Übergewicht verursacht enorme Kosten im Gesundheitssystem. Foto: Franziska Kraufmann/dpa
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Zu hoher Zuckerkonsum „63 Milliarden Euro jährlich für die Behandlung der Folgen von Adipositas“

Macht Zucker süchtig? Der AOK-Experte Kai Kolpatzik warnt vor zugesetztem Zucker, der unter anderem zu Übergewicht und Diabetes führen kann. Ein Interview.

Kai Kolpatzik leitet beim AOK-Bundesverband die Abteilung Prävention. Im Interview spricht er über die Gefahren von erhöhtem Zuckerkonsum und über die Möglichkeiten einer Zuckerreduktion durch den Handel.

Wie viel Zucker steckt in unseren Lebensmitteln?
Zucker ist in rund 80 Prozent der Lebensmittel im Supermarkt enthalten. Künstlich zugesetzter Zucker ist heute ein Bestanteil vieler industrieller Lebensmittel und Getränke. Dieser zugesetzte Zucker stellt eine Hauptursache für den weltweit hohen Zuckerkonsum dar.

Was ist zugesetzter Zucker?
Als zugesetzte Zucker werden Einfachzucker und Zweifachzucker bezeichnet, die vom Konsumenten, Koch oder Hersteller Nahrungsmitteln und Getränken zugefügt werden, sowie Zucker, der natürlicherweise in Honig, Sirup, Fruchtsaftkonzentrat und Fruchtsäften ist. Von Natur aus in Obst, Gemüse und Milch enthaltener Zucker fällt nicht unter die Kategorie zugesetzter Zucker.

In welchen Lebensmitteln steckt der meiste zugesetzte Zucker?
Besonders viel zugesetzter Zucker findet sich in Fertigprodukten und Getränken wie in Softdrinks, Frühstückscerealien und auch in Joghurts. Softdrinks wie Sprite und Fanta enthalten in Deutschland mehr als neun Gramm Zucker. In Großbritannien hingegen hat Coca-Cola den Zuckergehalt von Fanta und Sprite seit der Einführung einer Softdrinksteuer von 6,9 Gramm auf 4,5 beziehungsweise 3,3 Gramm gesenkt. Softdrinks spielen eine Schlüsselrolle beim Zuckerverzehr.

Wie hoch ist der Zuckeranteil in Produkten für Kinder?
Die Erfassung der Nährwertzusammensetzung von ausgewählten Produkten durch das Max-Rubner-Institut 2018 zeigte, dass beispielsweise ein 100 Gramm Becher Joghurt mit Kinderoptik ungefähr drei Teelöffel Zucker enthält. Im Median lag der Zuckergehalt bei Kinderprodukten bei 14,9 Gramm und bei Erwachsenenprodukten bei 13,5 Gramm pro 100 Gramm. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Frühstückscerealien.

Frühstückscerealien mit Kinderoptik wiesen im Median zwischen 26,6 Gramm und 34,6 Gramm pro 100 Gramm Zucker auf. Die Zahlen zeigen deutlich, dass Kinderprodukte zum Teil mehr Zucker enthalten als Erwachsenenprodukte. Kinder und Jugendliche sind enorm von dem zugesetzten Zucker in Lebensmitteln und Getränken betroffen. Dabei ist gerade die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen besonders schützenwert.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat ein übermäßiger Zuckerkonsum?
Ein hoher Zuckerkonsum wird insbesondere mit Übergewicht und Adipositas sowie Karies in Verbindung gebracht. Metaanalysen von randomisierten-kontrollierten Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen einem hohen Konsum von zugesetzten Zuckern und Übergewicht bzw. Adipositas bei Kindern und Erwachsenen gibt. Übergewicht geht wiederum häufig mit einem höheren Risiko einher, an Diabetes Typ II, koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfall, Bluthochdruck oder einer Fettstoffwechselstörung zu erkranken. Ein hoher Konsum von zugesetzten Zuckern wird ebenfalls mit Karies bei Kindern assoziiert.

Dr. Kai Kolpatzik leitet beim AOK-Bundesverband die Abteilung Prävention. Foto: AOK Bundesverband Vergrößern
Dr. Kai Kolpatzik leitet beim AOK-Bundesverband die Abteilung Prävention. © AOK Bundesverband

Vor allem Übergewicht sorgt also in der Folge für weitere Erkrankungen?
Fast 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland gelten als übergewichtig, fast jeder Vierte als adipos. Die Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen verursachen millionenfaches Leid und immense Kosten für unser Solidarsystem: 63 Milliarden Euro geben wir jährlich für die Behandlung der Folgen von Adipositas, für Krankengeld und Frührenten aus. Eine Reduktion von Zucker in Lebensmitteln kann als verhältnispräventive Maßnahme einen Beitrag zur Reduktion der Energiezufuhr und zur Gesundheitsförderung in der Bevölkerung leisten. 

Welchen Nutzen hat die Lebensmittelindustrie von dem enormen Zusatz der Zuckermengen?
Zucker ist eine süßende Zutat und daher in erster Linie einer der wichtigsten Geschmacksträger. Der Nährstoff Zucker hat darüber hinaus eine Funktion bei der Herstellung von Lebensmitteln. Er ist dienlich für die Textur, Masse und Farbe und fungiert als Konservierungsmittel. Es gibt Wissenschaftler wie Dr. Robert Lustig aus den USA, die annehmen, dass Zucker süchtig macht, indem es unser Belohnungssystem im Gehirn aktiviert und dass die Nahrungsmittelindustrie sich dies ganz gezielt zu Nutzen macht.   

Rewe hat vor zwei Jahren die Kunden selbst entscheiden lassen, welchen Pudding sie kaufen wollen: den mit normalem Zuckeranteil oder eine zuckerreduzierte Variante. Am Ende kauften tatsächlich mehr Verbraucher den zuckerreduzierten Pudding. Begrüßen Sie solche Aktionen der Unternehmen?
Ja, solche Aktionen tragen zur Aufklärung bei und können Verbraucher miteinbeziehen. Die AOK begrüßt, dass der Handel das Thema Zuckerreduktion aufgreift. So haben der Edeka-Verbund, die REWE Group, Lidl Deutschland, Aldi Nord/Süd eine Reduktionsstrategie bezüglich ihrer Eigenmarkenprodukte und in dem Zuge schon Zucker in ihren Produkten reduziert.

Bei der Reduktion von Zucker ist ein schrittweises Vorgehen wegweisend für den Erfolg einer gesamtgesellschaftlich akzeptierten Reduktion des Zuckerkonsums. Wie beim Salz passen sich die Geschmacksnerven beim Zucker an die Dosis an. Die Verbraucher sollten einen langsam abnehmenden Zuckergehalt in Lebensmitteln kaum wahrnehmen. Wenn die Hersteller innerhalb einer Produktgruppe zeitgleich den Zuckergehalt senken, lassen sich die Umsatzeinbußen bei einzelnen Unternehmen vermeiden. 

Die AOK veranstaltete bereits zweimal einen Zuckerreduktionsgipfel. Ist so etwas demnächst wieder geplant?
Der dritte Zuckerreduktionsgipfel findet am 5. Mai 2020 in Berlin statt. Dort soll unter anderem diskutiert werden, wie erfolgreich die Nationale Innovations- und Reduktionsstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist. Bis zum Frühjahr 2020 sollen die Ergebnisse des Monitorings des Max-Rubner-Instituts vorliegen. Die Teilnahme von Julia Klöckner ist bereits angefragt.

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