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Wie der Alltag ist, zeigt eine ARD-Doku über eine Intensivstation der Berliner Charité. Foto: RBB/Carl Gierstorfer/Docdays Productions
© RBB/Carl Gierstorfer/Docdays Productions

Zu hohe Belastung in der Coronakrise „Wir müssen die Flucht aus dem Pflegeberuf unbedingt stoppen“

Unzureichende Bezahlung, Überlastung, keine psychosozialen Hilfsangebote: Immer mehr Pflegekräfte geben ihren Job auf. Experten fordern konkrete Verbesserungen.

Deutschland droht nach Ansicht verschiedener Experten ein Kollaps der Kliniken – weil in der Coronavirus-Pandemie bereits tausende Pflegekräfte aus dem Job ausgestiegen sind, viele weitere erwägen dies. Besonders dramatisch ist das für die Intensivstationen. „Die Krise der deutschen Pflege hat sich durch die Corona-Pandemie jetzt noch einmal erheblich verschärft und wird sich weiter verschärfen“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Wir müssen die Flucht aus dem Pflegeberuf unbedingt stoppen“, sagte Marx.

In der beginnenden dritten Welle der Corona-Pandemie hielten die Pflegenden derzeit aus Pflichtgefühl noch durch, so Marx. „Aber was kommt danach?“ Auch der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, warnt vor einem Verlust weiter Arbeitskräfte in diesem Bereich: „Das hätte katastrophale Folgen für unsere Gesundheitsversorgung.“

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Unzureichende Bezahlung, mangelnde Schutzausrüstung, keine oder unsystematische Tests, Überlastung, fehlende psychosoziale Hilfsangebote: Eine Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) hat gerade gezeigt, dass wegen der Bedingungen auf den Stationen fast 70 Prozent der Pflegekräfte den Arbeitgeber wechseln wollen und ein Drittel erwägt, aus dem Beruf auszusteigen.

Auch DBfK-Präsidentin Christel Bienstein befürchtet daher, dass der sogenannte „Pflexit“ weiter an Fahrt gewinnt: „Viele Kollegen halten nur noch durch, weil sie in der Pandemie Patienten und Kollegen nicht im Stich lassen wollen“, sagte sie dem Online-Portal des Bayerischen Rundfunks.

Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zufolge hat Deutschland in der Pandemie in Kliniken und in der Altenpflege bereits tausende Frauen und Männer verloren. Demnach ging die Zahl der Pflegebeschäftigten allein zwischen Anfang April und Ende Juli 2020 um mehr als 9000 zurück. Dies war ein Minus um 0,5 Prozent. Vor der Pandemie waren die Beschäftigtenzahlen in der Pflegebranche noch leicht gestiegen.

Besonders von dem jüngsten Rückgang betroffen war den BA-Zahlen zufolge die Krankenpflege in den Kliniken. Das Minus bei den Beschäftigtenzahlen lag hier in der ersten Hochphase der Coronakrise bei 5124. In der Altenpflege ging die Zahl der Beschäftigten im Zeitraum von Anfang April bis Ende Juli um 3885 zurück. In der Summe waren dies 9009 Pflegekräfte weniger. Insgesamt waren in Deutschland zuletzt rund 1,8 Millionen Menschen in der Pflege tätig.

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Auch Divi-Präsidiumsmitglied Felix Walcher warnte vor einem Kollaps der Intensivversorgung: „Es gibt kein Intensivbett ohne Pflege! Wir Ärzte stehen nicht den ganzen Tag am Bett der Patienten – das sind die Pflegenden.“ Nötig seien jetzt rasche Verbesserungen im Arbeitsalltag des Pflegepersonals. „Sonst wird uns dieses hochqualifizierte Personal von der Fahne gehen und das System ist so wie jetzt nicht mehr aufrecht zu erhalten“, warnte der Direktor der Unfallchirurgie der Uniklinik Magdeburg.

Wichtig sei zudem eine bessere psychische Unterstützung der oft extrem belasteten Intensivpfleger, betonte Walcher: „Bis zum heutigen Tag gibt es keinen Psychologen oder professionelle Strukturen im Krankenhaus, an die sich ein Mitarbeiter wenden kann, wenn er mit einem belastenden Ereignis nicht mehr alleine emotional fertig werden kann.“

Die Divi und die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) fordern in einem gemeinsamen Papier konkrete Verbesserungen zur Stärkung der Intensivpflege in Deutschland, berichten die Funke-Zeitungen. Der Forderungskatalog umfasst demnach unter anderem einen am tatsächlichen Pflegebedarf orientierten Personalschlüssel, moderne Arbeitszeitmodelle und eine der Qualifikation angemessene Bezahlung.

[Ein Berliner Intensivpfleger an der Corona-Front: Ricardo Lange berichtet jede Woche aus dem Krankenhaus.]

Der Präsident des Deutschen Pflegerates, Franz Wagner, fordert ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro für Pflegefachkräfte. „Das wäre eine angemessene Entlohnung. Damit wäre der Pflegeberuf konkurrenzfähig mit anderen Berufsgruppen“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“. Mehr Personal sei nötig, um die Pflegenden in Heimen und Krankenhäusern zu entlasten, betonte Wagner, der auch Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe ist.

Die Coronakrise habe viele Pflegekräfte an den Rand dessen gebracht, was leistbar sei. „Die Erschöpfung geht bei einigen so tief, dass sie unter posttraumatischen Erschöpfungszuständen leiden. Viele denken daran, ihren Beruf aufzugeben“, sagte Wagner.

Einen Einblick über den Arbeitsalltag in der Pandemie auf Intensivstationen bietet auch die ARD-Dokumentation „Kampf um jeden Atemzug“, die am Montag (15.3.) um 22.50 Uhr ausgestrahlt werden soll. Sie zeigt den harten Kampf um das Leben von schwer erkrankten Covid-19-Patienten an der Berliner Charité.

Gefilmt wurde die Doku des Regisseurs Carl Gierstorfer über mehrere Monate auf der Covid-Station 43 des berühmten, europaweit größten Uniklinikums. Diese Station war schon vor der Pandemie auf die Behandlung von Menschen mit schweren Lungenversagen spezialisiert. Nun liegen dort Menschen mit schwersten Covid-19-Verläufen.

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