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Michael Ryan koordiniert für die WHO den Kampf gegen das Coronavirus. Foto: Martial Trezzini/Keystone/dpa
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„Zukunftsmodell“ in Coronavirus-Krise Die Weltgesundheitsorganisation lobt Schweden – warum?

Schweden habe seinen Bürgern im Kampf gegen das Coronavirus vertraut, sagt WHO-Nothilfedirektor Ryan. Dies sei ein Vorbild für eine Gesellschaft ohne Lockdown.

Ob Donald Trump vor der Coronavirus-Krise Schweden je wirklich wahrgenommen hat? Fest steht: Das im Vergleich zu den USA (328 Millionen Einwohner) vergleichsweise kleine skandinavische Land (10,2 Millionen Einwohner) ist seit einiger Zeit auch in den Fokus des US-Präsidenten gerückt. Die steigende Zahl der Todesfälle nutzt Trump, um darauf zu verweisen, dass es andere Staaten gibt, die im Kampf gegen die Pandemie nach Ansicht vieler auch schlecht dastehen.

Am Donnerstag war es wieder soweit: Über sein Lieblingsmedium Twitter schickte Trump die Zeilen in die Welt: „Trotz anders lautender Berichte zahlt Schweden einen hohen Preis für seine Entscheidung gegen einen Lockdown. (…).“ Schweden habe eine viel höhere Zahl als die Nachbarländer Norwegen, Finnland und Dänemark. „Die USA haben die richtige Entscheidung getroffen.“ Worin die anders lautenden Berichte bestehen, ließ der US-Präsident offen.

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Richtig ist, die Fallzahlen in Schweden, das im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus‘ einen vergleichsweise moderaten Kurs fährt, steigen. Stand Freitag (14 Uhr) meldete die Gesundheitsbehörde des Landes 2653 Tote – 67 mehr als am Vortag – und 21.520 bestätigte Infektionen (plus 428). Die meisten Fälle werden in der Region der Hauptstadt Stockholm verzeichnet (1406 Tote/8033 positive Tests).

Pro eine Million Einwohner gibt es in Schweden fast 254 Todesopfer, das sind deutlich mehr als in den Nachbarländern und auch mehr als dreimal soviel wie in Deutschland (rund 80). Auch die USA melden mit rund 193 zurzeit weniger. Dort sind inzwischen fast 63.000 Menschen an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Trumps Twitter-Tiraden kamen einen Tag nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sich sehr positiv darüber geäußert hatte, wie Schweden mit der Pandemie umgeht. Der Exekutivdirektor der WHO, Michael Ryan, bezeichnete das Land in einer Online-Pressekonferenz in Genf als ein „Zukunftsmodell“. Der Ire koordiniert bei den UN den weltweiten Kampf gegen das Virus.

„Ich glaube, es herrscht der Eindruck vor, dass Schweden keine Kontrollmaßnahmen ergriffen und nur die Ausbreitung der Krankheit zugelassen hat“, sagte Ryan. „Nichts ist aber weiter von der Wahrheit entfernt.“ Der WHO-Exekutivdirektor betonte: „Anders als andere stützte sich Schweden sehr stark auf seine Beziehung mit seinen Bürgern.“ In diesem Sinn habe Schweden die öffentliche Politik durch eine Partnerschaft mit der Bevölkerung umgesetzt. „Ich denke, wenn wir eine neue Normalität erreichen wollen, ist Schweden ein Vorbild, wie man zu einer Gesellschaft ohne Lockdown zurückkehrt.“

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Schweden habe einen sehr starken, strategischen Ansatz zur Kontrolle von Covid-19 in allen Bereichen der Gesellschaft verfolgt. „Was es anders gemacht hat, ist, dass es seinen eigenen Bürgern wirklich, wirklich vertraut hat, diese physische Distanzierung umzusetzen.“ Ryan sagte aber auch: „Es bleibt abzuwarten, ob dies voll und ganz erfolgreich sein wird oder nicht.“

Weiter sagte Ryan, man müsse sich bewusst sein, dass das Virus vorhanden ist. Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften müssten tagtäglich alles tun, um die Übertragung dieses Virus einzudämmen. „Das kann bedeuten, dass wir unsere Lebensweise anpassen müssen.“ In Schweden werde untersucht, wie das in Echtzeit geschehen kann. „Ich denke also, dass wir vielleicht von unseren Kollegen in Schweden etwas lernen können“, sagte Ryan.

