht sich nach einer solchen Generalsanierung ja von selbst.

Eine Freitreppe, die von einem ornamentierten Gewölbe überspannt ist, führt in das Foyer eines Lesesaals einer Bibliothek. Foto: SPK/Thomas Koehler/photothek.net Vergrößern
Hellere Akzente. Die Freitreppe im Haus Unter den Linden nach der Generalsanierung durch HG Merz. © SPK/Thomas Koehler/photothek.net

Schon bald wird die Öffentlichkeit das ganze Ensemble mit Bibliotheksmuseum, Café und Shop erobern können. Soll die „Stabi“ im Umfeld von Museumsinsel, Humboldt-Universität und Humboldt Forum künftig vom Elfenbeinturm für Buchgelehrte mehr zur Bildungseinrichtung für alle werden?
Ja, wobei es selbstverständlich bei den unterschiedlichen Stufen der Nutzung bleibt. Die Lesesäle müssen weiterhin ein Ort der Konzentration sein – im Unterschied etwa zum Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität, das frei zugänglich ist. Sodann können wir neue Elemente wie die Gruppenarbeitsräume anbieten. Die nächste Stufe der Öffnung sind das Museum und die Cafeteria sowie die schon länger bestehenden Veranstaltungsräume.

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Insbesondere für unser künftiges Museum ist es ein Riesenvorteil, hier in der Nachbarschaft des Humboldt Forums zu sein, das macht auch uns sichtbarer. In unserer Schatzkammer werden zumindest temporär die großen Schätze wie die Humboldt-Tagebücher, „Die Neunte“ von Beethoven oder die Bach-Autographen zu sehen sein. Bisher hat es viele immer wieder enttäuscht, dass wir kaum etwas davon öffentlich zeigen konnten, jetzt wird es da eine massive Veränderung geben.

Seit 2003 sind Sie de facto Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin, insgesamt verbinden Sie mit der Stabi fast zwei turbulente Jahrzehnte. Sie waren auch als Budgetverantwortliche voll gefordert. Was war die schlimmste Zumutung im Zusammenhang mit dem 2010 bis 2016 nahezu halbierten Etat?
Stark rückläufig war zunächst die Erwerbung von Monografien. Doch als besonders hart haben wir es empfunden, als wir aufgrund der Kürzungen laufende Verpflichtungen wie Zeitschriftenabonnements aufgeben mussten. Und die haben wir größtenteils auch nicht wieder ins Programm aufgenommen, geschweige denn, neue Zeitschriften bestellt. Es war ein hartes Ringen um einzelne Titel, die jeweils aus Nutzersicht „für das Fach essentiell“ waren.

Doch da bin ich jetzt vorsichtig optimistisch: Wenn die Sonderzahlungen der Bundeskulturbeauftragten, die uns in jüngerer Zeit gerettet haben, verstetigt werden, ergibt sich auch dafür wieder Spielraum. Dass wir aus diesen Mitteln sogar eine Bach-Kantate erwerben konnten, war ein Trost in dieser schweren Zeit.

Fischzeichnung in einem handgeschriebenen Reisetagebuch von Alexander von Humboldt. Foto: Thilo Rückeis/Tsp Vergrößern
Spektakuläre Erwerbung: Die Reisetagebücher des Naturforschers Alexander von Humboldt (1769-1859) von seiner Südamerika-Expedition, die in der Staatsbibliothek zu Berlin restauriert wurden. © Thilo Rückeis/Tsp

Die Staatsbibliothek gehörte im Oktober 2020 zu den wenigen Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die vom Wissenschaftsrat positiv evaluiert wurden – trotz einer teuren und komplizierten Baugeschichte. Waren Sie davon überrascht?
Bei Evaluierungen soll man nie zu sicher sein, das ist immer dünnes Eis. Aber durch den Strategieprozess für die Jahre 2015 bis 2020 mit den fünf Handlungsfeldern, darunter „erschließen und erforschen“, „vernetzen und vermitteln“ und „bauen und gestalten“ konnten wir recht zuversichtlich sein. Geholfen hat auch unsere klare Schwerpunktsetzung auf die Sammlungsgebiete Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie Rechtswissenschaften. Nur damit konnten wir die Zeit des Sparzwangs einigermaßen gut überstehen – und beim Wissenschaftsrat offensichtlich punkten.

