Drei Stipendiatinnen, die von ELES gefördert werden, im Gespräch. Foto: Stephanie Haerdle/ELES
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Zehn Jahre Ernst Ludwig Ehrlich-Studienwerk Ein Ort des Austausches für junge Juden

Das jüdische Studienwerk ELES wurde vor zehn Jahren als 12. Begabtenförderwerk gegründet. Es geht um Stipendien für Studierende - und um jüdische Identität.

Das Ernst Ludwig Ehrlich-Studienwerk (ELES) wurde vor zehn Jahren als zwölftes vom Bund gefördertes Begabtenförderwerk eröffnet. Warum erst so spät? 2009 sei „der frühestmögliche Zeitpunkt“ gewesen, sagt ELES-Geschäftsführer Jo Frank. Durch die Zuwanderung aus der postsowjetischen Gesellschaft war die jüdische Gemeinschaft in Deutschland von 20 000 auf 200 000 Mitglieder gewachsen. „Jüdisches Leben in Deutschland hat sich schlagartig verändert. Die Begabtenförderung ist ein wichtiges Instrument, um neue Strukturen zu schaffen“, sagt Frank.

Seit der Gründung habe ELES „800 junge Menschen durch ihr jüdisches Leben begleitet“. 440 Studierende und Promovierende sind bereits ELES-Alumni, 360 sind aktuell in der Förderung (Informationen zu den Aufnahmebedingungen finden sich hier). Benannt ist das Studienwerk nach dem Religionswissenschaftler und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich (1921-2007). Seine Biografie ist eng mit der Erfahrung von Verfolgung, Vernichtung und Wiederaufbau des europäischen Judentums im 20. Jahrhundert verbunden.

„Von den ersten 30 Stipendiaten kamen 28 aus der ehemaligen Sowjetunion. Die jetzige Generation ist hier geboren“, erklärt der Geschäftsführer. In den ersten Jahren sei es darum gegangen, die jüdische Migrationsgeschichte sichtbar zu machen, es habe einfach keinen anderen Ort dafür gegeben. Für die Kinder der Einwanderer, die bereits in Deutschland Abitur gemacht haben, habe ELES erstmals eine Gemeinschaft geschaffen, „wo vorher das Zusammengehörigkeitsgefühl gefehlt hat“.

Das hat auch Alissa Frenkel erfahren, Stipendiatin und eine der beiden Gesamtsprecher des Studienwerks. „Die Stärke von ELES ist, dass jede Person eine eigene Geschichte hat“, sagt Frenkel. Die Stipendiaten würden sich intensiv untereinander austauschen. Sie selber stammt aus Frankreich aus einer orthodoxen Familie, der Austausch mit den anderen jüdischen Studierenden habe ihr die Augen geöffnet – für den gelebten Pluralismus im Judentum. „Wir werden darin bestärkt, unterschiedlich zu sein und jeder entdeckt hier eine andere Facette der jüdischen Gemeinschaft“, sagt Frenkel.

Ein jüdisch-muslimischer Thinktank im Jubliäumsjahr

ELES versteht sich als Ort der jüdischen Intellektualität, an dem die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität stattfindet. Dieses Bild des Judentums wolle man in die Mehrheitsgesellschaft tragen, heißt es. Ein Unterschied zu den anderen Förderwerken: „Die demokratische Gesellschaft mitzugestalten, verstehen wir nicht als Bitte an unsere Stipendiaten, sondern als Forderung“, sagt Frank. Das Studienwerk stelle sich gesellschaftlichen Herausforderungen wie der der wachsenden politischen Rechten.

Im Jubiläumsjahr ist ELES auch an der Gründung des jüdisch-muslimischen Thinktanks „Karov-Qareeb“ beteiligt. Gemeinsam mit dem muslimischen Begabtenförderwerk Avicenna, das 2012 nach dem Vorbild vom ELES gegründet wurde, will man überlegen, was die Studierenden beider Religionen gemeinsam bewegen können. Stipendiatin Alissa Frenkel sagt, dass beispielsweise gegenseitige Besuche in Moscheen und Synagogen helfen würden, „die eigene Blase zu verlassen“. Es sei spannend, die Ähnlichkeiten zwischen jüdischen und muslimischen Studierenden zu entdecken.

Das bereits vor vier Jahren gestartete ELES-Programm „Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch“ wird jetzt europäisiert: Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts können im Programmjahr 2019/20 je zwei Stipendiaten aus Großbritannien, Frankreich, Luxemburg, Polen, Schweden und Ungarn als Gäste an den regionalen ELES-Gruppen in Deutschland teilnehmen. Für Stipendiaten künstlerischer Fächer gibt es außerdem das Kunstprogramm DAGESH, das Anfang Dezember im Berliner Literaturhaus mit einer eigenen Reihe „Jüdische Literaturen“ beitragen wird. Rolf Brockschmidt

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