Ryan erklärte, das Land habe die Tests intensiviert und verfüge über ausreichende Kapazitäten in den Krankenhäusern, um jegliche Ausbrüche zu bewältigen. Gefragt, wie es sich mit der hohen Zahl der Todesfällen in Pflegeheimen in Schweden verhalte – aus solchen Einrichtungen für ältere Menschen werden fast 40 Prozent aller Todesfälle des Landes gemeldet – sagte Ryan, dies sei kein spezielles Problem Schwedens: „Viele Länder in ganz Europa haben in den vergangenen Monaten die gleichen Tragödien erlebt. Das ist etwas, das in ganz Europa wirklich sehr sorgfältig untersucht werden muss.“ Es müsse mehr getan werden, um die Ausbreitung von Krankheiten in diesen Einrichtungen zu verhindern.

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Schweden löst international seit Wochen mit der eingeschlagenen Strategie Irritationen aus. Kritiker werfen der Regierung und der sie beratenden Gesundheitsbehörde vor, bewusst den Tod von Menschen in Kauf zu nehmen, unter anderem, um die Wirtschaft zu schützen. Die wird vom Coronavirus allerdings mit der gleichen Wucht getroffen, wie andere Länder. Das zeigen aktuelle Daten.

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Die rot-grüne Minderheitsregierung von Premier Stefan Löfven dementiert immer wieder, dass sie einen „Sonderweg“ gehe. Sie hatte in der Pandemie von Beginn auf die Einsicht der Bürger gesetzt und lediglich vergleichsweise moderate Beschränkungen im Alltag erlassen. Kindertagesstätten und Grundschulen, aber auch Geschäfte quasi aller Art sowie die Gastronomie sind weiter geöffnet. Dort darf allerdings nur an Tischen bedient werden. Zudem gilt ein Mindestabstand zwischen den Tischen. Weil sie dagegen verstoßen hatten, wurden inzwischen mindestens fünf Lokale in Stockholm geschlossen.

Untersagt sind auch Versammlungen von mehr als 50 Personen, somit sind Clubs dicht. Zudem gilt ein Besuchsverbot in Pflegeheimen. Ansonsten lautet das Mantra der Regierung und der sie beratenden Experten: Kontakte vermeiden, im Homeoffice arbeiten und bei geringsten Krankheitsanzeichen zu Hause bleiben. Diese Empfehlung gilt auch generell für alle Bürger, die älter als 70 Jahre sind.

Premier Löfven hatte zum zu erwartenden Ausmaß der Pandemie am 3. April der Zeitung „Dagens Nyheter“ gesagt, Schweden verfolge die Strategie, den Anstieg der Infektionsfälle zu verzögern, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. „Aber das beinhaltet zugleich, dass wir weitere Schwerkranke haben werden, die Intensivpflege benötigen, wir werden bedeutend mehr Tote haben. Wir werden mit Tausenden Toten rechnen müssen. Darauf sollten wir uns einstellen.“

Anzahl der Verstorbenen pro eine Million Einwohner (Stand Donnerstag, 30. April, 14 Uhr; Quelle Sveriges Television/Johns Hopkins Universität/Worldometer)

  • Schweden: 253,9
  • Norwegen: 39,5
  • Dänemark: 78
  • Finnland: 38,2
  • Deutschland: 79,9
  • USA: 192,6
  • Italien: 462,8
  • Spanien: 525,3
  • Großbritannien: 403,7
  • Frankreich: 364,4
  • Südkorea: 4,8
  • Belgien 664,9

