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Unbeliebter Zuwanderer. Der Asiatische Marienkäfer ist bei Weinbauern nicht gern gesehen, weil er den Wein bitter macht, wenn er zwischen das Lesegut gelangt. Foto: Rainer Jensen/dpa-Bildfunk
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Zähes Getier Wie Insekten den Frost überstehen

Ein ungewohnt kalter Winter geht zu Ende. Um mit Minusgraden und Fasten klar zu kommen, hat das krabbelnde Viehzeug überraschende Strategien entwickelt. 

Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, eine geschlossene Schneedecke, Seen, die bis auf den Grund zugefroren waren: Vor wenigen Wochen war das noch in vielen Regionen von Deutschland normal. Der Winter hatte sich über das Land gelegt und das Leben unter sich bedeckt. Nun, da sich der Frühling mit warmem Wetter ankündigt, erinnert das bereits an den Sommer. Und an alles, was der mit sich bringt: Auch Mücken, Wespen und anderes Getier wird uns dann wieder behelligen. Doch wie beeinflusst der Winter, was im Sommer passiert?

Insekten und andere Kleintiere haben ganz unterschiedliche Strategien, um die kalte Jahreszeit zu überdauern. Manche ziehen sich an geschützte Stellen zurück, andere können Frostschutzmittel bilden. Und wieder andere sterben noch im Herbst und überlassen der nachfolgenden Generation das Frühjahr.

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Es gibt jedoch einen Faktor, der ihnen allen zugutekommt, sagt Thomas Schmitt, Leiter am Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut in Müncheberg: „An sich gibt es nichts Besseres für Tiere im Winter als eine dicke Schneedecke.“ Denn der Schnee isoliert und schützt Tiere und Pflanzen darunter vor starken Frösten. „Nachtfröste bei minus zehn Grad Celsius ohne Schnee können deshalb problematischer sein als minus 25 Grad bei einer dicken Schneedecke“, sagt Schmitt.

Anders, als man es vermuten würde, schaden dagegen eher milde Winter. Wird es nach mehreren Wochen Wärme wieder kalt, kann es vorkommen, dass manche Tiere bereits ihren eingelagerten Frostschutz abgebaut haben. Bei einem neuerlichen Kälteeinbruch erfrieren sie dann. Wechseln sich kühle und warme Phasen ab, weckt das Tiere immer wieder auf, die ihren Stoffwechsel für die Winterruhe heruntergefahren haben.

„Sie verbrauchen dann Ressourcen, die sie im Frühjahr zum Überleben benötigen“, sagt Schmitt. Milde Temperaturen und feuchte Luft sorgen außerdem dafür, dass sich Schimmelpilze besser verbreiten können und die Tiere befallen. Ein Winter mit Schnee und Frost, wie er bei uns bis vor kurzem noch herrschte, ist daher auch für die meisten Insekten ideal. Es gibt jedoch auch Ausnahmen.


Stechmücken

Die Larven von Stechmücken leben im Wasser. Friert es im Winter, wirkt sich das jedoch nicht auf die Tiere im Sommer aus: Die Mückenweibchen überwintern an kühlen und geschützten Stellen, zum Beispiel in Kellern oder kleinen Höhlen. Noch vor dem Winter scheiden sie unnötige Körperflüssigkeiten aus und lagern Zucker ein. Auch manche Schmetterlinge schützen sich auf diese Weise mit Frostschutzmitteln.

In dieser Kältestarre können die Tiere mehrere Monate bleiben. Sobald es wärmer wird, schwärmen die Mückenweibchen aus und legen ihre Eier in Wasserstellen ab – auch in Pfützen, die sich durch die Schneeschmelze gebildet haben. Ein schneereicher Winter kann deshalb sogar ein mückenreicheres Jahr bedeuten.

Ein wenig anders verhält es sich mit Mückenarten, die sich erst in den vergangenen Jahrzehnten auch in Deutschland angesiedelt haben. Dazu zählt zum Beispiel die Asiatische Tigermücke, die man im Sommer gut an ihren schwarz-weiß geringelten Beinen erkennt. Sie stammt ursprünglich aus subtropischen Regionen in Südostasien. Mit Frosteinbrüchen sind sie dort nicht konfrontiert, doch es hat sich gezeigt, dass die Tigermückenweibchen auch bei uns überwintern können. Wird es dennoch zu kalt, könnten die Tiere in manchen Regionen aussterben. „Doch die Ausbreitung im Sommer passiert dann wieder rasant aus Restvorkommen, die anderswo überdauert haben“, sagt Schmitt.

Zecken

„Der Gemeine Holzbock macht bei uns alles durch“, sagt Schmitt. Auch starke Fröste können ihm nichts anhaben. Nur wirklich außergewöhnlich kalte Winter, bei denen die Böden über 20 Zentimeter durchfrieren, könnten ihre Zahl dezimieren. Doch auch in Skandinavien und Sibirien, wo solche Phasen öfter auftreten, überleben Zecken noch – und mit ihnen auch die Krankheitserreger, die sie übertragen. Borrelien, die Borreliose auslösen können und FSME-Viren bleiben auch nach langen Kältephasen erhalten. Sobald die Temperaturen auf acht Grad Celsius steigen, werden die Zecken aktiv. In milden Wintern können sie sogar das ganze Jahr über auftreten.