Gelobt wird auch die Nutzerorientierung der Staatsbibliothek, die Ausweitung der Öffnungszeiten auf 84 Stunden in der Woche – Montag bis Sonnabend von 8 bis 22 Uhr – und der Gebührenverzicht bei den Bibliotheksausweisen. Angetreten sind Sie ja einst mit dem Motto „Alles für die Nutzer“.
Ja, das war der Geist, der spürbar werden sollte, und tatsächlich ging es über die Jahre immer weiter in diese Richtung. Nutzer sind die Daseinsberechtigung einer Bibliothek: Diese Überzeugung hat in beiden Häusern immer stärkere Unterstützung erfahren.

Mit dem Blog und anderen Social Media Kanälen haben Sie aber die Büchse der Pandora geöffnet, oder?
Sicher kommt einem aus den Social Media Kanälen nicht nur Freude entgegen, da gibt es auch Diskussionen, bei denen man sich fragt, ob sie berechtigt sind. Doch alle, die mir schreiben oder sich im Blog konstruktiv äußern, bekommen eine Antwort. Am schönsten ist es, wenn wir direkt helfen können. Einmal bat mich eine Nutzerin, die geplante Verkleinerung der Laptop-freien Zone zu verhindern, sie könne sich bei dem Geklacker einfach nicht konzentrieren.

Das konnte ich nachvollziehen und gleich veranlassen – und auch viele andere waren erleichtert. An unserer Website, dem Blog und anderen Social Media beteiligen sich 110 Beschäftigte mit eigenen Beiträgen, das verschafft uns eine ganz neue Öffentlichkeit. Allein unser YouTube-Video von der digitalen Eröffnungsfeier am 25. Januar dieses Jahres hatte 25 000 Aufrufe.

In einem Lesesaal sitzen Forschende und Studierende an Tischen aus hellem Holz, der Teppichboden ist orange. Foto: Mike Wolff/Tsp Vergrößern
Der von HG Merz entworfene neue zentrale Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden. © Mike Wolff/Tsp

Eine der Stärken der Stabi ist die Digitalisierung, da bescheinigt der Wissenschaftsrat Ihnen einen großen Vorsprung vor vergleichbaren Einrichtungen. Was ist auf diesem Feld in den vergangenen 15 Jahren passiert?
Wir mussten ganz klein angefangen, denn Anfang der 2000er Jahre existierte noch gar kein Digitalisierungszentrum. Platz dafür ergab sich im Zuge des ersten Bauabschnitts der Sanierung Unter den Linden im Jahr 2010. Mit 15 Scannern für verschiedene Formate konnten wir systematisch entlang unserer inhaltlichen Schwerpunkte loslegen und zugleich auch auf Benutzerwünsche reagieren.

Im Vordergrund unserer Digitalisierungsstrategie stehen unikale Werke, die wir dann wie andere wissenschaftliche Bibliotheken allen Interessierten zur Verfügung stellen. Schub bekommt die Digitalisierung auch durch Fördermittel, so wurde „Bach digital“ von der DFG finanziert. Mit der Erwerbung der Reisetagebücher Alexander von Humboldts, die von der Bundeskulturbeauftragten bis zu privaten Stiftungen viele Förderer hatte, war die digitale Erschließung seines kompletten Nachlasses hier in Berlin und in Krakau verbunden.

In welcher Trägerschaft lassen sich all diese Aufgaben in Zukunft am besten fortführen? Der Wissenschaftsrat empfiehlt ja eine selbstständige Stiftung, die von der Bundeskulturbeauftragten gefördert wird. Gehört die Stabi nicht eher in den Etat des Bundesforschungsministeriums?
Von einer Lösung der Frage, wo und wie die Staatsbibliothek künftig verankert ist, sind wir im Moment noch weit entfernt. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats geben ja enorm wichtige Impulse, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie in diesem Punkt umgesetzt werden. Was wir uns hier an der Staatsbibliothek wünschen, ist eine größtmögliche Autonomie.