Auch in Deutschland hatte es zu Beginn der Pandemie kurzzeitig so ausgesehen, als ob die Bundesregierung neben der Absage von Großveranstaltungen auf Appelle setzen würde. Nach den ersten beiden Todesfällen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung am 9. März wendet sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer viel gelobten TV-Ansprache am 11. März an die Bundesbürger und fordert, das Möglichste gegen die Ausbreitung des Coronavirus zu tun: „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir diese Probe auch bestehen.“

Nur wenige Tage später ist klar, dass die Bundesregierung auf die Freiwilligkeit nicht vertrauen will. Nach der Schließung von Kitas und Schulen einigen sich Merkel und die Ministerpräsidenten am 16. März auf weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Gastronomie, Kinos und andere Freizeiteinrichtungen müssen schließen ebenso wie viele Geschäfte. Am 20. März verhängen Bayern und das Saarland als erste Bundesländer Ausgangsbeschränkungen.

Der Kurs der schwedischen Regierung ist im Land allerdings längst nicht unumstritten; schon seit einiger Zeit fordern zahlreiche Wissenschaftler einen radikalen Kurswechsel. Und einer aktuellen Umfrage der Stockholmer Handelshochschule zufolge wünschen sich inzwischen drei von vier Schweden strengere Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Und zwei von fünf Befragten sprachen sich für vorübergehende Ausgangssperren in Städten aus.

Das Gesicht der Pandemie in Schweden ist der Staatsepidemiologe Anders Tegnell, der durch seine live übertragenen Pressekonferenzen und zahlreiche Interviews einer der bekanntesten Schweden sein dürfte – für manche im Land hat er inzwischen sogar Kultstatus. Mittlerweile gibt es Fangruppen bei Facebook mit zehntausenden Mitgliedern, zudem wird sein Antlitz unter anderem auf T-Shirts gedruckt. Ein Schwede hat sich sogar das Antlitz des Chef-Virologen auf den Arm tätowieren lassen.

Ein Schwede ließ sich das Antlitz von Anders Tegnell tätowieren. Foto: Philip O'Connor /Reuters Vergrößern
Ein Schwede ließ sich das Antlitz von Anders Tegnell tätowieren. © Philip O'Connor /Reuters

Tegnell hält nichts von den Lockdown-Maßnahmen anderer Länder. Man brauche nachhaltige Maßnahmen und dürfe nicht vergessen, dass strenge Verbote auch gesundheitliche Folgen haben, hatte er immer wieder betont. Isolation und Quarantäne könnten Langzeitschäden an Körper und Geist auslösen. Zudem ließen sich Schwedens Maßnahmen problemlos lange durchhalten – eine zweite Welle brauche man nicht zu befürchten.

Inzwischen gestand Tegnell zwar ein: „Wir haben die Entwicklung der Todeszahlen unterschätzt.“ Und im Sender SVT sagte er auf die Frage, ob er eine seiner Einschätzungen bereue: „Man hätte Senioren in Alten- und Pflegeheimen früher schützen müssen. Aber wir haben keine Kristallkugel, in der wir in die Zukunft schauen können.“

In einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der Zeitung „Aftonbladet“ sagte der 64-Jährige nun auf die Frage, ob er Angst habe, dass Schweden den falschen Weg gewählt habe: „Nein, aber ich mir der Frage sehr bewusst.“ Er arbeite seit langer Zeit mit diesen Themen „und manchmal gehe es gut und manchmal nicht so“. Man müsse auch demütig genug sein, um seine Meinung ändern zu können. Völlig überzeugt sei er „überhaupt nicht“, dass die schwedische Strategie richtig sei. „Wir denken in der Behörde ständig darüber nach: Was können wir besser machen und wo können wir nachjustieren.“

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