Wespen

Wespen gehören zu den Tieren, die im Winter nahezu vollständig verschwinden. Die unzähligen Arbeiterinnen, die den Sommer über den Wespenstaat bilden, sterben im Herbst. Auch ihre alte Königin, die nun erschöpft ist, stirbt. Nur junge Königinnen überleben diese Zeit und ziehen sich an frostgeschützte Orte zurück, wo sie in Winterruhe fallen.

Sobald es wärmer wird, fliegen sie aus und suchen nach Stellen, die für neue Nester geeignet sind. Dort bilden sie ihre eigene Kolonie. Daher ist es möglich, dass man bereits im Frühjahr einzelne Wespen sieht – doch handelt es sich bei denen immer um Königinnen. Sie sind deutlich größer als die Wespen, die später im Jahr fliegen. Erst ab etwa Ende April haben die Königinnen ihre Staaten so weit vergrößert, dass auch wieder Arbeiterinnenwespen auftreten.

Hungrig. Die Raupen des Buchsbaumzünslers fressen Hecken kahl. Foto: Reinhart Bünger Vergrößern
Hungrig. Die Raupen des Buchsbaumzünslers fressen Hecken kahl. © Reinhart Bünger

Buchsbaumzünsler

Die Falter des Buchsbaumzünslers sind hübsch, ihre Flügel sind weiß und an den Rändern mit einem breiten dunklen Streifen versehen. Doch die Raupen bringen Gärtnerinnen und Gärtner hierzulande zur Verzweiflung. Buchsbäume, die als Zierde in kleinen und großen Hecken gepflanzt werden, fressen die Tiere völlig kahl. Nur mit aufwendiger Pflege kann man ihm beikommen. Der Buchsbaumzünsler gehört zu den invasiven Arten: Er stammt ursprünglich aus Ostasien und gelangte vor ein paar Jahren nach Europa.

Ursprünglich nahm man aufgrund seiner Herkunft an, dass er kühleres Klima nicht verträgt und sich deshalb zum Beispiel nicht in Norddeutschland ausbreiten würde. Mittlerweile hat sich das als Trugschluss herausgestellt: Die Raupen des Falters können in ihren Kokons Temperaturen von bis zu zwölf Grad Celsius unter Null ertragen. Ein sehr frostiger Winter kann ihre Zahl minimieren – doch die übrig gebliebenen Exemplare werden sich wieder rasch vermehren.

Asiatischer Marienkäfer

Statt Zweipunkt- und Siebenpunkt-Marienkäfer findet man bei uns mittlerweile in erster Linie Asiatische Marienkäfer. Auch sie tragen auf ihren roten Flügeldecken schwarze Punkte, doch in unterschiedlicher Anzahl. Die Larven des Asiatischen Marienkäfers fressen Blattläuse wie ihre bei uns heimischen Verwandten – deshalb sind sie nicht überall unbeliebt. Doch sie bringen auch Probleme. Finden die Larven keine Blattläuse, fressen sie auch die Larven von Zweipunkt- und Siebenpunkt-Marienkäfer.

[Einen Beitrag über Insekten, deren Geruchssinn durch Abgase gestört wird, können Sie als Tagesspiegel-Plus-Text hier lesen.]

In Süddeutschland kämpfen zudem Weinbauern gegen die Tiere an. Die Käfer suchen im Herbst die süßen Beeren auf, um von ihrem Saft zu saugen. Geraten sie dabei in die Lese, können die Tiere wegen ihres bitteren Geschmacks den Wein verderben. Woher die Asiatischen Marienkäfer bei uns stammen, ist nicht genau bekannt. Es scheint jedoch, als könnten sie Temperaturen bis zu minus 15 Grad Celsius überstehen. So kalt wird es für die Käfer meist gar nicht erst: Für den Winter ziehen sie sich in Häuserwände und Fensterrahmen zurück, wo sie vor starkem Temperaturabfall geschützt sind.

Blattläuse

Je kälter es wird, desto schwerer ist das Überleben für Blattläuse. Ihr Überleben hängt auch davon ab, in welchem Stadium sie in den Winter gekommen sind: Eier ertragen die Kälte besser als ausgewachsene Tiere. Doch selbst, wenn ein starker Winter ihre Zahl deutlich dezimiert, ist dieser Schwund nur von kurzer Dauer. Weibliche Blattläuse sind in der Lage, auch ohne Paarungspartner Eier zu legen. Jungfernzeugung nennt man dieses Phänomen. 

Dadurch können sie sich ohne Probleme exponentiell vermehren – ein Weibchen zeugt bei jeder Eiablage etwa zehn neue Weibchen.

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