Neben den vielen Herausforderungen für die Generaldirektorin und ihr Team gab es auch Momente, in denen Sie bibliophile und musikhistorische Schätze heben und als Chefdiplomatin des Kulturerbes repräsentieren konnten. Welche Erinnerungen an persönliche Highlights nehmen Sie mit?
Neben der zuletzt erworbenen Kantate von Bach und den Humboldt-Tagebüchern ist die Prinzessinnen-Bibliothek mein persönlicher Liebling. Wir konnten die Sammlung Sofia Albertina von Schwedens mit Beständen ihrer Mutter, der schwedischen Königin Luise Ulrike von Preußen, und ihrer Großmutter, Sophie Dorothea von Hannover, Königin in Preußen, geschlossen aus Schweden erwerben.

Es gibt nicht viele historische Bibliotheken von Frauen – und diese stammt noch dazu von dieser Trias der Hohenzollern-Frauen! Die Prinzessinnen-Bibliothek zu erwerben und sie zu erhalten, ist ein wichtiger Schritt in der intellektuellen Frauengeschichte. Auch sie wird einen würdigen Platz im Bibliotheksmuseum bekommen.

Ein historisches Buch über Hutmoden und andere Bekleidungs-Themen für Damen. Foto: C. Seifert/Staatsbibliothek zu Berlin Vergrößern
Aus der Prinzessinnen-Bibliothek: Sophie Albertine von Schweden ließ sich aus Frankfurt das „Journal des Dames et des Modes“ kommen. © C. Seifert/Staatsbibliothek zu Berlin

Spektakuläre Raumeindrücke verbinden sich nicht nur mit dem Haus Unter den Linden, sondern auch mit der Potsdamer Straße. Wie soll dieses Juwel wieder zum Funkeln gebracht werden?
Wenn die Generalsanierung voraussichtlich 2024 durch das Büro Gerkan Marg und Partner (gmp) beginnt, soll sich dort eigentlich gar nichts ändern! Denn das Haus und auch die Möbel, ja selbst die Regale, stehen unter Denkmalschutz. Nach der Sanierung soll man hineingehen und sagen: Ist ja alles wie früher. Nur eben auch hier noch ein bisschen heller und aufgeräumter. Aber genau das erfordert eine große bauliche Anstrengung. Und die Technik muss natürlich generalüberholt werden.
Dennoch wird es einige funktionale Änderungen geben, etwa die Öffnung des Foyers zum Potsdamer Platz, wenn derzeit auch noch offen ist, was dort – außer Cafés und einer Buchhandlung – genau an öffentlicher Nutzung stattfinden wird. Fest steht allerdings, dass der öffentliche Bereich unten und der Bibliotheksbetrieb oben strikt voneinander getrennt werden.

Sie hinterlassen Ihrem Nachfolger Achim Bonte aber auch eine riesige Baustelle mit großem Konfliktpotenzial: Ist die anstehende Generalsanierung in der Potsdamer Straße tatsächlich mit einer zehnjährigen kompletten Schließzeit verbunden, durch die erneut sehr viele Dauernutzer:innen heimatlos werden?
Es sind sieben bis zehn Jahre, in denen tatsächlich eine komplette Schließung des Standorts unumgänglich sein wird. Vor allem geht es darum, die nach wie vor bestehende Asbestbelastung zu beenden. Auch nach den Sanierungsbemühungen der vergangenen Jahre sitzt weiterhin Asbest auf den abgehängten Decken.

Dieser Asbest ist fest gebunden und bringt derzeit niemanden in Gefahr, doch kann er dort nicht bleiben. Die Decken aber können in diesem großen Raumkontinuum, das den Charakter des Scharoun-Hauses ausmacht, nicht bei laufendem Bibliotheksbetrieb abgenommen werden.

Wie wäre es mit einem Ausweichquartier? Das Lob des Wissenschaftsrats für die vorbildliche Nutzerorientierung ist ja auch eine Verpflichtung.
'Die Antwort ist trotzdem Nein. Die über 900 Plätze am Potsdamer Platz fallen für eine lange Zeit weg und die Staatsbibliothek muss, soweit das geht, Ersatz im Haus Unter den Linden schaffen. Es wird tatsächlich eine ganze Generation von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern geben, die ohne dieses Haus der Staatsbibliothek aufwächst.

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